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Kunsthalle Emden: Mit Chuzpe, Charme und Charisma

Ihr glückte, was vor zehn Jahren niemand für möglich hielt: Zum 20. Geburtstag der Kunsthalle Emden weist Eske Nannen, Witwe des legendären Blattmachers und stern-Gründers, eine rauschende Erfolgsbilanz vor.

Von Christine Claussen

Was hat Michael Ballack mit der Kunsthalle in Emden zu tun? Wenn man Eske Nannen heißt, fällt einem dazu sofort etwas ein. Etwa das Strafgeld, das unser Balli letzthin wegen einer geschmuggelten Handtasche zahlen musste, dass also solche Strafgelder nicht immer Greenpeace und den üblichen gemeinnützigen Verdächtigen zufließen sollten, sondern ruhig einmal der Kunsthalle in Emden. Und wenn man Eske Nannen heißt, belässt man es nicht bei solchem Geistesblitz während der Zeitungslektüre, sondern setzt ihn, wenn möglich, gleich in die Tat um.

Es hatte sich wieder einmal günstig gefügt. Eske Nannen war zu einem Vortrag beim Lions Club in Oldenburg eingeladen, über ihr Lieblingsthema: "Kunsthalle in Emden - von der Vision zum Besuchermagneten". Sie berichtete von großen und kleinen Sponsoren, von einer alten Dame, die 97 Schürzen für die Emdener Malschule nähte, von Kunsthallenwerbung auf Lkws, ganzen Breitseiten friesischen Himmels, die täglich Deutschland durchqueren - auch das ein nobles Geschenk. Das war so mitreißend gewesen, dass man reflexhaft den Inhalt seines Geldbeutels überschlug, und eine Dame von hinten rief: "Ihnen zu widerstehen ist schwer."

Und als der Präsident, ein Staatsanwalt, ihr danach mit einem Strauß und einem Scheck für die Malschule dankte, da ließ sich die Sache mit den Bußgeldern schon einmal ganz zwanglos besprechen.

Sie ist in der Tat unwiderstehlich, ihr Enthusiasmus ist ansteckend, und sie sprüht vor Ideen. Für das Kunsthaus mit der erstaunlichen Erfolgsgeschichte, deren Geschäftsführerin sie ist. 1986 eröffnete sie es mit Henri Nannen, dem legendären Blattmacher und Erfinder des stern. Ein Haus für seine Bilder sollte es sein, seine in 50 Jahren zusammengetragene Sammlung Klassischer Moderne. Sie waren belächelt worden: Ein Museum in Emden, "wo die Kühe husten und die Straßen in Sümpfen enden!"

Heute mokiert sich keiner mehr. "Mit einer solchen Entwicklung hätte nicht einmal Henri gerechnet." Eskes blaue Augen blitzen. Zum 20. Geburtstag am 3. Oktober präsentiert sich das Haus als Riesenbaustelle. Wegen Format sprengenden Erfolgs bereits zum vierten Mal in seiner kurzen Geschichte. Die Bilanz ist beeindruckend: mehr als 1,6 Millionen Besucher in 20 Jahren, erlesene Ausstellungen wie die große Munch-Schau 2004, die Großstädte vor Scham erröten lassen.

Im Jahr 2000 gab der renommierte Münchner Galerist Otto van de Loo seine hochkarätige Modernen-Sammlung - ausgerechnet nach Emden. Mit rund 100 Mitarbeitern und internationaler Ausstrahlung ist das Haus für die 50 000-Einwohner-Stadt am Dollart ein echter Wirtschaftsfaktor geworden. Nicht schlecht in einer Gegend, in der gilt: "Wenn VW hustet, kriegt Ostfriesland Schnupfen" und wo fast jeder Sechste arbeitslos ist.

Eske Nannen wehrt ab, wenn jemand sagt, das alles sei ihr zu verdanken. Gewiss, es gibt einen Vorstand, und das Team ist ideenreich, tüchtig, verschworen. Aber der Motor, das Herz und Gesicht des Erfolgs, das ist eindeutig Henris "Tütje". Am Wochenende war sie in München bei van de Loos, hat Pressetermine absolviert und Sponsoren besucht. Vom Bremer Flughafen fuhr sie gleich weiter zu Lions nach Oldenburg.

Ein paar Tage später wird sie mit ihrem schwarzen Audi 6 erst ins dänische Århus fahren und dann zur Nolde-Stiftung nach Seebüll - wegen der großen Nolde-Ausstellung, die sie in gut zwei Wochen in Emden eröffnen. 800 Kilometer an einem Tag plus Besprechungen.

Sie fährt so viel herum wegen Emdens Randlage: "Man muss die Kunsthalle zu den Menschen bringen." Sie kennt Gott und die Welt. Mit unzähligen "Bettelbriefen", mit Charme, Chuzpe und Charisma hat sie in den vergangenen Jahren zweistellige Millionenbeträge zusammengesammelt - für Erweiterungsbauten und Renovierungen, Bestandskataloge, Bilderkäufe. Materialspenden sind ihr dabei nicht minder willkommen als Bares. Einen Fuß in der Tür zu haben, genüge nicht: "Man muss auch hineingehen." Für ihren Einfallsreichtum bekam sie unter anderem den Deutschen Stifterpreis.

Sie ist, sagt die frühere Kultur-Staatsministerin Christina Weiss, "eine raffinierte Verführerin und gleichzeitig eine Frau, die alle Instrumente des Managements perfekt beherrscht". Oder wie es Klaus Siebenhaar ausdrückt, Professor für Kulturmanagement an der FU Berlin: "Eske Nannen überwältigt jeden, den sie sich vornimmt. Durch Emphase. Jeder weiß, sie brennt für das, was sie will."

Der Einzige, der das schon immer ahnte, das ist natürlich ihr Henri gewesen, der Jugendfreund ihres Vaters. Als Eske und er Anfang der Achtziger fast zeitgleich in die Heimat zurückkehrten - die Tochter des Emder Fassfabrikanten Rudolf Nagel aus Berlin nach gescheiterter Ehe, Nannen aus Hamburg nach seinem Rückzug vom stern -, da kamen Eske und der fast 30 Jahre ältere Nannen am Krankenbett von Eskes Vater zusammen, 1990 heirateten sie. Die gemeinsam gegründete Kunsthalle aber schien so mit der Person Henri Nannens verbunden, dass bei seinem Tod 1996 viele meinten, nun sei es aus mit der Kunst in Ostfriesland.

Es war schwer für sie in der ersten Zeit. Kaum einer traute der Frau in Nannens Schatten zu, das Riesenprojekt zu stemmen. Sie habe seinerzeit gar keine Zeit zum Nachdenken gehabt, sagt Eske. Sie musste 17 Millionen Mark für den Erweiterungsbau sammeln. Den Bau überwachen. Ihr Lieblingsprojekt, die Malschule, vorantreiben. Die Sammlung van de Loo in Anwesenheit des Bundeskanzlers eröffnen. Undundund. Sie hörte noch Henris Worte: "Ich lege das Werk in die Hände meiner Frau." Befeuert vom Vermächtnis, das er ihr hinterließ, wuchsen ihr ganz nebenbei Flügel. "Man muss Visionen haben", sagt sie und lacht. Und - ja, da hätte sie noch ein paar.

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