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Musiker aus Großbritannien Fred Again macht aus Gesprächsfetzen und Sprachnachrichten Welthits – ein Treffen in Berlin

Fred again..
Äußerst erfolgreich unterwegs: der britische Musiker Fred again..
Fred Again zählt seit zwei Jahren zu den angesagtesten Elektro-Musikern der Welt. Aus Gesprächsfetzen und Sprachnachrichten formt er Welthits mit mehr als 150 Millionen Hörern. Ein Gespräch über Berlin, fremde Begegnungen und Verlust.
Als Künstler berühmt geworden ist Fred John Philip Gibson vor nicht all zu langer Zeit durch einsame Videoclips während der Pandemie, am vergangenen Sonntag spielte er vor mehreren Tausend Menschen im Berliner Velodrom. Dabei hätten sicherlich noch mehr Karten verkauft werden können. Wenige Minuten nach der Ankündigung seiner Europa-Tour waren alle Termine restlos ausverkauft. Der britische Musiker trifft mit seinem Sound den Nerv der Generation Z.
Kaum ein Künstler steht so sehr für den weltweiten Hype um diese junge Generation an britischen Künstlern wie Fred Gibson, besser bekannt als Fred Again. Auf Streamingplattformen versammelt er zehn Millionen monatliche Hörer hinter sich und Live-Auftritte wie aus dem berüchtigten Boiler Room in London wurden millionenfach geklickt. Sowohl der Cannes-Gewinnerfilm "Triangel of Sadness" als auch tausende TikToks, werden mit seinen Liedern unterlegt. Es scheint als könnte sich derzeit jeder auf diesen einen jungen Musiker verständigen. Trotzdem wirkt Fred eine Stunde vor seinem Auftritt in Berlin nervös.
Der 29-jährige Produzent und Elektro-Pop-Musiker sitzt an einem Schreibtisch in seiner Garderobe. Auf den Fluren ist es kahl und grau-meliert, drinnen wird man mit warmem Licht, schweren Teppichen und den Klängen eines japanischen Komponisten empfangen. Freds Auftreten wirkt, wie man es aus seinen Social-Media-Kanälen erwarten würde: nahbar und charmant, aber mit einer klaren Marketingstrategie hinter sich. Ich wäre der letzte Mensch, den er vor der Stagetime sieht, versichert Fred. Danach würde er nur noch hier sitzen und Musik machen. Zum Runterkommen.

Vom Produzent der Stars zum gefeierten Solo-Künstler

Vor der Corona-Pandemie war der Brite nur hinter den Kulissen bekannt. Er schrieb Hits für Pop-Größen wie BTS, Shawn Mendes und Rita Ora aber auch für den Grime-MC Stormzy. Als Produzent war er 2019 zudem maßgeblich für Ed Sheerans "No. 6 Collaborations Project" verantwortlich, was ihm den Brit Award für den "Producer of the Year" einbrachte. Gibson ist der jüngste Preisträger aller Zeiten. Heute, an einem nasskalten Abend in Berlin, möchte Fred nicht mehr über sein früheres Leben sprechen. Der Schritt ins Rampenlicht wäre ihm nicht schwergefallen. Eher fühlt es sich an, als hätte er es schon immer gesucht.
"Meine erste Live-Show war das Beste, was ich je erlebt habe. Es war sehr bizarr, weil es direkt bei einem sehr großen Festival in London war", erzählt Fred. "Das letzte Mal, das ich auf der Bühne stand, habe ich Pauke im Schulorchester gespielt." Nach einem Jahr auf Tour und zwei weiteren Alben würde es sich langsam nicht mehr absurd anfühlen.

Fred Again bringt Erinnerungen zum Leben

Freds Sound könnte man wohl am ehesten als eine Mischung aus James Blake und The xx beschreiben. Sie eignet sich sowohl für einen gedankenschweren Spaziergang aber auch für eine lange Partynacht. Die Elektro-Beats sind mal melodisch und gefühlvoll, mal wild und aufbrausend. Wie das echte Leben eben.
Statt die Emotionen der Menschen zu beschreiben, lässt Fred sie einfach selber sprechen. Aus Videoschnipseln, Sprachnachrichten und Gesprächen mit Fremden auf der Straße baut er die Lyrics für seine Songs. So entstehen echte, ungespielte Beiträge, die beim Hörer das Gefühl wecken, selbst ein Teil der Musik sein zu können. Die Wortbeiträge seiner eigenen Weggefährten sind das Herzstück von Fred Agains-DJ-Sets und Alben. Wie kein anderer Künstler steht er für die Remix- und Samplekultur, die in den letzten Jahren von den Clubs über Tiktok in den Mainstream gespült wurde.

