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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Die letzten Tage Bayerns

Was ist nur mit Bayern los? Dieses Bundesland ist so fertig. Wäre es ein Mensch, es würde mit einem Besenstiel bei Til Schweiger über die Mauer klettern. Micky Beisenherz über den politischen und sportlichen Niedergang des einstigen Vorzeigestaates.

Video: CSU-Söder zieht viele Register

Das Oktoberfest in seiner Zügellosigkeit mit den letzten Tagen Roms zu vergleichen, verbietet sich aufgrund der Realitätsferne und Großmannssucht eigentlich. Da das aber Prädikate sind, die ganz eindeutig dem Bundesland Bayern und zuvorderst seinem Ministerpräsidenten (Markus Söder, Stand 9.10.) zuzuschreiben sind, passt es doch sehr, sehr gut.

Überdies ist das Oktoberfest wie Bayern selbst: vorbei. Gleich vorweg ist mir wichtig, zu erwähnen: Bayern ist ein wunderschöner Ort. Das ist Sizilien allerdings auch. Oder Rio. Landschaftlich toll. Dennoch würde man da ungern zum Geldautomaten gehen. Oder regiert werden. 

Was ist nur mit Bayern los? Dieses Bundesland ist so fertig. Wäre es ein Mensch, es würde mit einem Besenstiel bei Til Schweiger über die Mauer klettern. Im Grunde genommen müsste der "Spiegel" sein drolliges "Es war einmal ein starkes Land"-Titelbild noch mal umlackieren.

Die CSU liegt in Umfragen bei 33 Prozent

Fußballerisch schaut man die Tabelle hinauf Richtung NRW und Ostdeutschland mit einem Schauder, der den Weißblauen sonst nur beim Wort "Länderfinanzausgleich" kommt. Das einst so stolze Oktoberfest hat eine derart bedauerliche Edhardyfizierung genommen, dass sogar Einwohner von Städten wie Braunschweig oder Gütersloh ironiefrei in Tracht Richtung Festzelt vorm Hagebau marschieren, weil sie herausgefunden haben, dass man auch zünftig unter sich machen kann, ohne 480 Kilometer mit dem Flixbus zu fahren.

Ja, selbst der Bayerische Wald könnte an einem Mittwochmittag von der Öffentlichkeit unbemerkt weg epiliert werden, weil vom Event-Öko bis zum Agenturchef jeder sein Herz für den "Hambi" entdeckt hat. Ganz zu schweigen von der CSU, deren Zustimmungswerte schneller schmelzen als man "Polkappen" sagen kann. Mittlerweile liegt man in Umfragen bei 33 Prozent. 33! Da sagt natürlich manch ein CSU-Hardliner: Als Jahr ganz schön, aber…. Bayern ohne absolute Mehrheit der CSU - das war bislang so realistisch wie Berlin ohne vollgeschissene Gehwege.

Klar, natürlich, sich an Markus Söder abzuarbeiten, ist billig und abgegriffen. Da schlägt humoristisch das Vera-Int-Veen-o-meter stark aus. Da Horst Seehofer aber so schön vorgelegt hat, erscheint das legitim. Die Landtagswahl in Bayern ist noch gar nicht vorbei, da klären die beiden Alpha-Müden schon mal die Schuldfrage. Ein schöner Beweis, dass sich Männer auch jenseits der Andropause noch wie kleine Jungs verhalten können, die sich gegenseitig bei Mutti anscheißen. (Nein, keine Merkel-Referenz.)

Es gibt nichts, das so sehr Vertrauen beim potenziellen Wähler schafft wie Führungspersonal, das bereits vor dem Wahltag versucht, das Desaster aufzuarbeiten. Dabei macht der fast schon bemitleidenswerte Söder kurz vor der Bayern-Wahl einen klassischen Move - "he pulls a Trump". Kaum richtet sich der Blick der Masse auf das Versagen im Inneren, schreit einer: "Da, eine Rakete!"

Markus Söder will ins All - dann soll er doch fliegen

Ist es bei Trump allerdings die atomare Bedrohung seitens Kim (mit dem es seit ein paar Wochen offenbar heftig pilchert), zeigt Söder stolz ins All und sagt: "Da wollen wir hin" - und viele denken: Na, dann flieg du doch mal vor. Es ist ja grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, dass ein Bayer irgendwo nach intelligentem Leben sucht. Allein die Art der Präsentation befremdet. Ein Raumfahrtprogramm namens "Bavaria One"?  Warum nicht gleich BavArea51? Und wäre es nicht angeraten, sich erst einmal um dringlichere Probleme zu kümmern? Man kriegt in München zur Rushhour ja kaum mal ein Flugtaxi!

