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Der Lichtenhagen-Nazi im Interview: "Hitler-Gruß? Das ging ganz automatisch"

Beim Bundesvision Song Contest hat Klaas Heufer-Umlauf den Lichtenhagen-Demonstranten mit der eingenässten Hose in Erinnerung gebracht, der das Bild des hässlichen Deutschen verkörpert. 1993 sprach der stern mit dem inzwischen verstorbenen Harald Ewert.

Lichtenhagen-Nazi

Vor 23 Jahren wurde im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen bei fremdenfeindlichen Krawallen ein Ausländerwohnheim angezündet. Damals entstand das Foto von Harald Ewert, der mit eingenässter Hose den Hitlergruß macht.

Wussten Sie eigentlich, dass Ihr Bild in der "New York Times" erschienen ist?
Kenn' ich gar nicht.

Das ist die bekannteste Zeitung Amerikas.
Nie gehört. Ich seh' das Foto heute zum ersten Mal.

Sie waren "Titelheld" vieler westdeutscher Zeitschriften. Die Fernsehsendung "Zak" hat Ihnen einen Satirepreis, den "Bimbo" verliehen. Das Foto wird inzwischen als Poster verkauft.
Bei uns in Rostock nicht.

Warum sind Sie denn in der Krawallnacht überhaupt nach Lichtenhagen rausgefahren?
Aus Neugierde, wir hatten das im Fernsehen gesehen. Die Nachbarn sind auch alle gefahren.

Und warum haben Sie den Hitler-Gruß gemacht?
Das ging ganz automatisch.


Sind Sie ein Rechter, Herr Ewert?
Ich bin kein Nazi. Mit Schönhuber und den Glatzen hab' ich nichts am Hut.

Was halten Sie denn von den Ausländern?
Die sollen sie vernünftig unterbringen, und die Ausländer sollen sich anständig benehmen, ihre Kinder in die Schule schicken und nicht zum Betteln.


Sie sehen auf dem Bild auch nicht gerade taufrisch aus.
Ich hatte mächtig was getrunken.


Und die Hose?
Das war Bier. Ich stell' mir beim Autofahren immer eine Dose Bier zwischen die Beine. Die ist dann wohl übergeschwappt.


Sie sind arbeitslos? 
Ja, seit Anfang 1990.


Was haben Sie vorher gemacht?
Ich bin gelernter Gärtner. Danach habe ich noch meinen Facharbeiterbrief als Baumaschinist gemacht. Ich kann alles fahren, was sich auf dem Bau bewegt.

Keine Aussicht auf einen neuen Job?
"Wir sind sicher, dass Ihre weiteren Bemühungen alsbald zum Erfolg führen werden",  haben sie mir auf meine letzte Bewerbung geschrieben. Verarschen kann ich mich selbst. Mit 40 bist du weg vom Fenster.


Wovon leben Sie?
Von 460 Mark Stütze. Meine Miete haben sie von 28 auf 280 Mark erhöht. Kneipe ist da nicht mehr drin, Ich trink' Dosenbier für 89 Pfennig der halbe Liter.


Was würden Sie gerne machen?
Ich möchte mal wieder auf der Landstraße liegen, mit einem vernünftigen Lkw.


Das Interview führten stern-Redakteur Werner Schmitz und Konrad Schwarz. Harald Ewert starb 2006.