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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: In Deutschland ist Maskenball. Mit den Augen lächeln, üb' ich noch

Seit Montag herrscht im Land Maskenpflicht. Auch Micky Beisenherz verhüllt nun sein Gesicht - und berichtet von seinen ersten Erfahrungen.

Micky Beisenherz über Masken

Auch Micky Beisenherz trägt jetzt Maske

DPA

Ich bin schon zwei Stockwerke runter, da hechte ich wieder die Treppen rauf, zurück in die Wohnung und greife mir die Maske, die noch auf dem Esstisch liegt. Fast ironisch, weil "die werden mir in meinem Stammcafé ja wohl auch ohne einen Espresso mitgeben", aber: Sicher ist sicher.

Meine Freundin Eileen aus München war so nett, für unseren Haushalt ein paar wunderschöne Modelle zu nähen und zu schicken. Selbst hätte ich mich natürlich nicht gekümmert und wäre mitten in eine veritable Versorgungslücke hinein gestolpert. Eileen ist beileibe nicht die Einzige (die netteste sicherlich), bei der es im Arbeitszimmer rattert wie bei einem Mofa-Treffen. Influencerinnen wie Cathy Hummels haben mehr Nähmaschinen/m2 als ein handelsüblicher Sweatshop in Bangladesch, und den Stoff, für den junge Menschen Schlange stehen, holt man sich nicht mehr hinter den Büschen, sondern im Textilgeschäft.

Seit rund 24 Stunden herrscht Maskenpflicht in Deutschland. Auch für mich. In meinem Stammcafé wird der Nasen- und Mundschutz ganz unironisch getragen. Was ich auch daran merke, dass mein Kumpel Jonas bereits mit seinem Kinderwagen vor dem Laden steht und Not-SMS an Freunde schickt, ob sie ihm gleich einen Flat White holen, wenn sie ankommen. Er selbst hatte seine Maske daheim liegen lassen.

In diesen Tagen stelle ich fest, dass ich eine Nuance weniger eitel bin als ich bislang annahm. Nicht nur, dass das Pflichttextil der Weltöffentlichkeit 50 Prozent meines wunderschönen Gesichts vorenthält - das Gummi an der Seite ist etwas stramm, sodass meine Ohren an der Seite unvorteilhaft vom Kopf wegklappen. Von hinten würde ich sofort ohne Probleme das Auswahlverfahren zu "Bauer sucht Frau" passieren.

Mit den Augen lächeln

Wer so in ein Geschäft hinein genschert, der braucht nicht darauf zu hoffen, dass sich alle auf das coole Fuchs-Muster über der Nase fokussieren. Mit ein wenig Glück reißen die Augen es wieder raus. Mit den Augen lächeln, das müssen wir jetzt lernen. Schwierig. Haben wir Deutschen es doch schon mit dem Restgesicht nicht hingekriegt.

"Die Mimik ist die Bühne der Emotionen". So gesehen ist hier auch gerade spielfrei. Die Maske rutscht beim Reden, sodass die Nase schnell frei ist. Ich seh jetzt aus wie Armin Laschet bei Presseterminen. Für einen zweiten Kaffee muss ich einen extra Einwegbecher nehmen. Hygiene und so.

Der Klimaschutz hat Corona-Pause. Draußen nehme ich das Ding wieder runter und unterhalte mich auf Abstand mit zwei Bekannten. Das Thema? Guess what. Die Bundesligaergebnisse werden es nicht gewesen sein. Noch schnell zur Tanke, 'ne Cola holen. Parken, aussteigen, wieder zurück ins Auto, Maske holen. Die Verkäuferin hinter der Plexiglasscheibe lässt mich wissen, dass sie froh ist, ihren Text nicht wieder aufsagen zu müssen.

Arschtrittmagnet des Tages ist Til Schweiger

Unten am Hafen. Ich sitze mit meinem Kaffee auf einer Bank und lese ein Buch, oder wie man in München sagen würde: Maikrawall. Hier an den Landungsbrücken ist es nicht mal an Neujahr so ruhig. Keine Menschen. Keine Möwen. Und die wenigen, die da sind, sind still. So als würden sie wie Straßenmusikanten nur dann performen, wenn sie zumindest auf ein paar fallen gelassene Pommes oder Brötchenhälften hoffen dürfen.

