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Verbotene Liebe: Gegen den Wind

Eine Seefahrt, die ist lustig? Eine Crew von Verbotene Liebe ging zum zehnjährigen Jubiläum der Daily Soap auf Reisen - und kämpfte nicht nur mit dem Wetter.

Sie lacht nicht mehr, sie sagt nichts mehr, sie rührt sich nicht. Yvonne Burbach liegt in einem Sessel in der Pazifik-Lounge, das schmale Gesicht wachsweiß, die blauen Augen geschlossen, und stöhnt. Jemand hält ihr eine Spucktüte hin, "Yve, musst du É?", aber Yvonne Burbach bekommt selbst das nicht mehr mit.

Die erste Nacht

an Bord der "MS Albatros" war nicht so erholsam, wie man das auf einer Kreuzfahrt im Mittelmeer vielleicht erwartet hatte. Es ging am Golf von Lyon vorbei, der Wind blies mit Stärke acht, die Wellen waren sieben Meter hoch, und der Begriff Schiffsschaukel bekam eine ganz neue Bedeutung.

Und so ist Yvonne Burbach, 29, Schauspielerin auf Dienstreise, nur körperlich anwesend, als für die 32-köpfige Crew von "Verbotene Liebe" der Arbeitstag beginnt. Neben ihr hängt der Make-up-Mann in den Seilen, der Requisiteur auch, dito zwei Beleuchter. Und ans Drehen ist nicht zu denken.

Es geht um Szenen für die zehn Jubiläumsfolgen von "Verbotene Liebe", die seit Montag in der ARD gezeigt werden, denn in diesen Tagen wird die Vorabendserie zehn Jahre alt. "Verbotene Liebe" ist die Chanel-Seife unter den Daily Soaps: Sie spielt in der Welt des Adels - mit Von und Zus, viel Geld und Dienern, schicken Autos, tollen Schlössern und nun einer Kreuzfahrt: von Monte Carlo über Barcelona, Valencia, Lissabon und Madeira auf die Kanaren. Klingt hübsch, ist aber in Wahrheit: Stress.

Den bringt das Seifenoper-Prinzip schon zu Hause im Kölner Studio mit sich, wo pro Werktag eine Folge zu entstehen hat, was immer Zeitdruck bedeutet und 14-Stunden-Tage für alle, weshalb sich die Leute von "Verbotene Liebe" gern mal fragen: "Drehst du noch, oder lebst du schon?"

Beim Dreh auf See kommt verschärft dazu: Das Wetter muss mitspielen, ebenso die restlichen der 685 Passagiere - alle deutsch, fast alle Rentner. An Bord ist es eng, und es fehlt Glamour in der Kulisse, denn die "MS Albatros" ist so was wie der Skoda unter den Kreuzfahrtschiffen, Baujahr 73, mausgraue Kabinen, dafür sehr bunte Salons; für ein Traumschiff hat das Budget nicht gereicht.

Gegen die Seekrankheit bekommen

die "Verbotene Liebe"-Leute verbotene Pflaster hinter die Ohren geklebt. Die kleinen, weißen Dinger enthalten Atropin, das Gift der Tollkirsche, sie legen den Gleichgewichtssinn lahm; zu Hause werden sie wegen ihrer Nebenwirkungen nicht verkauft. Doch Moni, die Drehkoordinatorin, hat sie irgendwo organisiert: "Die sollen Wunder wirken!"

Bald sehen die Pflasterträger aus, als hätten sie gerade Kokain geschnupft: Sie haben riesige Pupillen. Und klagen, dass sie nicht mehr scharf gucken können. Plötzlich ist nur noch von der "Sehkrankheit" die Rede, was alle sehr witzig finden. Wenigstens ist keinem mehr übel. Das kann aber auch daran liegen, dass die See schlagartig ruhiger geworden ist, seit es am spanischen Festland entlanggeht.

Yvonne Burbach, auch geistig wieder voll an Bord, lehnt an der Reling auf Deck neun und blinzelt in die Sonne. Sie spielt die junge Gräfin Cécile von Lahnstein, pult schnell noch ihr Pflaster ab, und dann ist sie bereit für Szene 2382.14: "Cécile gesteht Johannes ihre Affäre".

Die Liebe zwischen Gräfin Cécile und Graf Leonard von Lahnstein ist natürlich eine verbotene: Er ist ihr Stiefsohn. Um ihre Gefühle zu sortieren, ist Cécile hinaus aufs Meer gefahren. Wo sie unerwarteten Besuch bekommt. Von Leonard, ihrem Lover, und von Johannes, ihrem Gatten. Schwere See droht: "Ich bringe den Kerl um, wenn er mir über den Weg läuft!", brüllt Graf Johannes in Szene 2382.14. Cécile "blickt befangen", so befiehlt es das Drehbuch. Aber von Deck zehn blickt befangen ein Passagier mit blassen Beinen in kurzen Hosen herab. "Sach ma É", sagt er, da macht jemand: "Pssst!" "Na hör'n Se ma, ick hab hier bezahlt, wa?!", blökt er. Und schon wird wieder von vorn gedreht.

