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Hulton Archive: 80 Millionen Bilder: Hier lagert das Gedächtnis der Menschheit

In einem Gewerbegebiet in London lagert ein sagenhafter Schatz: Das Hulton Archive versammelt 80 Millionen Bilder. Das heißt auch: 80 Millionen Geschichten. Wir erzählen die besten davon.

Marilyn Monroe

Blondine besinnlich

Im Garten eines befreundeten Schauspielers am North Rodeo Drive in Beverly Hills fotografierte der Brite Ted Baron 1954 Marilyn Monroe. Rund 50 Bilder entstanden, "einige der besten, die ich je gemacht habe".

Vor Jahren lief in der BBC ein Dreiteiler, der die Briten verzückte. Er hieß "Shooting the Past" und erzählte davon, wie ein amerikanisches Unternehmen das Gebäude eines Foto- in England aufkaufen will. Ein exzentrischer Archivar war der Star des Plots; er kannte jedes der Millionen Bilder, vor allem aber kannte er die Geschichten dahinter. Irgendwann erreichte er damit auch das Herz der Kapitalisten aus Übersee. Die Magie der Fotografie siegte letztlich über die Macht des Geldes. Ende gut, alles gut, Britannien seufzte erleichtert.

Kaum jemand wusste, dass die Serie auf einer wahren Geschichte beruht, und diese Geschichte beginnt mit "In the old days". Denn es begab sich, dass Mark Getty, der Gründer der weltgrößten Bilderagentur, einen potenziellen Geldgeber aus Cardiff durch die Räumlichkeiten seines gigantischen Archivs im Nordwesten führte. Der Mann, ein Investmentbanker, war allerdings durch nichts zu beein drucken. Nicht mal historische Fußballfotos machten bei ihm klick, und Fußball funktioniert bei Kerlen eigentlich immer. Getty sprach: "Wir können ja mal schauen, ob wir irgendwas über Ihre Familie finden", und der Banker antwortete gelangweilt, seine Familie sei nicht berühmt und da sei nichts. Sie fanden dennoch ein Foto aus den 30er Jahren vom Vater beim Probetraining von Cardiff City. Selbst das ließ den Mann kühl.

Wochen später stießen sie in den Tiefen des Archivs schließlich auf ein Hochzeitsbild von Vater und , und der Banker konnte es kaum glauben: "Wie ist es möglich, dass ihr hier Bilder von zwei völlig Unbekannten habt?" In diesem Moment erschloss sich auch ihm die Poesie der archivarischen Ewigkeit, und auf dieser Episode basiert die TV-Serie.

Größte private Bildersammlung der Welt

Man muss wissen: Das Hulton Archive, Teil des Getty-Besitzes, ist die größte private Bildersammlung der Welt. Es liegt heute in einem gesichtslosen im Londoner Osten und dort in einem Zweckbau. Von draußen deutet nichts darauf hin, dass sich drinnen eine Schatzkammer befindet, nämlich und ohne Übertreibung: In diesem Gebäude lagert das fotografische Gedächtnis der Menschheit, zwölf Kilometer Regalreihen mit Boxen und Ordnern und Schubern, 80 Millionen Fotos insgesamt, die meisten auf Papier und als Negative. Fotos von den Größten der Branche, seltene Fotos, unscheinbare und ikonische, die jeder kennt. Stars und Sternchen, Politiker und Prominente aus aller Welt. Aber auch Alltägliches und Arbeitswelt, vermeintlich Unbedeutendes neben "Man on the Moon".

80 Millionen Fotos heißt nichts anderes als 80 Millionen Geschichten, von denen Matthew Butson, Getty-Vize und Leiter der Londoner Dependance, natürlich nur einen winzigen Bruchteil eines winzigen Bruchteils kennt. Selbst das sind dann immer noch rasend viele. Butson, ein hemdsärmeliger Typ, arbeitet seit 32 Jahren bei Getty und ist ein Multitasker. Er liebt Arsenal London, Rockmusik, zurzeit schreibt er einen Roman über die DDR der 60er Jahre. Über alles liebt er die Fotografie sowie die Geheimnisse hinter den Bildern, die aus einem scheinbar normalen Schnappschuss etwas Besonderes machen. Es sind kleine Geschichten und große, traurige und verrückte. Legendäre, wie jene von einer Schwarz-Weiß-Aufnahme, die Mick Jagger, Paul McCartney und John Lennon gemeinsam in einem Zugabteil auf der Fahrt zu einem Hippie-Festival nach Bangor in Wales zeigt, August 1967. Draußen, auf dem Bahnsteig, das sieht man nicht, steht Lennons Frau Cynthia. Sie hat den Zug verpasst, den Tränen nah, dabei ahnt sie zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, dass ihr John sich kurz darauf in Yoko Ono verlieben wird.

