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Joker: "Taxi Driver" mit Schminke

Die Debatte um Todd Phillips' Film "Joker", in dem Joaquin Phoenix sein Meisterstück abliefert, wird laut und vielerorts falsch geführt.

Der Moment, in dem aus Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) unwiderruflich der Schurke wird

Der Moment, in dem aus Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) unwiderruflich der Schurke wird

Der "Joker", Batmans ärgster Widersacher, terrorisiert ab 10. Oktober endlich auch das deutsche Kinopublikum - und wie. Die Geschichte wiederholt sich hierbei auf und abseits der Leinwand. Nicht etwa, weil Todd Phillips' immens düsterer Film die nunmehr vierte Version des geschminkten Comic-Nihilisten in die Kinos spült. Sondern, weil die Handlung seit "Taxi Diver" wohlbekannt ist und die daran anknüpfende Grundsatzdebatte über die Grenzen von Unterhaltung bereits 1976 geführt wurde. Ist "Joker" nun also Abklatsch oder Meisterwerk? Nein, er ist Abklatsch und Meisterwerk.

Der Fehler im System - darum geht es

Niemand kann ihm vorwerfen, es nicht zumindest zu probieren. Der höchst depressive Arthur Fleck (Joaquin Phoenix, 44), von seiner kranken Mutter ironischerweise mit dem Spitznamen "Happy" gerufen, fristet sein Dasein als lebendes Werbeschild und Clown-Lachnummer. Letzteres wäre er auch gerne freiwillig, auf der großen Bühne, als Stand-up-Komiker. "Muss man dafür nicht lustig sein?", fährt ihm seine verdutzte Mutter Penny (Frances Conroy) umgehend in die Parade, als er ihr seinen Karrierewunsch offenbart.

Nicht nur deswegen brodelt es in Arthur. Die Superreichen, allen voran die unnahbaren Waynes, scheren sich doch einen Dreck um den Pöbel Gothams, zu dem auch er und seine Mutter zählen. "Geht es nur mir so, oder wird die Welt da draußen immer verrückter?", will er von seiner Therapeutin wissen, der gerade aufgrund von Einsparungen der Laden dicht gemacht wurde. Als er wieder einmal eines Nachts von einer Gruppe Yuppies drangsaliert wird, stellt das den letzten Tropfen dar, der das Fass des manisch lachenden, weinenden Clowns zum Überlaufen bringt - und in ungezügelter Gewalt mündet.

Überdeutliches Vorbild

"Filme sollten keinen lüsternen Genuss daran haben, Blut zu vergießen und auf schrecklichen Gräueltaten zu verweilen, so als wäre man in einer römischen Arena." Dieser Satz stammt nicht etwa aus einem aktuellen Review zu "Joker". So schimpfte seiner Zeit US-Schriftsteller Tennessee Williams, als er 1976 der Jury der Filmfestspiele von Cannes vorstand und schockiert mitansehen musste, wie Martin Scorseses "Taxi Diver" dennoch die Goldene Palme einheimste. Heutzutage wird die Geschichte über den sozial vereinsamten Veteranen (Robert De Niro) gemeinhin als Geniestreich angesehen. Nicht trotz, sondern wegen ihres unangenehmen Charakters.

Natürlich ist Phillips die Nähe zu "Taxi Driver" bewusst. Sein Film kokettiert sogar damit, indem eben jener De Niro zum Cast zählt - nun als scheinheiliger, geleckter TV-Moderator, nicht mehr als Irokesen-Anarcho. In einigen Reviews wird diese überdeutliche Referenz kritisch hervorgehoben, böte "Joker" dadurch doch nichts Neues. Doch das stimmt so nicht. Gerade in Bezug auf das so inflationär ausgeschlachtete "Batman"-Universum gelingt dem Film über die Nemesis des "Dark Knight" Großes. Denn ob man nun will, oder nicht - nach "Joker" wird ein anderer Blick auf Batman, auf die Waynes geworfen. Ein Blick von unten, aus dem Moloch, von wo aus sie plötzlich gar nicht mehr so heldenhaft wirken.

Verkehrte Rollen

Das Schicksal des kleinen Bruce Wayne ist tragisch, keine Frage. Doch genau das ist der Punkt, den der Film macht: Wäre es kein Milliardär und seine Gattin, die in einer verranzten Hinterhofgasse ermordet werden, sondern Personen der Marke Arthur Fleck, würde es ihr Ableben noch nicht einmal in die Zeitung schaffen, geschweige denn auf Seite eins. Und Vollwaise Bruce? Ohne das Vermögen seiner Eltern wäre er höchstwahrscheinlich ein Junkie und nicht der dunkle Ritter geworden, der sich spätestens mit Anfang 20 den goldenen Schuss setzt, um dem trostlosen Gotham und seiner noch trostloseren Existenz zu entfliehen.

Gerechtfertigt oder nicht, aber endlich kann der Zuschauer ein Stück weit nachvollziehen, warum der Joker einen so unbändigen Hass auf die scheinheilige High Society hegt. Zu der zwangsläufig auch "Master Wayne" gehört, wie Bruce vom devoten Butler und späteren Ziehvater Alfred genannt wird. Einher geht damit selbstredend eine Entmystifizierung jenes Schurken, der in "The Dark Knight" (Heath Ledger) noch aus dem Nichts auftauchte und mit diebischer Freude über seine traumatische Vergangenheit log.