Männer tun sich halt schwerer

mit dem Fernsehadel. 70 Prozent der 2,7 Millionen Zuschauer, die täglich "Verbotene Liebe" gucken, sind Frauen, junge wie alte; die einen mögen das, weil sie sich vor dem Fernseher die Fußnägel lackieren können, die anderen, weil sie dabei abendessen und "Das Goldene Blatt" für 30 Minuten beiseite legen können.

In Lars Kortens Kabine, Nummer 4088, liegt ein "FHM"-Heft mit Pamela Anderson auf dem Cover. "Ich meine, hallooo? Zwei Wochen auf diesem Schiff?", sagt er und lacht. Lars Korten, 32, blonde Locken, blaue Augen, spielt seit einem Jahr den Leonard von Lahnstein. Seitdem geht er nur noch ungern in die Kölner Innenstadt: "Das kannst du vergessen." Zu viele Mädchen, Damen, Großmütter, die ihm "Hallo, Leonard!" zurufen. Wie die Kreuzfahrerin, die sich mit ihrem Gehwagen durch den engen Gang schiebt und ihn beseelt anlächelt. Lars Korten lächelt höflich zurück. Er muss aufs Sportdeck, in Szene 2382.11: "Leonard zieht sich zurück, joggt".

Zurückziehen, joggen - das geht im Drehbuch, aber sonst? Immer das Gleiche: arbeiten von acht Uhr morgens bis neun Uhr abends (wenn alles gut geht), zwischendurch ein paar Croissants und manchmal ein halbgares Stück Fisch einschieben, sich das Ganze nachts in "Harry's Bar", der schrulligen Bord-Disco, schöntrinken und beim DJ "Enjoy The Silence" von Depeche Mode wünschen.

Das alles ist "Horror", wie ein Techniker sagt. Die Jungs sind besonders arm dran, weil sie in jeder Szene dabei sind - anders als die Schauspieler. Und weil sie ihre Kabinen zu zweit bewohnen - anders als die Schauspieler. Die Ton-Leute verzweifeln, weil sie statt der Dialoge ständig den Schiffsmotor und Lautsprecher-Ansagen ("Frau Dittmers, Ilse, bitte zur Rezeption!") auf Band haben. Und die Kamera- und Licht-Leute sind genervt, weil sie, hineingequetscht in enge Suiten, das Beste aus jeder Szene machen sollen, ohne Klaustrophobie zu kriegen. Die Requisiteure schließlich werden irre, weil es an Bord weder Karaffe noch Silbertablett gibt und sie deshalb nur schwer Glamour herzaubern können.

"Halt's Maul"

, pampt einer den anderen beim Dreh an, schickt aber gleich hinterher: "Entschuldige, ich bin nur genervt, weil ich seit Stunden nicht zur Toilette gekommen bin." Die ist halt weit weg hier, irgendwo am Ende dieser endlosen Gänge, und so viel Zeit ist nicht.

"Wow, wie Kate Winslet!", sagt Yvonne Burbach, breitet die Arme aus, und ihr roter Pullover flattert im Wind, der ihr mit Ohrfeigenstärke um den Kopf saust und Szene 2383.21 beschallt: "Cécile und Leonard knüpfen wieder zarte Bande". Den Schiffsbug und das Meer im Hintergrund, küsst Cécile ihren Stiefsohn Leonard, das erinnert an "Titanic", aber dann fliegt ein Militärhubschrauber ins Bild, und wieder wird von vorn gedreht.

Am Freitagmorgen läuft die "MS Albatros" in Lissabon mit zwei Stunden Verspätung ein, was dem Filmteam etwas Angst macht. Fünf Szenen sollen bis Sonnenuntergang an Land gefilmt werden, "das wird Blitzkrieg", sagt ein Ton-Mann. Was folgt, läuft ab wie ein Film bei gedrückter "Fast Forward"-Taste. 30 Leute rein in den Bus, ab in die "Rua Augusta", raus aus dem Bus, ein, zwei Szenen drehen, weiter zur Seilbahn, ein, zwei Szenen drehen, und dann rauf in die Altstadt, wo sich Cécile und Leonard am Castelo noch mal schnell in die Arme fallen. Uff.

Yvonne Burbach und Lars Korten sitzen auf der Burgmauer, weit unter ihnen glänzt der Tejo im Abendlicht, und sie glauben, sie hören nicht richtig. Eigentlich war hier oben ein Abendessen geplant, im Restaurant "Castelo" ist eine lange Tafel gedeckt. Aber dann sagt der Produktionsleiter: gestrichen, alle zurück an Bord. "Waaas?", sagt Yvonne Burbach. "Wir waren so schnell, und jetzt werden wir dafür bestraft?" "Wir gehen auf Teneriffa ganz schick essen", verspricht der Produktionsleiter. "Klar", sagt Lars Korten, "oder in Köln."

Ulrike von Bülow / print