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30 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen Wir alle müssen endlich begreifen: Die Gefahr kommt von rechts!

Ein Demonstrant in Rostock-Lichtenhagen wirft Steine auf die Polizei
Die rechtsextremen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 waren die bis dato schlimmsten seit Ende des Zweiten Weltkriegs
© Bauer / Picture Alliance
Vor 30 Jahren brannte das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen. Es war ein Warnschuss, den wir noch immer nicht gehört haben. Wir müssen endlich und immer wieder die größte Gefahr für die Demokratie benennen: Den Rechtsextremismus.

Wann genau der erste Stein am 22. August 1992 auf das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen flog, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Es war irgendwann in den frühen Abendstunden. Aus einer Menge aus knapp 2000 Neonazis, Anwohnern und Schaulustigen, die sich vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber versammelt hatten, um gegen Geflüchtete, Asylsuchende und Vertragsarbeiter zu demonstrieren. 

In Rostock-Lichtenhagen brach sich die hässliche Fratze des Rechtsextremismus bahn

Was auf diesen ersten Stein folgte, ist Geschichte: Molotow-Cocktails und Brandsätze, begleitet von "Ausländer raus"-Rufen und Hitlergrüßen. Die hässliche Fratze des Rechtsextremismus brach sich Bahn – vier Tage lang war Lichtenhagen praktisch ein rechtsfreier wie rechter Raum. Bis die Polizei die Proteste letztlich unter Kontrolle bringen konnte. Seitdem wird in der Aufarbeitung dieses ersten Progroms seit dem Zweiten Weltkrieg versucht, Vieles zu erklären und zu verstehen. Wieso rechte Gruppierungen gerade im Osten so stark waren und es bis heute sind. Woher der Hass der Rostocker auf die Asylanten kam, wie es soweit kommen konnte, dass Hunderte bereit waren, Menschen bei lebendigem Leib zu verbrennen. Wieso die Polizei lange nicht eingriff und es vier Tage dauerte, bis die Situation entschärft war. 

Beim Gespräch mit Zeitzeugen fällt dann oft der Satz, man müsse Verständnis haben – für die aufgeheizte Stimmung in Rostock, befeuert durch die sprunghaft gestiegene Arbeitslosigkeit – für die Überforderung der Polizei, weil viele Zuständigkeiten nicht klar waren – für Menschen, die sich dieses "Spektakel" anschauen wollten und sich von der Stimmung haben mitreißen lassen. Nein, muss man nicht!

Seit dreißig Jahren geht es um Verständnis – wir müssen uns eingestehen, dass es nichts gebracht hat. Nicht nur in Bezug auf Lichtenhagen, sondern auf alles, was danach kam: Solingen, Mölln, Hoyerswerda, Halle, Hanau. 

Man muss nicht für jede Ideologie Verständnis haben

Man muss kein Verständnis haben, wenn Menschen ihren Fremdenhass hinter der Angst vor dem Islam verstecken – wie bei Pegida.

Man muss kein Verständnis dafür haben, dass Menschen ihre Umsturzfantasien und blanken Antisemitismus in eine hanebüchene Verschwörungsgeschichte gießen, weil sie im Supermarkt kein Stück Stoff vor der Nase tragen wollen – wie in der Corona-Pandemie. 

Wir müssen endlich hinschauen und begreifen: Die größte Gefahr für unsere Demokratie, unser Land und unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger kommt von rechts! Wir müssen endlich aufhören, rechten Terror mit Aktionen aus dem linksautonomen Umfeld aufzuwiegen. Wer hat in den vergangenen Jahrzehnten dutzende Menschen auf offener Straße umgebracht? Linksextreme oder Neonazis?

Rechtsextremismus mit Linksextremismus aufzuwiegen, wird den Strukturen nicht gerecht

Keine Straftat, keine Körperverletzung und kein Anschlag ist zu rechtfertigen. Weder ein brennendes Flüchtlingsheim, noch der Wurf eines Molotow-Cocktails auf Polizisten beim G20-Gipfel in Hamburg. Wichtig ist aber, dass wir uns über das Verhältnis im Klaren sind:

Seit Jahren kommen die meisten politisch motivierten Straftaten von rechts. 2021 erfassten die Strafverfolgungsbehörden in Deutschland mehr als doppelt so viele rechte wie linke Straftaten. Immer wieder zu behaupten, Linksextremismus sei genauso schlimm wie Rechtsextremismus wird diesen Strukturen nicht gerecht. 

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Rechtsextremismus ist eine zutiefst menschenverachtende Ideologie. Sie will zerstören – Systeme, Normen und nicht zuletzt auch Menschen. Und das tut sie noch immer. Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen waren schockierend und eine Blaupause in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Aber es war nicht der einzige Fall. 

Der Rechtsextremismus lebt noch immer. Ob in Cottbus oder in Dortmund-Dorstfeld. Wir alle, die in diesem Land leben, haben die Verantwortung, alles in unserer Macht stehende dafür zu tun, dass Menschen jeder Hautfarbe, Religion, Herkunft und sexueller Orientierung in Frieden hier leben können. 

An diesem traurigen Jahrestag gilt mehr denn je und für immer: Nie wieder Faschismus!

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