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder spricht auf einer Bühne

Also, nochmal: Ein Raumfahrtprogramm? Ernsthaft? Söder ist mit seiner dickhodigen Selbstvergottung dem US-Präsidenten mittlerweile so ähnlich, dass es kaum überraschen würde, sollte er morgen Dieter Wedel für den Bundesgerichtshof vorschlagen. Bezeichnend ist, dass der notorisch Humorlose auf den kollektiven Spott allen Ernstes behauptet, dass das senftubenartige Logo seiner "Maß Mission" gar nicht seine, sondern eine Idee der JU gewesen und es deshalb "Fake News" sei, ihm das unterzuschieben - als hätte man dieses absurde Darth-Söder-Wappen heimlich auf der Bühne hinter ihm platziert.

Nochmal: 33 Prozent. Dass ausgerechnet einer homophoben Partei wie Gauweilers Erben eine sogenannte Regenbogenkoalition droht, ist eine wunderbare Pointe. Das schreckliche Dilemma, in dem wir alle stecken: Wir wünschen uns natürlich, dass die CSU am Sonntag richtig auf die Fresse kriegt. Dumm nur, dass der ganze erratische Selbstfindungszirkus der Christsozialen dann bis zur Bundestagswahl weiter geht.

Uli Hoeneß ist der Horst Seehofer der Bundesliga

Das ganze Land: ein Jammertal. Zu einem nicht unwesentlichen Teil heruntergewirtschaftet von Gockeln, die wie mit abgeschlagenen Köpfen herumirren und mit ihrem postpotenten Irrlichtern ihr ehemals gut laufendes Business "erledigen". Gutes Beispiel: Der FC Bayern. Das war früher mal ein erfolgreicher Fußballclub, geleitet vom Horst Seehofer der Bundesliga: Uli Hoeneß.

Es ist der Spagat zwischen "Laptop und Lederhose", der so langsam zum Adduktorenriss führt. Eine ganze Weile war diese MirsanMirerei ganz witzig, jetzt aber verliert man an der Säbener Straße den Anschluss. Schlimmer noch: Hoeneß södert bedenklich herum: Erst flirtet er so lange mit Jupp Heynckes, bis alle anderen Trainer-Kandidaten absagen, dann stellt er jemanden aus Frankfurt (!) als neuen Übungsleiter seiner Weltelf vor. Der wiederum soll mit einer Truppe aus Frührentnern und Invaliden bitteschön die Champions League gewinnen, und kaum, dass es mal etwas hakelt, rennt er vor das nächstbeste Mikrophon und gibt Interviews, in denen Worte wie "Kopf" und "Trainer" in einem Satz fallen - nur, um sich dann wiederum zu wundern, dass der Coach langsam an Autorität verliert. Hoeneß wirkt zunehmend wie ein Mann, der ein paar entscheidende Jahre im modernen Profifußball verpasst zu haben scheint.

Nichts ist mehr so, wie es war in Bayern

Der FC Bayern als Spiegel eines erodierenden Freistaates. Das bis dato vor allem aus Neidgründen verhasste Bundesland erlebt seinen Domino Day. Wohin man blickt, rauscht es ab. Nichts ist mehr so, wie es war. Selbst die letzte Bastion der Nuttigkeit, das P1 hat ausgedient. War die Diskothek in der Prinzregentenstraße im Vorbachelorzeitalter so etwas wie das königlich bayerische Flittchenpresswerk für Boulevardmatratzen mit hohem Nachhaltigkeitsfaktor, haben Fernseh-Fließbandproduktionen wie "Love Island" oder andere BIC-Promi-Stanzen die renommierte Ficki-Ficki-Manufaktur jeglicher Bedeutung beraubt. Man hat ausgedient. So geht es dem Bundesland Bayern wie seiner berühmtesten Tochter Verena Kerth: Man hat nie so ganz begriffen, womit die große Fresse begründet war, sie hatte ein paar gute Jahre - Geld leihen würd ich ihr trotzdem nicht mehr.

Gute Nacht, Bayern. Wir schicken Care-Pakete.