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Holger Friedrich: Stasi-Mitarbeit: Berliner Zeitungen arbeiten Vergangenheit ihres neuen Verlegers auf

Für die Redaktion kam die Nachricht vollkommen überraschend. Der neue Eigentümer des Berliner Verlags, Holger Friedrich, war Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Nun wollen die Blätter die Vergangenheit ihres Verlegers journalistisch aufbereiten.

Berliner Verlag: Holger Friedrich und Silke Friedrich sind die neuen Verleger

Neu an der Spitze des Berliner Verlags: das Verlegerpaar Holger und Silke Friedrich

DPA

Schon die Nachricht an sich erregte Mitte September Aufsehen: Das Unternehmerpaar Silke und Holger Friedrich kauft den Berliner Verlag - und damit namhafte Zeitungen wie die "Berliner Zeitung" und den "Berliner Kurier". Print-Titel zu übernehmen, zählt in Zeiten der voranschreitenden Digitalisierung nicht gerade als unternehmerische Innovation. Seit der Kauf von der Kölner DuMont-Mediengruppe bekannt wurde, reißen die Schlagzeilen vor allem um den vollbärtigen Holger Friedrich nicht ab. Im Editorial "Was wir wollen" ließ der 53-Jährige Sympathie für den letzten DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz durchblicken und warb für die offensive Verwendung digitaler Daten. Wie er sich das auf dem Hauptstadtportal "Berlin.de" vorstellen könnte, beschrieb er in einem Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) - Sinn für Datenschutz ließ er dabei nicht durchblicken. Vor allem aber beschäftigen die früheren Stasi-Kontakte des Neu-Verlegers die Branche und die Öffentlichkeit.

Die Medien des Berliner Verlags wollen die Vergangenheit ihres neues Besitzers nun journalistisch aufbereiten. "Wir werden Fakten sammeln, wir wollen die Akten - die Opfer- und die Täterakte - einsehen", schrieben die Chefredakteure von "Berliner Zeitung" und "Berliner Kurier", Jochen Arntz und Elmar Jehn, am Montag in ihren Blättern. Die Redaktion werde sich ein Bild machen, Experten hinzuziehen und wolle auch mit Menschen reden, die in den Akten auftauchen. "Holger Friedrich hat der Redaktion ausdrücklich zugesichert, sie auf diesem Weg zu unterstützen." Die Zeitungen des Berliner Verlags wollten über den Fall berichten, wie sie auch sonst berichten würden. "Journalistisch klar und unabhängig", schrieben Arntz und Jehn weiter.

Holger Friedrich alias "Peter Bernstein"

Vergangenen Freitag war bekannt geworden, dass Friedrich in der DDR zeitweise Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi war. Wie die "Welt am Sonntag" berichtete, war er unter dem Decknamen "Peter Bernstein" für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) tätig. Demnach berichtete er während seines Wehrdienstes bei der Nationalen Volksarmee über Kameraden und belastete diese dem Bericht zufolge teilweise schwer. Friedrich selbst erklärte, er habe eine handschriftliche Verpflichtungserklärung bei der Stasi aus einer Notsituation nach einer Verhaftung heraus verfasst, um einer befürchteten Gefängnisstrafe zu entgehen. Er sei "nicht aktiv" für die Staatssicherheit tätig gewesen. Bei der ersten Gelegenheit habe er sich dieser Notsituation entzogen und danach die Zusammenarbeit mit der Stasi verweigert.

Bei der journalistischen Aufarbeitung von Friedrichs Vergangenheit wolle die Redaktion auch klären, warum der Neu-Verleger nicht schon beim Kauf des Verlags über seine Stasi-Kontakte informiert habe. "Wir werden unseren Verleger dazu befragen. Wir wollen seine Beweggründe kennenlernen, wir wollen verstehen, wie seine Entscheidung zustande kam", schreiben Arntz und Jehn.

Bunte Kunstinstallation aus Farbstreifen in Berlin

Holger Friedrich: Blätter müssen über Geschäfte aufklären

Zudem reagierte die Redaktion der "Berliner Zeitung" schon zum wiederholten Mal auf einen "Spiegel"-Bericht. Das Magazin hatte kritisiert, dass das Blatt über das ostdeutsche Biotech-Unternehmen Centogene berichtet hatte, ohne zu erwähnen, dass Friedrich in dessen Aufsichtsrat sitzt und laut US-Börsenaufsicht im Juni über eine in Berlin ansässige Firma 3,27 Prozent an dem Unternehmen hielt.

