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Spektakulärer Bilderfund in München: Wo ist der Kunsthändler-Sohn Cornelius Gurlitt?

Es ist einer der wichtigsten Kunstfunde der Nachkriegszeit. Mehr als 1400 Werke bekannter Künstler wurden in einer Münchner Wohnung entdeckt. Wo der Bewohner ist, scheint niemand zu wissen.

Von Viktoria Meinholz

Wo steckt Cornelius Gurlitt? Nachdem bekannt wurde, dass der Sohn eines Kunsthändlers in seiner Münchner Wohnung mehr als 1400 Bilder bedeutender Künstler gehortet hatte, weiß anscheinend niemand, wo der alte Mann sich aufhält. Die Augsburger Staatsanwaltschaft scheint das trotz laufender Ermittlungen nicht zu kümmern. "Ich weiß nicht, wo er sich aufhält, weil uns diese Frage gar nicht beschäftigt", sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz. "Das bedeutet nicht, dass er unauffindbar ist."

Gemeldet ist Cornelius Gurlitt in Österreich, er besitzt ein Haus im noblen Salzburger Stadtteil Aigen. Da seine Mutter bis zu ihrem Tod in München lebte, besitzt er auch dort eine Wohnung. Gegen ihn wird wegen Unterschlagung und verschiedener Steuerdelikte ermittelt. Fragt man Gurlitts Nachbarn in München oder Salzburg nach dem Kunsthändler-Sohn erhält man ähnliche Antworten: Verschlossen, seltsam, mürrisch sei er. Ein richtiger Eigenbrötler.

Bis vor zwei Jahren soll Gurlitt mit einem alten VW-Käfer regelmäßig nach Salzburg gekommen sein, berichtet "Österreich.at". Doch die Nachbarn hätten ihn nur selten zu Gesicht bekommen, meist habe er sich in seinem Haus verschanzt. Dies soll ihm seit mehr als 50 Jahren gehören. Von außen wirkt es heruntergekommen, der Garten verwuchert, die Fenster vergittert. Durchsucht wurde das Haus wegen eines fehlenden Rechtshilfeersuchens bisher noch nicht. Dass Gurlitt in Österreich noch weitere Verstecke habe, halten die Ermittler inzwischen für unwahrscheinlich. Laut den "Salzburger Nachrichten" drängen nun die anderen Anwohner auf eine Durchsuchung. "Womöglich liegt ja seine Leiche im Haus", so eine Nachbarin.

Raubkunst - ja oder nein?

Cornelius Gurlitt stammt aus einer Familie voller Künstler und Wissenschaftler. Sein Vater Hildebrand Gurlitt gehörte zu den von Adolf Hitler bevorzugten Kunsthändlern und hatte den Auftrag, von den Nazis als "entartet" diffamierte Kunst im Ausland zu verkaufen oder einzutauschen. 1945 hatten die Alliierten laut eines Berichts der "Süddeutschen Zeitung" mehr als hundert Werke aus der Sammlung von Hildebrand Gurlitt beschlagnahmt und jahrelang unter Verschluss gehalten. Viele dieser Bilder sind jetzt in der Wohnung von Cornelius Gurlitt wieder aufgetaucht. Die Familie Gurlitt hatte stets behauptet, dass die Sammlung während des Dresdener Feuersturms 1945 vollständig verbrannt sei.

Wie genau die Bilder in die Hände der Familie gelangt sind, ist aber weiterhin unklar. Nach Einschätzung des Berliner Provenienzforschers Uwe Hartmann gehören große Teile der Sammlung rechtmäßig Cornelius Gurlitt. "In vielen Fällen handelt es sich nicht um NS-Raubkunst. Es muss davon ausgegangen werden, dass Herr Gurlitt rechtmäßig über diesen Besitz verfügt", sagte Hartmann. Provenienzforscher beschäftigen sich mit der Herkunft von Kunstwerken. Wahrscheinlich habe Hildebrand Gurlitt viele Arbeiten selbst gekauft und sei damit der rechtmäßige Erwerber gewesen, so der Leiter der Arbeitsstelle für Provenienzforschung der Staatlichen Museen zu Berlin. Gleichzeitig mehren sich Stimmen, die eine Offenlegung des Kunstfundes fordern, da sie Werke aus ihrer eigenen Sammlung unter den Bildern vermuten. So zum Beispiel das Wuppertaler Von der Heydt-Museum, das sich nun offiziell an die Staatsanwaltschaft Augsburg wenden will.

Gemälde waren in gutem Zustand

Die Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt soll laut "Focus" in einem schrecklichen Zustand gewesen sein, die Bilder wären zwischen alten Konserven und gammligen Lebensmitteln gelagert worden. Ganz anders klingt da Siegfried Klöble, Leiter des Zollfahndungsamts München: Die Ermittler hätten die Bilder ordentlich in Regalen und Schubfächern gefunden. "Die Gemälde waren in diesem Raum fachgerecht gelagert und in einem sehr guten Zustand", sagt Klöble.

In der Wohnung in München-Schwabing soll der 79-Jährige zuletzt vor über einem Jahr gesehen worden sein. Gegenüber "Focus Online" erzählt eine Nachbarin, wie überrascht sie von dem nur zwei Türen weiter entdecktem Kunstschatz gewesen sei. Wo Gurlitt ist, weiß aber auch sie nicht. "Vielleicht ist er ja tot?"

mit DPA