Sympathy For The Devil

Das führt zwangsläufig zu einer heiklen Frage, die bis in die Realität hinein reicht: "Dürfen Sympathien für einen Mann gehegt werden, der durchdreht und abscheuliche Dinge tut?" Die plumpe Antwort darauf lautet: "Nein, natürlich nicht." Das forciert "Joker" entgegen anders lautender Befürchtungen aber auch nicht. Es stimmt, er zeigt auf, wie soziale Einflüsse und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten dazu führen können, dass eine Person zum Monstrum wird. Dem Film deshalb vorzuwerfen, dass er die daraus resultierenden Konsequenzen glorifizieren würde, grenzt aber an Zynismus. Wie würde denn die Gegenthese hierzu lauten? Dass Menschen böse geboren werden?

Die Kontroverse um "Joker" ist eine Debatte der Debatte wegen. Eine, in der etwa die "Bild"-Zeitung mit Argusaugen fünf Tweets herauspikt, um Überschriften wie "'Joker'-Zuschauer stürmen vorzeitig aus Kinosaal" zu rechtfertigen. Rache-Thriller der Marke "John Wick" oder "Rambo" müssen sich derartig künstlichem Aufruhr nicht ausgesetzt fühlen. Obwohl es darin der ausgeschriebene Held ist, der Selbstjustiz ausübt. Wobei hier natürlich nie ein Unschuldiger durch den Kugelhagel des Protagonisten seinen qualvollen Tod findet. Diese Kino-Rache ist stets gerecht und rechtschaffend, ohne Kollateralschäden. In "Joker" ist die Gewalt abrupt, sie kommt unvermittelt und beschönigt - anders als John Wicks Kopfschuss-Ballett - absolut nichts.

Der Mann hinter der Maske

Was uns zum stärksten Punkt des Films führt - Hauptdarsteller Joaquin Phoenix. Umgeben von Kollegen und doch völlig alleine, so lernt der Zuschauer seine Figur Arthur kennen. Tränen verschmieren ihm die Clown-Fratze, die er sich gerade ins Gesicht gemalt hat. Dann zieht er sich die Lippen zu einem so breiten Grinsen nach oben, als wolle er sich die Haut über den Schädel schälen. Warum nur reicht es nicht, glücklich auszusehen, um glücklich zu sein, mag er sich in diesem Moment denken.

Vielleicht keinem anderen Schauspieler als Phoenix wäre es gelungen, diesen emotionalen Drahtseilakt hinzulegen. Sein Joker ist anstrengend, geplagt von diversen Dämonen. Er ist erbärmlich, ein weinerliches Muttersöhnchen und ja, auch bemitleidenswert. Zumindest, bis er die Gewalt als seine Form des Protests entdeckt. Eines ist er dabei aber nie: cool.

Quasi in keiner Situation des Films hat er die Kontrolle über das Geschehen, ja noch nicht einmal über seinen eigenen Körper. Unkontrolliert lacht er in U-Bahnen oder Bussen drauflos, erstickt beinahe an seinem Tourette-ähnlichen Tick. Phoenix spielt zwei Personen gleichzeitig, gefangen in ein und demselben, jämmerlich-abgemagerten Körper. Stehende Ovationen beim Filmfest von Venedig gab es wohl schon für viele, teils durchschnittliche Leistungen. Sie sollten daher nicht als Gradmesser dienen. Im Fall des 44-Jährigen, der in "Joker" ein eindringliches wie denkwürdiges Psychogramm abliefert, sind die lauten Oscar-Rufe aber gerechtfertigt.

Alles Gold, was grinst?

Zuweilen übertreibt es Regisseur Phillips aber auch mit all den Dingen, die er über seine Hauptfigur mit aufgeschminktem Dauergrinsen hereinprasseln lässt. Wirklich jeder Aspekt von Arthurs Leben ist niederschmetternd. Was einen Twist in Bezug auf seine hübsche Nachbarin, gespielt von der in Berlin geborenen Zazie Beetz, zunächst überdeutlich telegrafiert und die Auflösung dann wenig raffiniert wirken lässt. Zudem wird jede noch so verborgene Facette der späteren Batman-Nemesis gleißend hell beleuchtet - wo ein Rest-Mysterium rund um den "Joker" vielleicht die bessere Wahl gewesen wäre.

Fazit:

"Joker" ist die Origin-Story des vielleicht größten Schurken der Comic-Geschichte. Und zu einer guten Origin-Story gehört nun einmal ein Charakterwandel. Todd Phillips' Film Gewaltverherrlichung vorzuwerfen, weil er den Protagonisten nicht als durchgehend diabolisch darstellt, ist ein Blick auf den Film und die menschliche Psyche, der noch nicht einmal bis zum Tellerrand reicht. Im Gegensatz zu Hauptdarsteller Joaquin Phoenix macht der bierernste Film vielleicht nicht alles richtig und im Vergleich zu "Taxi Driver" nicht alles neu. Im Gegensatz zu so manch einem austauschbaren Marvel-Blockbuster bleibt er einem aber noch im Kopf, lange nachdem der Abspann über die Leinwand rollte. Ob man will, oder nicht.

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