"Bonjour Russland" Rendezvous am Rhein


Renoir, Picasso und Matisse: Um die Jahrhundertwende war französische Kunst bei Sammler in Russland absolut hip. Die Düsseldorfer Ausstellung "Bonjour Russland" zeigt die Wechselwirkungen zwischen russischer und französischer Avantgarde.

Ein wirklich "heroischer Akt" sei die Organisation dieser Ausstellung gewesen, meint der Direktor des Russischen Museums St. Petersburg, Wladimir Gusew, verschmitzt. Die vier großen Museen Russlands erstmals überhaupt als Leihgeber zu koordinieren, dies sei etwa so schwer, wie alle Länder Westeuropas politisch unter einen Hut zu bekommen. Herausgekommen ist bei diesem Kraftakt ein wahres Gipfeltreffen russischer und französischer Meister-Gemälde, die unter dem Titel "Bonjour Russland" bis zum 6. Januar 2008 im Düsseldorfer Museum Kunst Palast zu sehen sind.

Als weitere Station wandert die vom Energiekonzern Eon gesponserte Schau noch in die Royal Academy in London (26. Januar bis 18. April 2008). Um Haaresbreite wäre die Schau der Superlative an neuer restriktiver Entleihpolitik Russlands gescheitert, die nach jüngsten Massen-Diebstählen in den Museen des Landes vor einigen Monaten Einzug gehalten hat. Die 126 Gemälde, geliehen aus der Eremitage und dem Russischen Museum in Petersburg, der Tretjakow-Galerie und dem Puschkin-Museum in Moskau, dokumentieren die "Wanderung" avantgardistischer Kunstströmungen von etwa 1870 bis 1925 zwischen Frankreich und Russland.

Verstaatlichte Kollektionen bilden Fundament

Zwar sind weder die wichtigen der angereisten Bilder noch das Ost-West-Thema für westliche Kunstfreunde neu: Der Bilderbogen vom National-Maler Ilja Repin bis zu Revolutionären wie Malewitsch und Tatlin zeigt dennoch eindrucksvoll die um 1910 einsetzende Emanzipation der russischen Kunst von übermächtigen Westlern wie Cezanne, Gauguin, van Gogh oder Picasso. Mit deren Werk machten vor allem zwei manische Moskauer Großsammler die Kunstszene des Landes bekannt: Ihre von Lenin verstaatlichten Kollektionen bilden heute das Fundament der Düsseldorfer Schau.

Belege einer wohl bis heute noch andauernden Selbstfindung Russlands sind um 1880 entstandene Gemälde wie Isaak Lewitans oder Wassily Polenows impressionistische Landschaften mit behäbigen Flussufern und Zwiebelturm-Kirchlein. Repin heroisiert 1901 den Schriftsteller "Leo Tolstoi barfuß" im Russenkittel. Wie viel mehr Souveränität in Camille Corots sturmzerzausten Bäumen "Windstoß" (um 1870), Claude Monets "Heuschober" (1888) oder Paul Cezannes wenig jüngeren Provence-Ansichten des Mont St. Victoire! Manche Qualitätsschwäche in der noch zwischen Impressionismus und Jugendstil suchenden Kunst Russland möchte die Düsseldorfer Inszenierung gern mit der Dramatik von Dunkelheit und Spotlight überspielen.

Eine Kunst von Weltgeltung

Rings um "Der Tanz" (1910) von Henri Matisse, der als ein Schlüsselbild des Jahrhunderts zu Recht einen ganzen Saal dominiert, begleitet von van Goghs sensiblem Männerbildnis "Dr. Rey" (1889) und einer sensationellen Serie der alle Farben entfesselnden Südsee-Bilder Gauguins ertönt dann das Fanal der russischen Moderne. In einer Mischung aus Cezanne und Picasso, von heimischer Ikonen-Tradition und naiver Volksmalerei entsteht ab etwa 1910 eine Kunst von Weltgeltung, die dem Westen schlagartig weit voraus eilt.

Mit Werken wie Wladimir Tatlins "Weibliches Modell" (1913), Kandinskys musikalischer "Komposition VII" (1913) oder der vielen Malerinnen wie Ljubow Popowa oder Olga Rozanova ("Metronom"/1915), kubistische und futuristische "Bilderstürmerinnen" allesamt, ist diese "heroische" Epoche der Kunst Russlands am Rhein vertreten. Ganz am Ende dann als wahre Ikone der Moderne Kasimir Malewitschs "Rotes Quadrat" (1915). Mit einem der radikalsten Werke der Kunstgeschichte hatte der Meister glücklicherweise Unrecht: Das knallrote "Rechteck" stellte keineswegs - wie von ihm erwartet - das Ende aller Malerei dar.

Gerd Korinthenberg/DPA DPA

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