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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Sempre CoRoma – eine Reise nach Italien

Micky Beisenherz in Italien
Micky Beisenherz verbringt seinen Urlaub in diesem Jahr in Italien.
© Micky Beisenherz
Wo sich sonst Menschenmassen drängen, herrscht jetzt erfrischende Leere: Micky Beisenherz ist nach Italien gereist - und erlebt das Land, wie er es aus seiner Kindheit kennt.

I am Legend. Geht sonst als maßlose Selbstbeschränkung eines gut situierten Mittvierzigers durch, beschreibt hier aber gut das endzeitähnliche Szenario, das meine Frau und ich hier erleben. Wir sind am Zielort unserer Autotour angelangt, in Rom. Der italienischen Hauptstadt, die in allen Jahren vor und (hoffentlich) nach 2020 voller ist als ein Einkaufszentrum, wenn ein Youtuber zur Autogrammstunde lädt.

Nun aber wirkt es, als hätten wir die Metropole wie ein Privatkino gemietet, um mal ganz ungestört die Sehenswürdigkeiten genießen zu können. Und davon gibt es hier so viele, als hätte eine göttliche Hand fast gelangweilt Attraktionen wie Spielzeuge wahllos über den Straßen und Plätzen ausgekippt.

Blickt man in normalen Jahren zwischen Menschenmassen wie durch ein Loch im Bauzaun auf die ersehnten architektonischen Filetstücke, kannst du derzeit problemlos passieren und direkt dran, an den Trevibrunnen oder ins Kolosseum.

Was geblieben ist, ist die Hitze. Und Straßenmusikanten, die einsam ihre Melodien gniedeln. Nicht da hingegen sind die Touristen. Vor allem Asiaten und Amerikaner, die im Sommer mit Sandalen und Kappen den Legenden vergangener Jahrhunderte hinterher dackeln, während die Einheimischen vor den Temperaturen flüchten und, nun ja, all jenen Sehenswürdigkeitssurfern, die schon qua Outfit von stolzen Römern recht einfach zu unterscheiden sind.

Ein paar von diesen Hauptstädtern sind uns während unserer Reise am Gardasee begegnet. In Bardolino. Der perfekte Ort für Teutonen, die zwar italienisches Flair, aber auch im Urlaub nicht auf Ordnung und Deutsch als Amtssprache verzichten wollen. Der Gardasee. Nach München der zweite Anlaufpunkt einer Reise, die uns über Florenz weiter in den Süden Europas führen sollte.

Es ist alles noch wie damals

Hier, in Bardolino, war ich früher schon als Kind und Teenager mit einer Reisegruppe aus Eltern, Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen. Ein Konvoi, in dem mein Vater in seinem BMW Jahr für Jahr seinen Ruf verteidigte, nicht Kolonne fahren zu können.

Längst selbst im Elternalter angekommen, genieße ich den gnadenvollen Renovierungsstau der Gegend. Es ist alles noch wie damals. Nur ganz sachte wurde hier und da ein wenig Gegenwart in die Szenerie eingepflegt.

Gerade so viel, dass die Menschen, die hier seit 40 Jahren herkommen, sich nicht von zu viel Gegenwart belästigt fühlen. Hier ist noch der Tabacchi Laden, wo wir früher den stern oder die "Quick" gekauft haben. Hier gibt es keinen Rewe City. Keinen Starbucks. Stattdessen kleine Boutiquen, in denen Frauen weiße Leinengewänder kaufen und Männer sich für florale Muster entscheiden, als hätten sie ihr Hemd direkt auf der Bundesgartenschau gekauft.

Am Ende landet Mama mit Klamotten im Pool

Ich streife durch die Ferienwohnanlage von damals. Die Zikaden geben ein Streichkonzert, die Säulenzypressen stehen Spalier, der Geruch von gemähtem Rasen vermengt sich mit dem Aroma von verbranntem Gras. Ein Duft, der mich noch glücklicher macht als der Hautgout damals, als mich eine frisch geöffneten Tüte olivenöliger, komplett versalzener Kartoffelchips kurz vom Game Boy ablenkte, bevor ich auf irgendeinem ausländischen Kanal dabei zusah, wie der Million-Dollar-Man von Bret Hart beim Wrestling auf die Fresse bekam.

Hier in Italien marodierte ich Jahre später als jüngster Teilnehmer einer euphorischen Clique zwischen Tennisplätzen und Campingplatzpoolanlagen umher, wurde das erste und einzige Mal katerbedingt grün im Gesicht, verknallte mich in Mendhi aus Tel Aviv, während ich bis spät in die Nacht mit ihrem Bruder Alon im Auto saß und Police-Songs hörte.

Clubabende. Tanzen zu Michael Sembellos "Maniac", lange bevor Jahre später ein Gibbon im Muscle Shirt den Song bei DSDS für immer unhörbar machen sollte. Peroni aus der Flasche nachts auf dem Steg. Und am Ende landet Mama mit Klamotten im Pool.

