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Nach vier Jahren Berlin: Ai Weiwei pestet gegen Deutschland: "Immer noch ein Nazi-Land"

Vier Jahre verbrachte der chinesische Aktionskünstler Ai Weiwei in Berlin. Nun zieht er eine bittere Bilanz und hält die beiden Gesellschaften gar für vergleichbar. Deutschland sei immer noch ein Nazi-Land.

Ai Weiwei findet, dass Deutschland immer noch ein Nazi-Land ist

Sieht Parallelen zwischen der deutschen und chinesischen Gesellschaft: Ai Weiwei

DPA

Was auch immer seit dem September 2018 passiert ist, es hat den chinesischen Aktionskünstler Ai Weiwei wohl für immer gegen Deutschland aufgebracht - und zwar gründlich. Damals, so berichtete der "Tagesspiegel", sagte er noch, dass er sein Berliner Exil verlassen wolle, habe persönliche Gründe und nichts mit dem politischen Klima im Land zu tun. Schwer erträglich seien vor allem die Winter in Berlin, für seinen Sohn sei bald eine englischsprachige Umgebung sinnvoll und sein Atelier am Pfefferberg wolle er sowieso behalten. Nun lebt der Weltkünstler mit seiner Famile im englischen Cambridge und zog im "Guardian" so richtig vom Leder. Das Leben in Deutschland und in China, das unterscheide sich kaum.

"Ich mag keine Staaten und Kulturen, die dermaßen autoritätshörig sind", sagte Ai Weiwei dem Blatt. (...) Die Menschen mögen den Komfort, unterdrückt zu sein. Das Gleiche sieht man in China. Sobald du dich daran gewöhnt hast, kann diese Situation sehr angenehm sein." Der Mann, der in China inhaftiert war, unter Hausarrest stand und Reiseverbot hatte, ehe er 2015 sein Heimatland verlassen musste und sich in Berlin ansiedelte, hat laut dem Bericht hierzulande die gleiche Gesinnung wie in den 1930er-Jahren ausgemacht. Es herrsche grundsätzlich eine autoritäre Denkweise.

Ai Weiwei: Deutschland ist immer noch faschistisch

Mehr noch: Deutschland sei immer noch ein faschistisches Land. "Faschismus bedeutet, dass man eine Ideologie über andere stellt und diese Ideologie für rein erklärt, indem man andere Denkungsarten abwertet. Das ist Nazismus. Und dieser Nazismus existiert im deutschen Alltag von heute." Im Alltag seien die Deutschen sehr rüde gewesen, erinnert sich der Künstler im "Guardian" weiter, sie seien unhöflich, intolerant und fremdenfeindlich. "Sie mögen Fremde überhaupt nicht." Ähnlich hatte sich Ai Weiwei schon in einem Interview mit der "Welt" im August vergangenen Jahres geäußert.

Trotz seiner Kritik an der angeblichen Fremdenfeindlichkeit der Deutschen zeigte er sich 2018 ausgerechnet auf einem Selfie mit Alice Weidel, der Bundestagsfraktionssprecherin der AfD - also jener Partei, bei der die Ablehnung von Flüchtlingen zum Kern ihrer Politik gehört. Die Kritik, die vielfach im Netz geäußert wurde, wie er gegenüber der Nachrichtenagentur DPA zurück: "Obwohl ihre Ansichten völlig gegensätzlich zu meinen sind, hat niemand das Recht, über sie persönlich zu richten. Ich glaube nicht, dass gegensätzliche politische Anschauungen oder Werte ein Hindernis für Kommunikation sein sollten. Ich kämpfe dafür, diese Grenzen einzureißen."

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Eine leicht bekleidete Dame steht mit dem Rücken zur Kamera in der Küche

"Anfangs hatte ich gar nicht die Absicht, nur Frauen zu fotografieren. Ich habe einfach angefangen, Leute um mich herum zu porträtieren. Aber dann habe ich festgestellt, dass ich fast nur Frauen fotografiere", sagte Luo Yang 2016 "Spiegel Online".

Briten - auch nicht tolerant, aber wenigstens höflich

Das wird er nun in erster Linie in Großbritannien tun. Mit seinem Sohn lebt Ai Weiwei inzwischen in Cambridge. Dass die Briten besonders tolerant seien, darüber mache er sich angesichts des Brexit keine allzu großen Illusionen. Dennoch gebe es einen entscheidenden Unterschied: "Die Briten", so der 62-Jährige, "sind wenigstens höflich. In Deutschland gibt es diese Höflichkeit nicht." 

Quellen: "The Guardian", "Tagesspiegel", "Die Welt", Nachrichtenagentur DPA

dho