Wie die "Berliner Zeitung" nun erklärt, hatte Friedrich dem Herausgeber und der Chefredaktion den Hinweis gegeben, dass Centogene Weltmarktführer in der gentechnischen Analyse sei und dessen Börsengang ein Anlass zur Berichterstattung sein könnte. "Weder der Chefredaktion noch den beiden Wissenschaftsredakteuren war zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass Holger Friedrich an dem Unternehmen beteiligt ist. Wäre das anders gewesen, hätte die Redaktion diese Information in den Artikel mit aufgenommen", hieß es in der Erklärung. Künftig werde die Redaktion für Transparenz sorgen und in der Berichterstattung prüfen, ob geschäftliche Interessen des Unternehmerehepaares Friedrich oder des Medienhauses berührt seien. 

Auch der kürzlich eingesetzte Herausgeber der "Berliner Zeitung", Michael Maier, hatte sich in einem in der Montagsausgabe veröffentlichten Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" kritisch zu dem Fall geäußert: "Falsch war, nicht zu erwähnen, dass der Verleger im Aufsichtsrat sitzt. Das war mir und der Redaktion nicht bekannt. Die Jung-Verleger haben mittlerweile sicher verstanden, dass es gewisse Spielregeln gibt, die man am besten übergenau einhält."

"Berlin.de" der eigentliche Schatz

Ihr Verhältnis zu Spielregeln im Themenfeld digitale Daten offenbarten die Friedrichs in einem Interview mit der "NZZ". Dort verrieten sie, was "der eigentliche Schatz unseres Deals" sei - nämlich die Website "Berlin.de", an der die Friedrichs über die BV Deutsche Zeitungsholding GmbH maßgeblich beteiligt sein sollen. Auf dem offiziellen Portal der Hauptstadt könnten "wir prinzipiell jede Dienstleistung ausspielen", so Silke Friedrich gegenüber dem Schweizer Blatt. Dass die Friedrichs für die Berliner Verwaltung - für ihre Bürokratie berüchtigt, wie der Fragesteller Marc Felix Serrao einwandte - noch "eine Überraschung" seien, ficht den Neu-Verleger dabei nicht an.

Der 53-Jährige macht eher deutlich, wie er sich Bürgerservice auf "Berlin.de" künftig vorstellt: "Ganz einfach: Man lädt sich die App der Stadt herunter, scannt seinen Ausweis ein, dann wird in wenigen Sekunden verifiziert, ob das Dokument valide ist oder irgendetwas juristisch vorliegt. Als Nächstes wird die Steueridentifikationsnummer abgeglichen, auch die Rückmeldung erfolgt binnen Sekunden. Fertig. Wir freuen uns, Sie als Bürgerin oder Bürger in Berlin begrüßen zu dürfen." Was sich reibungslos liest, bedeutet im Klartext: Ein Privatunternehmen checkt alle Bürger und Bürgerinnen der Hauptstadt durch und weiß in Sekundenschnelle Bescheid: Meldedaten, etwaige Vorstrafen, Bonität ... Ein Satz aus dem Start-Editorial der Friedrichs bekommt angesichts dessen für viele Beobachter eine größere Bedeutung: "Wir beide wissen aus beruflicher Erfahrung um die Macht von Daten."

In jenem viel beachteten Editorial hatte Friedrich zudem eine positive Haltung zu Egon Krenz formuliert. "Krenz hatte die Größe, sein politisches Scheitern zu akzeptieren. Auch das hat den friedlichen Systemwechsel möglich gemacht", formulierte der Unternehmer im "NZZ"-Interview seine Haltung. Den Einwand, dies sei "ein fragwürdiges Fazit dieses politischen Lebens" quittierte Friedrich mit dem Satz: "Und es ist Ihr Recht, das so zu sehen."

Quellen: Nachrichtenagentur DPA, "Neue Zürcher Zeitung", "Berliner Zeitung", "Welt am Sonntag", "Süddeutsche Zeitung", "Berlin.de"

dho