Juliane Werding und Nino de Angelo

Abends spazieren wir am See entlang, weg von der Piazza, in Richtung Hotel. Nikki hat eine Art Eimer in der Hand, in dem man sonst Chicken Wings nach Hause trägt. Darin: Gelato. Pistazie. Lakritz. Haselnuss. Joghurt.

Hinter dem Zaun eines Campingplatzes spielen tapfere Urlauber mit Juliane Werding und Nino de Angelo dagegen an, dass durch das verstärkte Aufkommen römischer Urlauber das schöne süddeutsche Stimmengewölle in den Gassen unangemessen italienisch verfälscht wird. Von Stuttgart bis Bardolino sind es nur 550 km. Von München sogar nur 400. Italien ist für den Hochdeutschverächter eine sehr tief hängende Frucht.

Ein junger Mann kommt uns entgegen. Mit diesem typisch gebrochenen Blick junger Väter schiebt er apathisch einen Kinderwagen. Er trägt eines dieser T-Shirts, die derzeit vor jedem Souvenirshop hängen. Auf der Brust Konterfeits von Muhammad Ali, Einstein, Steve Jobs, darüber die Überschrift: "think different". Aber die hat er vermutlich nie gelesen. In seinen Crocs wackelt er davon.

Herrliches Achtzigerjahre-Flair

Der Mittag im Hotel Gritti. Mein Blick streift über das orange-rote Segeltuch, mit dem die Liegen um den Pool herum bespannt sind. Herrliches Achtzigerjahre-Flair. Slim Aaron meets antike Langnese-Eistafel. Mehr Sorgen bereitet mir das hellblaue Textil, das um meinen Kopf gespannt ist: Hier am Pool herrscht Badekappenpflicht. Ich erdulde es klaglos. Doch lange kann das nicht gut gehen. Corona. Masken. Hitze.

Eine bayerische Rentnerin lehnt sich auf. Ohne Badekappe zieht sie ihre Runden. Wie ein Fanal ragt der rotbraun getönte Seniorinnenschädel aus dem unschuldigen Blau des Beckens. Wie um ihre kleine Reisegruppe am Beckenrand zu überzeugen gauweilert sie aus dem Chlor heraus: "Ja, mei, wenn des jetzt wegen des Carona wär! Des mit die Masken, des is ja okay, aber des mit derer Badekappe, des is ned wegen derer Carona - des is Schikane! Und des mach ich ned!"

Und sie macht es ned. Es entsteht Gemurmel. Aus der Kappophonie heraus entsteht ein allgemeines Aufbegehren. Am Ende fallen die Hüllen. Zumindest die auf dem Kopf. Ein Bademeister allein gegen zehn aufgebrachte Senioren-Broiler mit Textilallergie obenrum - das ist es ihm wohl nicht wert. Keine Ahnung, ob die Badekappenresistance noch Menschenleben gefordert hatte - wir mussten los.

Unser Ziel ist Rom

Weg von der Leere des riesigen Hotels, dem Krankenhauskantinenflair im leeren Frühstücksraum, der bedrückenden Stimmung an der Rezeption. Die 80 Prozent Tourismuseinbruch in Italien - hier in den unendlichen und unendlich leeren Fluren des Parc Hotels ist die bleischwere Depression italienischer Hotelerie mit Händen greifbar.

Unser Ziel ist Rom. Ein kurzer Zwischenstopp in Sirmione. Vor den Mauern der Stadt steht eine Waage. Was für ein Unsinn: Entweder du wiegst dich VOR dem Besuch des Ortes und hast dann schlecht gelaunt keinen Bock mehr auf Eis oder du wiegst dich NACH dem Bummeln und verfluchst dich dafür, dir dieses Eis gegönnt zu haben.

Derweil kreuzt ein mittelalter Mann auf einem E-Scooter unseren Weg. Um seine Stirn an einem Gummiband trägt er ein iPhone wie eine Grubenlampe, mit dem er die Fahrt streamt oder zumindest auf Video aufzeichnet. Da die Kamera ihn selbst nicht ins Bild bekommen kann, hat der Clip zumindest eine Mindestchance auf würdevollen Inhalt. 

Aerosole mio

Zwei Nächte Florenz. Piazzale Michelangelo. Wir blicken auf eine angenehm leere Stadt. Ein wenig Shopping, viel Spazierengehen, Espresso Macchiato auf der Piazza Santo Spirito. Ein alter Mann sitzt in der Morgensonne, liest Zeitung. Ein Müllmann kommt vorbei und setzt sich auf einen kleinen Plausch dazu.

Ich pastelliere meine Kleidung so gut es geht, schlüpfe in die Schnellficker-Vans, um die Fiorentiner in Sicherheit zu wiegen, dass die Deutschen dieses Jahr komplett wegbleiben. Postkarten kaufen, Insalata di Mare, diverse Negroni in den wunderbaren Bars - solange das Leben draußen stattfindet, erscheint es sicher. 