Ich scrolle mich auf meinem iPhone durch die sozialen Netzwerke. Arschtrittmagnet des Tages ist Til Schweiger. Auch er setzt jetzt vermehrt auf alternative Experten. Die seltsame Corona-Wahrnehmungsstörung dokumentiert ganz gut den Mentalitätswandel in Teilen der Bevölkerung. Vor einem Monat war er selbst noch Abstands-Wauwau im Hamburger Hirschpark. Jetzt Entfesselungskünstler, der merkt: #Flattenthecurve ist kein lustiges Happening für ambitionierte Balkonklatscher, sondern ein langer, zäher Kampf.

Es heißt halt eben doch Krise und nicht Chance. Keine Häme für niemanden. Wer sich akut bedroht fühlt, der neigt denen zu, die einen schnellen Exit versprechen. Oder einen in dem Gefühl bestätigen, hier einer gewaltigen Ungerechtigkeit unterworfen zu sein. Keiner braucht jetzt unseren erhobenen Zeigefinger. Oder diese sozialromantische Buddhismusscheiße.

Gegen Doofheit gibt es keine Herdenimmunität

Richtig ist aber auch: Nach dem, was wir #Lockdown nennen, sehnen sich die meisten anderen Länder. Sogar während der Coronazeit.

Und Drosten kriegt Morddrohungen. Gegen Doofheit gibt es keine Herdenimmunität.

Supermarkt. Maske auf. Ohren ausklappen. Reingehen. Die Maskenpflicht hat den Vorteil, dass die wenigen, die den Schutz schon vor dem Dekret aus Rücksicht auf andere benutzt haben, sich jetzt nicht mehr so doof vorkommen als wohlwollende Einzeltäter. 

Banksy-Kunstwerk mit Gesichtsmaske

Ein Mann betritt den Markt. Die Verkäuferin weist ihn auf die neue Verordnung hin. Der arme Kerl scheint heute das erste mal von dem Virus gehört zu haben. "Aber ich habe doch gar keine Maske." Er geht ohne Lebensmittel heim. Eine eigene Eileen hätte ihn retten können.

Alle halten brav Abstand

Im Gang beugt sich ein Typ mit Maske für eine gefühlte Ewigkeit in den Aufschnitt.  Früher hätte ich mich an ihm vorbei geschoben. Jetzt spare ich den kompletten Gang aus, bevor Wurstwaren-Bane mit mir Virenlambada tanzt. Durch die Maske atmen nervt. 

Manche haben so blaue Spezialdinger. Von Playmobil. Nur konsequent: Die Frisuren haben sie ja ebenfalls davon. In der Schlange vorm Kassenband halten sie alle brav Abstand. Schlangen von gerade mal sieben Personen gehen jetzt um die Ecke bis zur Fleischtheke.

Eine Frau kommt aus dem anderen Gang und nutzt die Lücke zwischen mir und meinem Vordermann, um sich munter dazwischen einzureihen. Durch den Stoff hört die Frau weder mein verzagtes Gemurmel. Ja, auch das mit den Augen strafen klappt nicht so wirklich.

Diese verdammten Papiertüten

An der Kasse ist wenig von autoritärer Aggression zu spüren. Es wird gescherzt und, oh ja, mit den Augen gelacht. Es gibt Gags über Mundgeruch und feuchte Aussprache. Und was mich psychisch deutlich mehr belastet, das ist nicht der Mundschutz.

Es sind diese verdammten Papiertüten. Sie reißen immer noch schneller als die Nerven von Karl Lauterbach, wenn Laschet redet. Können wir nicht mal ne Papiertütenpause machen während Covid19? Mit den Kaffeebechern geht es doch auch.

Jetzt ist auch mal langsam gut mit Corona! Wir haben alle unseren Spaß gehabt.