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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Echo: Es muss auch langsam mal gut sein!

Wer hätte bei der durchschnittlichen Empörungshalbwertszeit gedacht, dass man eine Woche später noch immer über den Echo reden würde? Nervt, das Thema, oder? Gut so.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz über den Echo

Selbst Sagrotan-Sirene Helene Fischer ist aus der Teflonhaut gefahren und hat die Vorgänge beim Echo als beschämend bewertet.

AFP

Es muss auch mal langsam gut sein! (Ein im Zuge der Antisemitismusthematik in Deutschland gern verwendeter Evergreen.) Nervt, das Thema , oder?

Gut so. Hätte ja auch keiner bei der durchschnittlichen Empörungshalbwertszeit gedacht, dass man eine Woche (!) später noch über das Thema reden würde. Das war dann wohl auch schlussendlich der Grund, warum sich die Plattenfirma des Shisha-Bar-Amigos dazu entschieden hat, die Zusammenarbeit mit den beiden vorerst zu beenden. Vorerst. Was auf Deutsch soviel bedeutet wie: Bis der ganze Ärger sich gelegt hat. 

Eine Aktion in der Tradition der Paria-PR, die man vom Falle Weinstein kennt, in dem man sich von langjährigen Freunden und/oder Geschäftspartnern trennt, bevor das ganze Unternehmen mit kontaminiert wird.

Sagen wir's mal so: Unter Wirbelsäulenproblemen wird bei denen so bald keiner leiden. Möglicherweise haben die Plattenbosse auch im Rahmen der Empörungswelle das erste mal die Texte und Geisteshaltung der anstößigen Reimemonster wahrgenommen und können sagen: Antisemitismus? Wir haben von nix gewusst.

Wer hätte ahnen können, dass das - hihihi - Echo so gewaltig sein würde. Nein, wirklich, wenn sogar schon Sagrotan-Sirene aus der Teflonhaut fährt, um die Vorgänge beim Echo als beschämend zu bewerten, weißt du: Da stinkt etwas gewaltig.

War es am Anfang nur der konsternierte - und der Selbstinszenierung unverdächtige - Klaus Voormann, der seinen Preis zurückgab, gesellten sich in die große Echo-Retoure schnell noch ganz andere Kaliber.

Marius Müller-Westernhagen - so etwas wie die Helene Fischer der Neunziger - gab bei Facebook zu Protokoll, dass "er mit großem Interesse von Südafrika aus" (das war ihm dann schon wichtig) die Geschehnisse rund um den Echo verfolgt hatte und entschied sich kurzerhand, seine sieben Echos zurückzugeben. Was viele schockierte.

Zweimal Applaus für denselben Preis

"Wie kommt der zu sieben Echos?" Er korrigierte später noch rauf auf acht Echos. Mittlerweile hat er sie alle abgegeben. Die von Grönemeyer gleich mit. Gewohnt ätzend kann man jetzt natürlich sagen: Da kassiert einer zweimal Applaus für denselben Preis.

Und ja, wäre es nicht konsequenter, anstatt kostengünstiger Echauffage lieber den Deal mit einer Plattenfirma aufzukündigen, die solchen Typen derartige künstlerische Freiheit gewährt? (Westernhagen und sind nicht bei derselben Firma, ich weiß) Vermutlich.

Genauso kann man aber auch sagen: Da zeigt einer Haltung und wird dafür jetzt wiederum kritisiert. Aber wie es auch bei Charity so häufig ist: Ja. Vieles ist Pose. Vieles ist auch preisgünstiges Marketing. Am Ende bleibt es aber Werbung für die gute Sache.

Kendrick Lamar gewinnt ohne Antisemitismus

Und in Zeiten, da Menschen für das Tragen einer Kippa auf offener Straße mit einem Gürtel verprügelt werden, ist jedes Mittel recht um zu sagen: Diese Scheiße muss sofort aufhören. Und die Dixi-Lyriker am besten gleich mit.

Übrigens ist die ganze Geschichte kein Problem der (deutschen) Rap-Musik. So wenig wie Frei.Wild ein Repräsentant des Rock sind. Vielmehr sollten sich die zwei Bettel-Rapper überlegen, ob sie es wirklich nötig haben, so plump um Aufmerksamkeit zu werben. 

Ganz ohne Antisemitismus oder billige Effekte hat in den USA gerade Kendrick Lamar einen Award abgeräumt. Okay, es war nicht der Echo, sondern nur der Pulitzer Preis, aber immerhin. Übrigens: Ja. Rap ist Kunst. Und Kendrick Lamar ein Genie. Punkt.

Wird der Echo eingestampft?

Tja, der Echo. Was soll man sagen. Ein Preis, der sich allein auf Verkaufszahlen stützt. Da sind wir schnell wieder bei der einen Million Fliegen. Jetzt überlegt man - natürlich - die ganze Veranstaltung einzustampfen und eventuell einen neuen Preis ins Leben zu rufen. Unter einem neuen Namen. Vielleicht ja das Eiserne Musikerkreuz. Das wäre doch mal was.

Übrigens ist völlig untergegangen, dass Kollegah wirklich ein sehr talentierter Zeichner ist. Er sollte sich mal an einer Kunsthochschule bewerben.

Hoffentlich wird er nicht abgelehnt.

Der Eklat beim Echo: Campino wettert gegen Kollegah - Skandal-Rapper gewinnt und wird ausgebuht