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Documenta 12: Menschen, Tiere, Sensationen

Die größte Weltausstellung der Kunst zeigt viel Unbekanntes aus Afrika und Asien und verzichtet auf große Stars. Weil die Documenta 12 extrem politisch ist, sollte man sich auf verstörende Entdeckungen einstellen - und auf viel Lesestoff.

Von Anja Lösel

Der Kunstmarkt spielt verrückt, die Preise klettern in absurde Höhen. Die Documenta aber, bedeutendste Weltausstellung der Kunst, schert sich nicht um den Hype. Roger Buergel und seine Frau Ruth Noack konzentrieren sich lieber auf Inhalte als auf Auktionsrekorde. 113 Künstler haben die beiden Macher ausgesucht, vorwiegend Unbekannte und Vergessene. Ihr größter Wunsch: dass das "Kraftfeld Kunst" wieder spürbar wird.

Das fängt an im ehrwürdigen Museum Fridericianum. Drei junge Balletttänzerinnen wühlen sich da durch ein Geflecht von Seilen und Kleidungsstücken, kriechen, scheinen zu fallen, hängen kopfunter. Es ist ein Kampf mit den Elementen, fremd und schön. Ausgedacht hat sich das die große amerikanische Tanzmeisterin Trisha Brown. Hundert Tage lang ist das Spektakel jeweils zur vollen Stunde zu sehen. Kunst? Natürlich, aber auf dem Markt unverkäuflich.

Irrfahrt durch Pornostudios

Eine Etage höher verstört Hito Steyerl aus Berlin mit ihrem Video. Es erzählt von ihrer Suche nach einem Bondage-Foto, das sie vor 20 Jahren in Tokio für ein Männermagazin aufnehmen ließ: nackt und gefesselt. In ihre Irrfahrt durch die Pornostudios hat sie Bilder von gefesselten Gefangenen in Guantánamo hineingeschnitten, die in denselben Positionen verharren wie die Bondage Girls. Fesselung als freiwilliger Akt und als Form der Erniedrigung.

Extrem politisch ist diese Documenta. Sie will zeigen, dass Kunst aufwühlen und vielleicht sogar etwas verändern kann. In den eigens für die Documenta gebauten Aue-Pavillons etwa zeigt Romuald Hazoumé afrikanische Masken aus Benzinkanistern und ein Boot. Hübsch sieht das aus und lustig. Erst wenn der stattliche Mann aus Benin erzählt, dass mit den Kanistern vor allem Treibstoff geschmuggelt wird, weil die Menschen in Afrika die Schätze des eigenen Landes nicht nutzen dürfen, beginnt man zu begreifen. "Ihr in Europa müsst vorsichtig sein", sagt Hazoumé, der die goldbestickte Kleidung eines Stammesfürsten trägt. "Gerade fangen die Leute in Afrika an, über dieses Unrecht nachzudenken." Auch bei Okhai Ojeikere aus Nigeria geht es um den Einfluss Europas und Amerikas auf Afrika. Er fotografierte in den 70er Jahren die fantasievollen Frisuren der Frauen in Lagos. "Heute sieht man so was nicht mehr", sagt er, "weil die Afrikanerinnen sich die Haare glätten und wie Weiße aussehen wollen."

Flüchtling erzählen ihre Träume

Im Museum Schloss Wilhelmshöhe haben die Documenta-Macher zwischen die Meisterwerke von Rembrandt und Rubens neue Kunst gehängt. Das ist manchmal ein wenig platt, wenn etwa zeitgenössische Bilder von Afro-Amerikanern neben einem Gemälde mit Mohren aus dem 17. Jahrhundert hängen. Aber es funktioniert hervorragend bei dem schönen Film "El Dorado" der Bosnierin Danica Dakic. Sie lässt minderjährige Flüchtlinge vor einer edlen, 150 Jahre alten Panoramatapete von ihren Träumen und Sehnsüchten erzählen. Rührend und aufwühlend.

Das Wahrzeichen der Documenta 12 steht jetzt schon fest: "Brownie". Die zerknautschte und jämmerlich schlecht ausgestopfte Giraffe, die der österreichische Künstler Peter Friedl in die Documenta- Halle stellte, wird niemand so schnell vergessen. Sie ist ein Opfer des Nahost-Krieges. Während eines Angriffs der israelischen Streitkräfte auf die Stadt Kalkilija im Westjordanland geriet der Giraffenbulle in Panik, rannte gegen eine Eisenstange, fiel um und starb. Seine schwangere Gefährtin grämte sich so sehr, dass sie wenige Wochen später ihr Baby verlor. "The Zoo Story" heißt die Arbeit. Nach der Documenta soll "Brownie" wieder zurück an den Ort seines Unglücks: als Mahnung und Erinnerung. Auch die vielen netten Chinesen, die in Kassel herumlaufen, sind ein politisches Statement: für Reisefreiheit und Austausch der Kulturen. Der Pekinger Künstler Ai Weiwei hat 1001 Landsleute nach Kassel eingeladen, in Gruppen von jeweils 200. Nun laufen sie als lebende Kunstwerke durch die Stadt, begeistert begrüßt und bewinkt von den Kasselern. Schon jetzt sind sie die Stars der Documenta 12.

Überraschungen und Verstörendes

Auf dieser Documenta muss man aktiv werden, mit offenen Augen und weiten Sinnen umherlaufen, lesen, entdecken. Wer dazu bereit ist, kann viele Überraschungen erleben. Und auch Verstörendes. Da gibt es Skulpturen aus Kaugummis. Einen philosophischen Monolog des Schauspielers Harvey Keitel. Einen in Öl frittierten Panzer. Särge von Aidstoten. Schwerhörige, die Bach singen. Kinder, die mit Joghurt beworfen werden. Spanische Stricher, die sehr ehrlich von ihrer Arbeit erzählen. Und ein Karussell, auf dem Bundespräsident Horst Köhler im Kreis fährt. Was das alles miteinander zu tun hat? Das muss jeder für sich selbst herausfinden.

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