Eine folgenschwere Begegnung in Atlanta

Angefangen hat damals alles mit dem Bauarbeiter Carlos, den Fred nach einem Konzert in Atlanta kennenlernte. Carlos stellte sich dem Musiker vor, während dieser mit Freunden ein paar Drinks genoss. "Er hatte diese mitreißende Art an sich. Als ich am nächsten Morgen mit einem Kater in meinem Hotelzimmer aufwachte, hatte ich dutzende Videos von Carlos auf meinem Handy. In einem rief er immer wieder ‘We gon’ make it through’”. Dieser eine kurze Satzes bildet das Fundament für das gesamte erste Album von Fred.
Man findet ihn unter anderem auf seinem wohl berühmtesten Song "Marea (we’ve lost dancing)". Carlos ist aber auch ein eigener Song gewidmet. Er hätte versucht seinen Spirit musikalisch einzufangen, erzählt Fred. Untermalt mit den wirklichen Aussagen von Carlos wird der Song "Carlos (make it thru)" zur sentimentalen, musikalischen Erinnerung. Eine Art Tagebuch-Eintrag. Die ersten Sets mit diesem Sample, werden nicht nur auf YouTube hundertausendfach geklickt. "Ich verliebte mich sofort in die Arbeit, so viel Schönes wie möglich aus einfachen Begegnungen zu ziehen. Seit diesem Tag bin ich verrückt danach."
Später bedient er sich auch bei Gedichten, die er im Internet findet für das dunkle Sample von "Kyle (I Found You)" oder bei einem eindringlichen Monolog über das Leben mit Depression zum Beginn von "Sabrina (I Am A Party)". Jeder Song ist nach dem Protagonisten des jeweiligen Samples benannt. Manchmal auch einfach "me"(ich). Für den Track "Delilah (pull me out of this)" raunt Freds enge Freundin Delilah "Pull me out of this, you know how to calm me down" ("Zieh mich da raus, du weißt, wie du mich beruhigen kannst") ins Mikrofon. Es ist ein Sample ihres eigenen Tracks "Lost Keys". Als Inspiration diente eine Panikattacke im Club, schreibt Fred Again auf Instagram.

Sonnenstrahlen fallen durchs Clubfenster

Man merkt Fred Again an, dass er für die Musik lebt. Er würde gerne es aus allem und überall Musik kreieren, sagt er. Das würde ihm auch mal genervte Blicke von seinen Freunden einheimsen. Der wohl absurdeste Ort, an dem er einen Song geschrieben hätte, war in einem Techno-Club. "Es war sechs oder sieben Uhr morgens. Die Sonne ging auf und ich dachte, ich muss diesen Moment festhalten. Also saß ich mich in eine Ecke und machte es einfach. Selbst wenn jede Menge abgefuckte Leute um mich herumstanden."

Auch in Berlin hätte er gestern Abend eine solche Begegnung gehabt, erzählt der 29-Jährige. Er saß in einem Restaurant. Keine wilde Nacht, nur vier, fünf Bier mit der Crew. Dort wäre er beim Rauchen vor der Tür mit einem 60-jährigen Berliner ins Gespräch gekommen. "Wir hatten ein faszinierendes Gespräch über das Leben vor und hinter der Mauer". Vielleicht wird irgendwann auch daraus ein Song werden. "Jeder meiner Tracks beginnt mit dem Sample. Es muss besonders sein und etwas in mir auslösen", erklärt Fred." Danach verbringe ich viele Stunden damit die passenden Melodien zu finden."

Drei Alben sind auf diese Art und Weise in den letzten beiden Jahren entstanden. Nach dem Debütalbum "Actual Life (April 14 – December 17 2020)" und dem Nachfolger "Actual Life 2 (February 2 – October 15, 2021" folgte im Oktober "Actual Life 3 (January 1 – September 9 2022)". Es soll vorerst der letzte Teil der Reihe bleiben.

Euphorie und die Sorge, dass sie vergeht

An diesem Punkt in unserem Gespräch wirkt Fred nachdenklich und abwesend. Sein Blick heftet an der kahlen Wand der Arena-Katakomben. Die als Alben getarnten Tagebücher des Fred Gibson erzählen schließlich auch eine andere Geschichte. Eine vom persönlichen Verlust und Schmerz. Während der Arbeit an seinem ersten Album erkrankte eine enge Freundin schwer. Aus den fröhlichen, euphorischen Melodien wird später ein eher nachdenklicherer Sound. Der erste Teil von "Actual Life" kommt später zu einem tragischen Ende.

Auch auf den beiden folgenden Releases, herrscht stets eine Spannung zwischen Euphorie und der Sorge, dass diese eines Tages plötzlich vorbei sein kann. Der Künstler selbst beschreibt es vor seinem Auftritt in Berlin gewohnt vage: "Im ersten Album ging es ums Verlieben, im zweiten dann um die Trauer. Das dritte beschreibt eine neue Stufe: die Akzeptanz." Für Fred ist es ein logisches Ende der Thematik und ein Mechanismus, um sich selbst zu schützen. "Ich muss aufhören, immer über dasselbe zu schreiben. Es tut mir nicht gut. Irgendwann werde ich aber bestimmt dazu zurückfinden."

Sein erster Auftritt in Berlin nach der "Actual Life"-Trilogie schließt für Fred Again auch einen persönlichen Kreis. Hier seien große Teile des ersten Albums entstanden, erzählt er mit nun wieder leuchtenden Augen. "Ich habe immer mal wieder mehrere Wochen allein in Berlin gewohnt. Tagsüber Musik schreiben, nachts in Clubs feiern. Das war mein Leben".
Während seines Auftritts erzählt Fred seine persönliche Berlin-Historie auch über die rote Videoleinwand hinter seinem Mischpult. Jubel brandet auf. Wieder wirkt es, als wären seine Fans Fred ganz nah. Als wären sie ein Teil seiner persönlichen Reise. Dann folgt ein Satz, den man schon auf vielen Konzerten gehört hat: Auf kaum ein Konzert hätte er sich in zwei Jahren so gefreut, wie auf dieses. Fred Again möchte man es glauben.

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