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"Frankfurter Allgemeine Zeitung" Jan Böhmermann veröffentlicht nicht gedrucktes Interview - in 73 Tweets

Jan Böhmermann
Jan Böhmermann ist ab November im ZDF mit seiner neuen Show zu sehen.
© Matthias Balk/ / Picture Alliance
Jan Böhmermann legt im Streit mit der "FAZ" nach. Nun hat der Satiriker auf Twitter ein Interview publik gemacht, das die Zeitung nicht veröffentlichen wollte.

In seiner Auseinandersetzung mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" hat Jan Böhmermann nachgelegt. Am Donnerstagnachmittag hatte er dem Herausgeber der Zeitung, Jürgen Kaube, in einem Offenen Brief vorgeworfen, die Veröffentlichung eines druckfertigen Interviews, das er mit der "FAS" geführt hat, verhindert zu haben.

Kurz vor Mitternacht hat der 39-Jährige kurzerhand das Interview auf seinem Twitter-Kanal veröffentlicht - und lädt damit zu Spekulationen ein, weshalb dieses Gespräch nicht abgedruckt wurde.

Anlass war die Veröffentlichung von Böhmermanns Twitter-Tagebuch "Gefolgt von niemandem, dem du folgst". Entsprechend ging es zunächst um das Twitter-Verhalten des Satirikers. "Mindestens sechs Stunden am Tag" verbringe er in dem sozialen Netzwerk.

Jan Böhmermann über Twitter

"Twitter ist meine zentrale Plattform, von der aus ich überall anderes hingehe. Die Hauptquelle, sowohl, was journalistische Inhalte angeht als auch um Leute einzuschätzen, die sich dort aufhalten", so Böhmermann. Er nutze dabei das Programm Tweetdeck, das sei für ihn "wie eine Weltmaschine, ein Röntgengerät, ein umfassender Einblick in den laufenden Diskurs."

Der TV-Moderator des "ZDF Magazin Royale" beschreibt in dem Interview auch seine Wandlung vom reinen Spaßmacher hin zum Satiriker mit einem "aktivistischen Element". Als Grund für die Entwicklung nennt er die "zerbröselnde Welt der letzten zehn Jahre und das unbefriedigende Gefühl, dass ich in der Rolle des Quatschvogels zur Passivität verdammt bin."

Böhmermann beschreibt auch, weshalb Twitter für Extremisten so interessant sei: "Sie können plötzlich stattfinden. Die Mechanik ist ganz einfach – die AfD hat genau so davon profitiert wie ich selber: Zecke dich an die großen Accounts heran und zwinge sie mit allen Mitteln zum Dialog." Das Prinzip verhelfe gesellschaftlichen Minderheiten dazu, ihre Themen an relevanter Stelle in die Debatte einbringen zu können.

Cancel Culture und der böse Wolf

Ausführlich äußerte sich Böhmermann auch zu der Debatte um die Cancel Culture. "Wenn deine Idee schlecht ist, dann schluck's runter und denk dir was Schlaueres aus und fantasier' nicht irgendwelche Cancel Cultures herbei oder sehne dich gar gleich neuen Autoritäten, die dir deine kleine Sperrholz-Wahrheit vor dem bösen Wolf beschützen."

Der TV-Moderator beobachtet ab 2015 einen Wandel im Diskurs, der mit dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" und die Migrationsbewegungen begonnen habe: "Seitdem entlädt sich ein Hass, der nicht mehr normal ist. Da ist irgendetwas Großes verrutscht."

"Hass, Hetze und Terroranschläge"

Es nütze jedoch nichts, sich all dem durch Nichtbeachtung zu entziehen. Denn die Folge seinen der Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke sowie die Anschläge von Hanau, Halle und Christchurch: "Hass, Hetze und Terroranschläge, die direkt mit Radikalisierungsprozessen zu tun haben, die aus sozialen Netzwerken heraus sich in der echten Welt entladen haben." 

Sein Rat an Menschen, die sich über selbstgerechte Twitter-Aktivisten beklagen: "Bei Gegenmeinungen nicht gleich zu weinen anfangen. Und wenn es Morddrohungen oder Schlimmeres gibt, ist das eine ganz klare Sache für die Polizei."

Auch wenn Böhmermann einige streitbare Positionen vertritt, etwa eine sehr eigenwillige Interpretation dessen, was Cancel Culture eigentlich bedeutet, ist nicht recht nachvollziehbar, weshalb die "FAS" das Interview nicht abdrucken wollte - zumal es zwischendurch viele amüsante Momente enthält. Auf Anfrage des stern hat die Zeitung den Grund dafür nicht kommentieren wollen.

che

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