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Henri Nannen Preis 2008: Reich-Ranicki für sein Lebenswerk geehrt

Für sein Lebenswerk ist der Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki mit dem Henri Nannen Preis geehrt worden. Die Laudatio hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel, die manchmal sogar den redefreudigen Kritiker der Kritiker nicht zu Wort kommen ließ.

Zum vierten Mal haben Gruner + Jahr und der stern den Henri Nannen Preis vergeben. Die zwölf Preisträger wurden im Rahmen einer festlichen Veranstaltung im Deutschen Schauspielhaus Hamburg vor rund 1200 prominenten Gästen aus Medien, Kultur, Politik und Wirtschaft geehrt.

Insgesamt sind 830 Arbeiten von Journalisten aus 181 Zeitungen und Zeitschriften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eingereicht worden. "Diese große Zahl an Einsendungen ist ein Indiz dafür, dass auch in einer Zeit des dramatischen Wandels der Medienlandschaft hohe journalistische Qualität nicht verkümmert, ja vielleicht sogar als Reaktion von den Besten mehr gepflegt wird denn je", sagte G+J-Vorstandsvorsitzender Bernd Kundrun.

Verliehen wurde der Henri Nannen Preis in diesem Jahr an: Sabine Rückert (Reportage), Lars Abromeit, Katja Trippel und Torsten Hampel (Dokumentation), Detlef Hacke, Matthias Geyer, Lothar Gorris und Udo Ludwig (Investigation), Harald Martenstein (Humor) und den Fotografen Lu Guang (Fotoreportage). Ebenfalls ausgezeichnet werden Marcel Reich-Ranicki für sein Lebenswerk und Zainab Ahmed für ihren Einsatz für die Pressefreiheit.

Egon Erwin Kisch-Preis an Sabine Rückert

In der Kategorie "Beste Reportage" gab es, wie stern-Chefredakteur Andreas Petzold als Laudator sagte, lange Diskussionen bei der Entscheidung. Sieger wurde die Reportage von Sabine Rückert: "Wie das Böse nach Tessin kam" untersucht den Doppelmord eines 17-jährigen Gymnasiasten, der im Januar 2007 gemeinsam mit einem Freund in dem mecklenburgischen Dorf Tessin ein Ehepaar aus der Nachbarschaft niederstach. Nach Meinung der Jury eine "beklemmende Rekonstruktion einer gespenstischen Gewalttat".

Journalisten im Irak müssen im Geheimen arbeiten

Zainab Ahmed erhält den Henri Nannen Preis für ihre Verdienste um die Pressefreiheit. Die Jury würdigt damit ihr Engagement und das ihrer irakischen Kollegen. Ahmed nahm den Preis stellvertretend für alle irakischen Journalisten des "Institute for War and Peace Reporting" (IWPR) entgegen. Die Laudatio auf Zainab Ahmed hielt Clare Short, die 2003 als Entwicklungsministerin von Großbritannien aus Protest gegen die von Premierminister Tony Blair verfolgte Irakpolitik zurückgetreten war. Bei ihrer Dankesrede sagte die Preisträgerin, Journalisten im Irak müssen in der Regel im Geheimen arbeiten und können nicht offen sagen, wer sie sind. Doch Zainab Ahmed hat nie aufgegeben: "Ich liebe meine Arbeit als Journalistin, weil ich den Menschen berichten will, was in unserem Land passiert."

Für den Beitrag "Kampf bis zum letzten Fisch" in "Geo" werden Lars Abromeit, Katja Trippel und Torsten Hampel von der Jury mit dem Henri Nannen Preis für eine "Besonders verständliche Berichterstattung" ausgezeichnet. Ihre an mehreren Schauplätzen in drei Erdteilen dokumentierte Ausplünderung der Meere offenbart "ebenso umfassend wie anschaulich eine der größten ökologischen Katastrophen unserer Zeit, die aber – buchstäblich - unter der Oberfläche bleibt und deswegen kaum wahrgenommen wird: die Vernichtung der Fischbestände in den Ozeanen, der letzten großen Wildnis unserer Erde."

Auszeichnungen für Doping-Berichterstattung

Den Henri Nannen Preis für die "Beste investigative Leistung" des Jahres geht an ein Team von "Spiegel"-Journalisten. Udo Ludwig, Matthias Geyer, Lothar Gorris und Detlef Hacke haben mit ihren Recherchen nachgewiesen, dass auch im Radrenn-Team der Deutschen Telekom verbotene Doping-Mittel verwendet wurden. Die Telekom zog sich daraufhin aus dem Radsport zurück. Die Jury würdigte die Leistung der Journalisten, die immer wieder unter Druck gesetzt wurden, durch drohende Anzeigen-Stornierung auch unter massiven wirtschaftlichen Druck gerieten, ihre Recherchen aber dennoch fortsetzten und schließlich "eine der populärsten Sportarten als großes Kartell von Manipulateuren und Vertuschern entlarvten".

Eine Runde der Lustigkeitsanalytiker

In der Kategorie "Herausragende humorvolle Berichterstattung“ wird Harald Martenstein für seine wöchentliche Kolumne im "Zeit Magazin Leben" ausgezeichnet. Juror Helmut Markwort verriet dem Publikum, dass die Entscheidung beim Humorpreis gar nicht so lustig sei, wie man denke. Diese Runde der "Lustigkeitsanalytiker" wäre bestimmt oft selbst zum Opfer des Preisträgers geworden, der "kein Tabu kennt und dessen Nervenzellen vielfältiger vernetzt sein müssen als bei normalen Menschen."

Der Fotograf Lu Guang ist der Preisträger in der Kategorie "Beste fotografische Leistung". Damit wird seine in "Geo" erschienene Reportage "Der schwarze Riese" prämiert. Die Foto-Jury war beeindruckt von der Leistung des Fotografen, der die Auswirkungen des rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs in China am Beispiel der boomenden Kohleregion Wuhai in ebenso berührenden wie bedrohlichen Bildern dokumentiert.

Preis für sein Lebenswerk geht an Marcel Reich-Ranicki

Der deutsche Schriftsteller und Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wird für sein journalistisches Lebenswerk mit dem Henri Nannen Preis ausgezeichnet. Die Laudatio auf Marcel Reich-Ranicki hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Es sei unmöglich, das Lebenswerk eines Mannes wie Marcel Reich-Ranicki auch nur annährend in sechs Minuten zu würdigen, so die Bundeskanzlerin, die als Laudatorin fungierte. Reich-Ranicki sei ein Mann des Urteils, eines, das begeistert und beflügelt - aber auch bestürzt: "Marcel Reich-Ranicki lebt Kultur", so Merkel.

Bei seiner Dankesrede ließ es sich der Preisträger dann auch nicht nehmen, sein Wort an die Bundeskanzlerin zu richten. Bei einem früheren Zusammentreffen habe die Kanzlerin ihn einmal den ganzen Abend nicht zu Worte kommen lassen, "und das muss man können!" Anschließend lobte er Angela Merkel dafür, dass bisher noch nie jemand so gut seine Arbeit zusammengefasst habe- denn sie habe richtig erkannt, dass er nur durch die Literatur und Kultur überlebt habe.

Angelika Dehmel