Das Foto, Dokument einer bevorstehenden Trennung, hat Matthews Bruder entdeckt, ein wahnwitziger Beatles-Fan, der es bei seinen Streifzügen durchs Archiv aufstöberte, als sie noch im Westen Londons residierten, dort alles verwinkelter und labyrinthartiger.

Das Hulton Archive ist ein Gegenentwurf zur Bilderflut der sozialen Netzwerke

Im vergangenen Jahr zogen sie um in die neuen Räumlichkeiten in Canning Town. Das war zugleich logistischer Albtraum und Meisterleistung: 366.000 Kilogramm an Bildmaterial, davon nicht einmal 0,7 Prozent digitalisiert. Die Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind neuerdings runtergedimmt auf die Bedürfnisse von Papier und Negativen. Vintage- und Konservierungsbereiche, Brandschutz vom Feinsten. Alles da, alles hochmodern.

Und doch: Bei aller Technik ist dieser Ort ein Gegenentwurf zu Snapchat-Quickies und Facebook-Posts der Kategorie "Anne und ich vor dem Taj Mahal und danach lecker Curry".

An diesem Ort wird erst die Luft gekühlt, dann die Zeit eingefroren und konserviert. Das ist der Sinn eines Archivs, und also folgt alles einer eigenen Zeitrechnung. Falls Lenny Hanson, der wunderbar altmodische Konservator, all das Material, das als bearbeitungswürdig gilt, tatsächlich auch bearbeiten würde, brauchte er dafür 300 Jahre. Lenny hat mithin den vermutlich krisensichersten Job der Welt und steht in einem neonbeleuchteten, fensterlosen Raum im Erdgeschoss. Das ist sein kleines Reich, und hier geschieht sein Wille. Er erzählt mit angenehm weicher Stimme von seinem seltenen Beruf, in ganz Großbritannien hat er gerade mal vier Kollegen. Er sagt, er fühle sich immer noch so wie ein Kind in der Schokoladenfabrik.

Neulich hat Lenny Bilder von Queen Elizabeth restauriert, sie steckten in großen roten Alben. Er nahm sich jedes Foto einzeln vor, Elizabeth als Kind bei weihnachtlicher Pantomime, Elizabeth vor einem Spielhäuschen, Elizabeth als Heranwachsende, Elizabeth mit Sohn Charles und Tochter Anne. Und Elizabeth als Königin rauf und runter. 18 Monate hat das gedauert, im Schnitt benötigt Lenny vier bis fünf Stunden pro Bild, manche bis zur Unkenntlichkeit entstellt, und in solchen Fällen ist er gefragt als Rechercheur, Restaurator und: Künstler.

Als Winston Churchill Rehe fütterte

An diesem Tag arbeitet er für die Ausstellung einer Fotogalerie, und er wirft uralte Bilder von afrikanischen Schönheiten an die Wand, entstanden Ende des 19. Jahrhunderts, aber in ihrer Zeitlosigkeit atemberaubend modern. Wenn er beschädigte Negative bearbeitet, wenn er ihre Fragmente neu zusammensetzt, streift er sich weiße Handschuhe über, dreht und wendet sie sehr behutsam, und seine Arbeit bekommt dadurch noch mehr Sinnlichkeit. Jedes Foto, sagt auch Lenny, hat seine ureigene Geschichte. Manchmal strahlt sie bis ins Heute, manchmal nicht. Er behandelt alle gleich.

