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Scherenschnitt-Motive Ai Weiwei bringt Politik an die Wand, in die Hand und auf den Kopf

Ai Weiwei macht ein Selfie vor einem Spiegel
Ernster Blick, aber ein geschmeidig umhülltes Haupt: Ai Weiwei trägt sein auf 90x90cm Seide gedrucktes Scherenschnitt-Motiv "Cats and Dogs" 
© Ai Weiwei / Taschen / Hersteller
Scherenschnitt ist eine in China seit mehr als 2000 Jahren praktizierte Kunstform, Ai Weiwei hat sie für politische Botschaften genutzt. Doch seine Werke kommen nicht nur als Drucke oder in Büchern daher, sondern nun auch ganz "angewandt".

Das letzte rot-weiße Kopftuch mit klarer politischer Aussage war wohl in den 1980er Jahren das Palästinensertuch, als es seinen Weg aus dem arabischen Raum nach Europa schaffte. Nun präsentiert sich einer der bedeutendsten politischen Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts mit rot-weißem Kopfschmuck: Es ist eins der Scherenschnitt-Motive, die der chinesische Konzeptkünstler, Bildhauer, Menschenrechtler und Dissident Ai Weiwei auf Seide gedruckt hat. Er zeigt den verstofflichten Papercut "Cats and Dogs" im Spiegel-Selfie.

Ai Weiwei bringt insgesamt fünf Scherenschnitte auf neuem Grund heraus: drei auf Seide gedruckte Hals- bzw. Kopftücher sowie zwei in PVC gestanzte, sagen wir mal Einkaufsbeutel. Die Taschen sind von innen klar foliert, sodass ihr Inhalt nicht durch das ausgestanzte Motiv herausfallen kann.

Seidentuch in Rot
Roter Schal, 100% Seide, 90x90 cm, handgewebt und handgesiebt, mit handgerollten Kanten; in Seidenpapier eingewickelt und in einer Schachtel (26x26 cm) verpackt. Limitierte Edition von 2500 Exemplaren, 250 Euro. Hier bestellbar.
© Taschen

Einen Ai Weiwei spazieren tragen

Der 63-jährige Ai lebt mit seiner Familie seit mehr als einem Jahr im britischen Cambridge. In seiner Heimat China wurde er 2011 verhaftet, für 81 Tage – wegen vermeintlicher Steuerhinterziehung – ins Gefängnis gesteckt und anschließend unter Hausarrest gestellt. Von 2015 bis 2019 waren er und seine Familie in Berlin ansässig, ein Atelier unterhält Ai Weiwei dort noch immer.

Der Spagat zwischen Kunst und Kommerz, den der Künstler mit dieser neuen Edition für den Taschen-Verlag eingegangen ist, dürfte Ai kaum interessieren – er musste sich schon für viele andere seiner Projekte scharfe Kritik anhören. Geändert hat das an seiner Ausrichtung und "Verkaufe", die immer vielfältig war, nichts. 

Motive mit Retrospektive 

Die Scherenschnittmotive wurden ursprünglich bei Taschen in einem Portfolio veröffentlicht, das 2019 für stolze 35.000 Euro zu erwerben war – nichtsdestotrotz ist die Sammlung aus acht vom Künstler signierten Papieren ausverkauft. Die Wiederauflage auf neuen Materialien wirkt dagegen wie ein Schnäppchen, obwohl auch sie limitiert ist: 250 Euro für ein Seidentuch, das in drei Farben, Schwarz, Blau und Rot, mit drei verschiedenen Scherenschnitt-"Geschichten" erscheint.

Tasche in Weiß
"Zodiac", Tasche aus PVC mit transparentem Inlay, 47x64,5 cm; Passepartout für die Rahmung inklusive. Limitierte Edition von 2500 Exemplaren, 400 Euro. Hier bestellbar.
© Taschen

"Cats and Dogs" (rot) reflektiert Ais Arbeiten aus den 1990er Jahren, als er aus New York nach Peking zurückgekehrt war. "Haircut" (blau) erinnert an seine Teilnahme an der Documenta 12 in Kassel, als er 1001 chinesischen Landsleuten 2007 die Einreise nach Deutschland ermöglichte. "Citizens' Investigation" (schwarz) veranschaulicht die Folgen des schweren Erdbebens in Sichuan im Jahr 2008 sowie Ais anschließende Bemühungen, die Frage zu klären, warum sich unter den Opfern so viele Schulkinder befanden.

Die PVC-Taschen hat der Verlag in zwei Varianten produziert, in Rot mit dem auch als rotes Seidentuch erschienen "Cats and Dogs"-Scherenschnitt, und in Weiß mit dem Motiv "Zodiac", Ais Darstellung des chinesischen Tierkreises. Die 400 Euro teuren Taschen kommen mit einem speziellen Passepartouts, das eine Rahmung ermöglicht – für all jene, die ihren Ai Weiwei lieber nicht mit in den Supermarkt nehmen möchten. 


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