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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier London cuddling

Micky Beisenherz
© Illustration: Dieter Braun/stern
Alle irre da draußen. Die Kneipen sind voll. Die Straßen ebenfalls. Von einem Lockdown scheint man hier meilenweit entfernt. Londoner Pubs sind wie eine sanfte Umarmung in harten Zeiten.
Von Micky Beisenherz

Mit zwei Pints in der Hand selig von der Theke rüber zu der lederbezogenen Bank, eins für meinen Freund Oli, eines für mich. Der hat sich bereits in den Sitz gefläzt, dass er vermutlich nur noch chirurgisch von ihm zu trennen ist. Im Fernseher über uns läuft Billard. Aus den Zapfhähnen kommt Bier, das es in Deutschland nur bei ausgesuchten Spirituosenhändlern für horrendes Geld gibt. Cheers.

Wie sehr mir diese englischen Pubs gefehlt haben. Wir quatschen uns dann auch gleich fest. Lediglich die Reste unserer Vernunft halten uns davon ab, gleich noch ein viertes Pale Ale zu bestellen. Diese Stadt mag hektisch sein. Laut. Gnadenlos kapitalistisch. Sobald du in diese beispiellos gemütlichen Bars kommst, hat die Welt gefälligst draußen zu bleiben.

Dabei wäre ich fast gar nicht hier. Die Einreisemodalitäten sind mit Onlineformularen so kompliziert ausgefallen, dass ich während des Ausfüllens mehrfach abbrechen und einfach zu Hause bleiben möchte. Hamburg ist doch eh Londons kleine deutsche Schwester. Man könnte glatt den Eindruck gewinnen, unerwünscht zu sein. So hochschwellig ist der Eintritt ins abtrünnige britische Empire geraten. Unter anderem ist es erforderlich, die Bestellnummer eines Corona-Testes anzugeben, den man im Laufe des Prozesses online bei einem zertifizierten Anbieter buchen musste, um überhaupt den begehrten QR-Code erlangen zu können, den man am Check-in-Schalter vor Abflug vorzeigt. Dieses Antigen-Testkit holt man sich dann an Tag zwei seines Aufenthalts an der Rezeption seines britischen Hotels ab und … na ja. Sollten Sie positiv sein, sollten Sie das melden. But frankly, nobody gives a shit. Es fragt halt niemand mehr danach. (Ich war übrigens negativ. Zweimal.)

Die Kneipen sind voll. Die Straßen ebenfalls. Von einem Lockdown scheint man hier meilenweit entfernt. London zur Vorweihnachtszeit ist eine Offenbarung. Die Millionen Lichter, die die viktorianische Architektur wie blinkendes Geschmeide umspielen. Man muss emotional komplett verkrüppelt sein, um davon nicht korrumpiert zu werden. Alles so sagenhaft warm und einladend, so klischeemäßig schirmcharmemelonehaft. Mitunter auch beängstigend, wenn man sieht, dass Abstand und Maske hier eher als unverbindliches Angebot verstanden werden.

Harrods, Hyde Park und Abbey Road Studios

Irgendwo hält Boris Johnson eine Rede vor hochrangigen Wirtschaftsvertretern, in der er die Großartigkeit des englischen Erfindergeistes am Beispiel des Cartoonschweines Peppa Wutz preist. Das ist so irre, hochmütig und wunderschön ignorant, dass der verkniffene Deutsche das doch einfach lieben muss.

Oli und ich spazieren durch Harrods, dieses legendäre Nobelkaufhaus. Der Einfluss des legendären ehemaligen Besitzers, des Ägypters Mohamed al-Fayed, ist immer noch spürbar, wenn man von den Rolltreppen aus den tempelartigen Stil des Baus bewundert.

Über dem Hyde Park die Lichter des Riesenrades. Inmitten dieser gewaltigen Grünfläche prangt eine Kirmes. Oli und ich stehen am See und genießen die Ruhe. Zu meiner Linken ein Schwan. Das Tier ist überraschend zutraulich. Für gewöhnlich sind Schwäne die Hooligans unter den Gänsen mit Hang zum überkandidelten Outfit.

Morgen wird Oli für ein Video nur mit einem Brokatmantel bekleidet über den Zebrastreifen vor den Abbey Road Studios schreiten. In Frankreich wollten sie ihn für etwas Ähnliches unlängst verhaften. Hier interessiert das niemanden. In Zeiten, wo jeder sich in alles involviert, ist diese lustvolle Ungerührtheit auch mal schön. Cheers.

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