Matthew, der Geschichtenerzähler, erzählt jetzt noch eine, seine Favoritin. Es ist die Geschichte des englischen Fotografen Terry Fincher, der mit seinen Aufnahmen aus dem Vietnamkrieg berühmt wurde. Fincher hatte aber neben seiner Passion als Kriegsreporter noch eine weitere: Winston Churchill. An einem Morgen im Jahr 1963 folgte er auf seinem Moped der Limousine des Alten in den für seinen Rotwildbestand berühmten Richmond Park im Süden Londons. Der Wagen stoppte, Churchill lehnte sich vor und fütterte, streng untersagt eigentlich, Rehe und Hirsche mit einem Laib Brot. Fincher knipste. Ein Parkwächter zu Pferde beobachtete das aus der Distanz, preschte im Galopp heran und brüllte Fincher an, was ihm einfalle, fotografieren verboten, füttern sowieso. Der blieb stoisch, sagte: "Erzählen Sie das dem da", und der Ranger fiel fast vom Gaul, als er Churchill sah: "Sir, lassen Sie sich bitte nicht stören."

Das Foto erschien im "Daily Express". So weit, so schön.

Aber die Geschichte hinter der Geschichte dieses Fotos geht weiter. Auf dem Rückweg machte Fincher Halt im Serpentine Café am Hyde Park und traf dort drei ihm wohlbekannte Gangster, die an einem Tisch saßen, ihm zunickten und dann wieder die Köpfe zusammensteckten. Genau diese Herren begingen ein paar Monate später den legendären Postzugraub. Hätte Fincher sie an jenem Morgen fotografiert, wäre die Polizei womöglich auf sie aufmerksam geworden, und es wäre vermutlich nie zum dreistesten Raub der britischen Kriminalgeschichte gekommen. Allein, Terry hatte all seine Filme für den Rehe-fütternden Churchill verbraucht.

"Wir sind wie die Türsteher eines großartigen kulturellen Erbes"

Matthew Butson könnte Anekdote an Anekdote reihen, die meisten aus analoger Zeit. Von großen und weniger großen Fotografen, von berühmten und weniger berühmten Bildern, viele von ihnen mit einem Dreh oder Twist. Er dekliniert sein persönliches Abc nämlich so: "Always be curious", immer neugierig bleiben. Es das Credo von allen, die dort arbeiten.

Nebenan, in einem durch einen Zahlencode gesicherten Raum, beugt sich die Kuratorin Melanie Hough über die Preziosen des Archivs, Man-Ray-Bilder, alte Naturaufnahmen und Magazine. Ihr Liebling momentan aber: ein Foto von der Zunge einer Biene aus dem Jahr 1890, aufgenommen durch ein Mikroskop natürlich und bahnbrechend für die damalige Zeit. Fotograf: unbekannt. Genau da beginnt ihr Job, "das ist wie Genealogie und Archäologie". Sie beginnt nun zu graben.

Hough deutet auf ein Foto mit Wolken, für den Laien nicht spektakulär, für ihre Augen aber schon. Es stammt von 1849 und wurde zärtlich nachkoloriert. "Stellen Sie sich vor, diese Wolken haben vor 150 Jahren geregnet, und wir haben diese Formation für immer festgehalten auf Papier." Sie sagt lauter solche schönen Sätze. Einer geht so: "Wir sind wie die Türsteher eines großartigen kulturellen Erbes."

Hier drinnen steht die Zeit, draußen vor der Tür rast sie. Das macht Hough manchmal Sorgen. Wer sich vergegenwärtigt, dass Jahr für Jahr 1,5 Billionen Fotos entstehen und Plattformen wie Instagram wachsen und wachsen, dem könnte leicht schwindelig werden. Sie fragt sich deshalb, wie in 20 oder 30 Jahren über unsere Ära gedacht wird: "Wer kuratiert diese Zeit? Und ist das möglich angesichts dieser Flut?" Sie selbst stellt fest, dass sie sich immer weniger für Instagram interessiert. Und immer mehr für die Schätze und die vielen vermutlich noch unentdeckten Ikonen in den zwölf Kilometer Regalen. Man muss sie nur finden. Vielleicht nicht heute, vermutlich auch nicht morgen oder übermorgen. Aber irgendwann. Deshalb sind sie da, frieren die Zeit. Und bewachen einstweilen für uns alle die Tür zu diesem einzigartigen Erbe.

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