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Flüchtlingsheime: Die Idioten sind zum Glück nur die Ausnahme

Übergriffe auf Asylbewerber, Brandanschläge auf Unterkünfte - Deutschland zurück auf dem Weg zum Fremdenhass? Nein! Die vielen Flüchtlingsinitiativen zeigen: Es entwickelt sich eine Willkommenskultur.

Ein Kommentar von Walter Wüllenweber

Flüchtlinge sind hier herzlich willkommen: Berlin-Neukölln bei einer Gegendemonstration zu einer NPD-Kundgebung im April 2014

Flüchtlinge sind hier herzlich willkommen: Berlin-Neukölln bei einer Gegendemonstration zu einer NPD-Kundgebung im April 2014

Es ist schon wieder passiert: Im Kreis Herzogtum-Lauenburg bei Hamburg hat ein Idiot das Nachbarhaus abgefackelt, weil dort sechs Flüchtlinge aus dem Irak einziehen sollten. Deutschlandweit steigt die Zahl der Angriffe auf Unterkünfte für Asylbewerber. Im feinen Hamburger Stadtteil Harvestehude haben Anwohner vor Gericht den Baustopp eines Flüchtlingswohnheimes erstritten. In Chemnitz durfte ein NPD-Stadtrat seine Neonazi-Freunde eine Stunde lang durch das Asylbewerberheim führen.

Das alles erinnert mich an die 90er Jahre. Als junger Reporter habe ich damals hauptsächlich über die rechte Szene und den braunen Terror in Deutschland berichtet. Ich war dabei, als glatzköpfige Schläger in Rostock-Lichtenhagen drei Tage lang eine Flüchtlingsunterkunft angriffen. Ich berichtete über die Randale in Hoyerswerda, die Morde in Mölln und Solingen. Wochenlang saß ich im Prozess gegen die Mörder des Angolaners Amadeou Antonio. Er war das erste Todesopfer rechter Gewalt nach dem Fall der Mauer. Und aus dieser Erfahrung weiß ich: Die Situation heute ist nicht vergleichbar mit der Lage Anfang der 90er Jahre.

Gemeinsam Biken: Tobias Fleiter pumpt den Reifen eines Fahrrades für Tairou Nasif auf. Die Initiative "bikes without borders" verleiht Fahrräder an Flüchtlinge in Karlsruhe

Gemeinsam Biken: Tobias Fleiter pumpt den Reifen eines Fahrrades für Tairou Nasif auf. Die Initiative "bikes without borders" verleiht Fahrräder an Flüchtlinge in Karlsruhe

Deutsche Willkommenskultur

Überall, in jeder Stadt in jedem Dorf, werden derzeit Unterkünfte für Asylbewerber gebaut. Und fast überall gründen Anwohner parallel dazu eine Flüchtlingsinitiative, um die Neuankömmlinge willkommen zu heißen. Die freiwilligen Helfer geben Deutschunterricht, begleiten Asylbewerber beim Gang zum Ausländeramt und helfen bei dem unvorstellbar komplizierten Papierkram, der für einen Asylantrag notwendig ist. Sie sammeln Fahrräder und bringen den Flüchtlingen das Fahren bei. Oft spenden die Nachbarn solche Mengen von Kinderspielzeug und Winterklamotten, dass die Betreiber der Unterkünfte nicht mehr wissen, wohin damit. Ärzte und Psychotherapeuten behandeln Flüchtlinge kostenlos. Meist vernetzen sich die Initiativen einer Region über Facebook, um schnell zu erfahren, welche Hilfe wo gebraucht wird. Und viele kleine Betriebe bieten Flüchtlingen ein Praktikum zum gegenseitigen Kennenlernen an. In Deutschland entsteht tatsächlich gerade so etwas wie eine Willkommenskultur. Leise, ohne großes Bohei, aber unglaublich wirksam.

Minderheit von Wutbürgern

Natürlich gibt es weiterhin die Pegida-Spinner, die durch Dresden trampeln. Auch in Hamburg wurde die AfD in die Bürgerschaft gewählt. Und die frustiertesten Loser, die unbedingt Ausländer für ihr Versagen verantwortlich machen wollen, legen nachts mitunter Feuer. Das ist bedrückend. Aber nicht verwunderlich. Schon 1981 hat die berühmt gewordene "Sinus-Studie" herausgefunden, dass gut zehn Prozent der damaligen Westdeutschen ein geschlossen rechtsextremistisches Weltbild haben. Diesen faschistischen Bodensatz gab es in der Bundesrepublik immer. Mal wählten sie Republikaner, mal die DVU, in Hamburg die Schill-Partei. Heute machen sie ihr Kreuzchen bei der AfD und fürchten sich vor der angeblichen Islamisierung. Dass sich eine Minderheit von Wutbürgern gegen die Aufnahme der Flüchtlinge wehren wird, das habe ich genau so erwartet. Das entspricht meinem Bild von der deutschen Gesellschaft.

Überangebot an Hilfe

Dass sich die übergroße Mehrheit der Deutschen aber mit den Flüchtlingen solidarisiert und sie mit offenen Armen aufnimmt, damit hätte ich damals in Rostock-Lichtenhagen niemals gerechnet. Mich haben nicht die Glatzköpfe, die Molotow-Cocktails auf die Balkone des Flüchtlingsheimes warfen, am meisten schockiert. Viel schlimmer waren die ganz normalen Anwohner, die zuerst klatschten und dann den Reservekanister aus dem Kofferraum holten. Munitionsnachschub für die Terroristen. Und heute gibt es sogar in Rostock eine Flüchtlingsinitiative, eine sehr aktive. Die ganz normalen Rostocker betreiben zusammen mit Flüchtlingen aus aller Welt einen multikulturellen Garten. Gemeinsam wühlen sie im Dreck, bauen Bohnen und Zucchini an und feiern im Sommer jedes Wochenende.

Der braune Bodensatz, die zehn Prozent Idioten, die gibt es weiterhin, die haben sich nicht geändert. Aber der Rest, die 90 Prozent, die normale, deutsche Mehrheitsgesellschaft, die erkenne ich nicht wieder. Für mich ist das so ziemlich die schönste Erfahrung in meinem Reporterleben.

Übrigens: Natürlich gibt es auch im Herzogtum-Lauenburg eine Flüchtlingsinitiative, auch in Chemnitz und natürlich auch im noblen Hamburg-Harvestehude. Dort hat der Flüchtlingsverein ein ganz besonderes Problem: Platzmangel. Zu den regelmäßigen Treffen kommen meist über 150 Helfer. Da wird es selbst in der Schulaula zu eng. Auch im Millionärsviertel gibt es ein Überangebot an Hilfe.