Aerosole mio. Die Italiener wissen es besser. Sie tragen die Masken auch draußen, bei Einkaufstouren und Spaziergängen. Die Bilder aus Bergamo, sie haben sich festgesetzt. Es sind die Besucher aus dem Ausland, die das alles etwas leichter nehmen. Keiner von ihnen wird eine Chance haben, ein Geschäft zu betreten ohne Maske oder vorher die Hände am Eingang desinfiziert zu haben.

Die Screenshots der Antike

Beim Joggen entlang des Arno gelange ich zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass es westlich des Ponte Vecchio kaum anders aussieht als am Rhein-Herne-Kanal Höhe Datteln/Ecke Henrichenburg. Und wohin das Auge blickt: Statuen. Abbildungen von nackten Männern, für die es im römischen Reich nicht leicht gewesen sein dürfte, diese Figur ohne Fitnessriegel oder Quinoasalat zu halten.

Ansonsten geht's in den Plastiken eigentlich vorrangig um Vergewaltigungen, Verschleppungen oder Unterwerfungen. Jede Skulptur wäre heute ein eigener Hashtag. Die Screenshots der Antike.

Dauert es sonst Stunden, um in die Uffizien zu gelangen, müssen wir gerade einmal fünf Minuten Schlange stehen, um die Schätze der Renaissance zu bewundern. Kurze Wartezeiten machen es deutlich erträglicher, dass man wertvolle Aufshandystarrzeit gerade mit Kunst vertut.

Mehr Tauben als Touristen

Abfahrt. Ein italienischer Mittfünfziger mit einem entspannten Verhältnis zu frischer Wäsche fährt unseren alten Benz aus dem Parkhaus. Mit diesem Schlachtschiff durch die engen Gassen italienischer Großstädte zu manövrieren, wäre blanker Irrsinn. Als würde man die AIDA in die Kanäle Venedigs rammen. Und ja, auch dort gibt es plötzlich wieder deutlich mehr Tauben als Touristen.  

Würde ich hier wohnen, ich besäße einen Fiat 500 oder einen dieser tollen, alten Lancias. Niemand, der hier lebt, fährt ein unzerkratztes Kfz. Schlimmere Dellen als die Autos hat hier nur der Fremdenverkehr.

Was, um ehrlich zu sein, auch ein wenig der Grund ist, warum uns Rom gerade in diesem Jahr als so attraktive Destination erschien. 1700 km südlich von Hamburg parken wir den Benz vorm Hotel Quirinale, ein herrlich patiniertes Grand Hotel mit einem vergitterten Fahrstuhl, Parkettboden, Fensterläden. Wunderbar.

Alles ist unglaublich frei

1700 Kilometer. Wie haben wir das als Kinder früher ausgehalten. So ohne Podcasts oder YouTube-Videos hinten im iPad in Mamas Kopfstütze. Ernsthaft! Nur mit einer Reiseversion von Vier gewinnt kann das doch nicht gegangen sein.

Der Rezeptionist ist ein wunderbarer Mann. Charmant, freundlich und nicht ganz unglücklich darüber, zumindest ab und zu einen Gast hier willkommen heißen zu dürfen.

Wir flanieren und spazieren, und eigentlich ist das die Sensation, denn sonst schiebt man sich durch diese Stadt. Man ist Teil einer zähen Masse, die wie ein Brei oder besser noch wie Lava fließt. Jetzt ist alles unglaublich frei.

Die Spanische Treppe ist menschenleer, wo sonst Ordnungshüter alle fünf Minuten den Pöbel von den Stufen jagen, damit die nächste Tranche von eisessenden Individualisten die Marmorstufen vollselfen kann.

Einen Euro in den Trevibrunnen

Der Blick auf die leere Piazza del Popolo. Es ist Urlaub wie in den Sechzigern, als das Flair mediterraner Traumstädte noch ungespritzt war und so etwas wie die Deutschen noch mit Orten wie Rimini aufgehalten werden konnten.  

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Sempre CoRoma – eine Reise nach Italien

Ein paar einsame E-Scooter warten auf Jockeys wie Tiere in einer ausgedörrten Savanne auf den Regen. Am Fuße der Treppen, die rauf zur Villa Borghese führen, verkaufen Händler Wasser und Selfiesticks, womit die touristischen Grundbedürfnisse ziemlich gut umrissen wären.

Nikki will ein Eis kaufen. Vor dem Eisladen auf der anderen Seite wartet ein Mann. Er hustet. Nikki möchte jetzt doch lieber kein Eis mehr. Ich könnte ihr dafür jederzeit einen Mund- und Nasenschutz kaufen. Läden wie "La Maska" haben sich auf dieses It-Piece 2020 spezialisiert. Gehen wir davon aus, dass im nächsten Jahr in diesem Ladenlokal Bauchtaschen oder enge Badehosen den Zeitgeist widerspiegeln.

Und so werfen wir einen Euro in den Trevibrunnen, mit dem Wunsch, dass das mit Covid19 bald vorbei gehen möge - wissend, dass wir ohne dieses verdammte Virus wohl niemals so schnell so nah an den Brunnen heran gekommen wären.

Once in a lifetime. Hoffen wir es.


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