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20. Jahrestag der Lichtenhagener Ausschreitungen: Gauck beschwört wehrhafte Demokratie

Deutliche Worte: Bundespräsident Joachim Gauck hat in Rostock das Versagen der Politik bei den Lichtenhagener Ausschreitungen gebrandmarkt - und eine klare Botschaft an Rechtsextremisten gesandt.

Deutlicher hätte er das Versagen von Politikern und Verantwortlichen von damals kaum anprangern können: Bundespräsident Joachim Gauck hat die fremdenfeindlichen Ausschreitungen von 1992 in Rostock-Lichtenhagen als Ausdruck staatlichen Versagens bezeichnet. "Demokratie muss wehrhaft sein und darf sich das Gewaltmonopol nicht aus der Hand nehmen lassen", mahnte Gauck am Sonntag in Lichtenhagen bei der zentralen Gedenkkundgebung zum 20. Jahrestag der Krawalle.

Der Bundespräsident hob aber auch Fortschritte im Kampf gegen rechte Gewalt hervor und lobte den Mut und das Engagement gegen Rechts. Rechtsextremisten stehe heute eine breite Front gegenüber: "Wir versprechen Euch, wir fürchten Euch nicht. Wo ihr auftretet, werden wir Euch im Wege stehen", sagte Gauck.

Ausschreitungen "ein Brandmal" für Rostock

Die Veranstaltung findet unmittelbar vor jenen Plattenbauten statt, die vor 20 Jahren Schauplatz von gewalttätigen Ausschreitungen gegen Ausländer waren. Rechte Randalierer hatten damals tagelang ein Asylbewerberheim im sogenannten Sonnenblumenhaus belagert und schließlich unter dem Applaus von Anwohnern Brandsätze auf das dort ebenfalls untergebrachte Ausländerwohnheim geworfen. Die Ereignisse zählen zu den schlimmsten fremdenfeindlichen Übergriffen der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Die Ausschreitungen seien "leider bis heute für Rostock ein Brandmal", sagte Gauck weiter. Sie könnten nicht mehr ungeschehen gemacht werden. "Umso mehr sind wir verpflichtet, die Geschehnisse nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, nicht irgendwie Gras über sie wachsen zu lassen." Es gelte, die damaligen Ereignisse "immer wieder zu betrachten, zu analysieren, um aus den Fehlern und Versäumnissen von damals zu lernen."

Gauck nennt Deutschland "Einwanderland"

Ungewohnt deutliche Worte fand der Bundespräsident auch zur Einwanderungspolitik. Inzwischen sei Deutschland zu einem Einwanderland geworden. Wenn man sich über die Bedingungen der Zuwanderung einige, "werden wir Zuwanderer nicht vor allem als Problem empfinden, sondern als Menschen, deren Anwesenheit zu unserem gemeinsamen Wohl beiträgt", sagte er.

Mit einer Sternfahrt von rund 1500 Radfahrern hat die zentrale Gedenkveranstaltung am Morgen begonnen. Sie ist Höhepunkt einer mehrtägigen Reihe von Kundgebungen, Diskussionen und Konzerten. Schon am Samstag hatten rund 5000 Menschen am Sonnenblumenhaus friedlich für Toleranz und Mitmenschlichkeit demonstriert, aber auch Änderungen an der Asylgesetzgebung in Deutschland gefordert.

mai/DPA/AFP / DPA