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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Verwandtschaft plus

Eltern und Geschwister kann man sich nicht aussuchen. Das Verhältnis zu Cousins und Cousinen schon. Ein Glück!

Von Micky Beisenherz

Verwandschaft plus

Gestern habe ich innerhalb von fünf Stunden mehr geschimpft als in den ersten knapp fünf Lebensjahren meiner Tochter. Der Grund: Die Kurze hatte Besuch. Ihre ­ Cousine war da. Ein vierjähriges Mädchen, das mit seinen dunklen Haaren und Augen ein fast perfektes Yang zum blond- blauäugigen Yin bildet, das bei mir im Kinderzimmer wohnt. Ein Kind, bei dessen Anblick die Rauchmelder anspringen.

Entsprechend angezündet war dieses kleine Duo infer­nale, während ich hinter den beiden herputzte, -schimpfte oder -bediente. Kam mir selten so elterlich vor wie in diesen paar Stunden mit meinem „Ihr legt das jetzt weg und geht ins Zimmer!“-Duktus. Ich bin ­offenbar doch zweiundvier­ziger, als mir lieb ist.

Cousins und Cousinen als „partners in crime“

Trotzdem hat es mich sehr berührt, zu sehen, wie die beiden Grillanzünder da so durch die Wohnung sprangen, sich eine Ukulele schnappten und auf dem Balkon spontan zu singen begannen. Unter anderem ein Ständchen für den weißbärtigen Herrn, der im Haus gegenüber die Sonne genoss und sich in dieser Kinder-Jamsession mehrfach als „lieber guter Weihnachtsmann“ besingen lassen durfte.

Cousins und Cousinen haben ein spezielles Verhältnis. Sie bilden die Brücke zwischen Freunden und Verwandten. Sie sind die Verwandten, die man sich – anders als Geschwister – eben doch auch aussuchen kann.

Hatte mein sechs Jahre älterer Bruder mir durch seine Terrorherrschaft früh klargemacht, dass die Welt nicht nur gerecht ist (er wird das aufgrund meiner Besserbehandlung durch die Eltern ähnlich empfunden haben), waren mein gleich­altriger Cousin Thomas und ich immer schon „partners in crime“. Unsere Kindheit war eine einzige Outdoor-Veranstaltung zwischen wilden Wiesen, Feldern und Neubaugebieten. Im Winter haben wir uns ein Paar Handschuhe und ein ­Vollkornbrot ­geteilt, während wir eine ­Vogelbeobachtungsstation bauten. Zu be­ob­achten gab es allerdings wenig. Außer ein paar Krähen auf dem gefrorenen Acker. Vögel waren im Gegensatz zu uns ja nicht so doof, im deutschen Februar draußen rumzuhängen.

Wir bekamen viel Ärger. Auch so ein ­Indikator für gute Kinderfreundschaften. Zum Beispiel eines Nachts gegen halb vier, als meine Mutter uns schimpfend einkassiert und zurück ins Bett geschickt hatte. Dabei war unser Plan genial gewesen: Wer um drei aufsteht, hat mehr Zeit zum Playmobilspielen.

Eine Freundschaft, die hält

Irgendwann wurde die Lego gegen die Bierkiste ausgetauscht, und das war dann auch sehr schön. Die Freundinnen kamen und gingen. Ebenso die Moden. Mein Cousin war immer da. Genau wie unsere entnervten Eltern, die uns nachts aus den Clubs nach Hause chauffierten – wenn wir nicht gerade zu Fuß zurück sind, um im Hellen ins Bett zu fallen. Natürlich nicht, ohne vorher noch kurz vor Thomas’ Mutter zu stehen und durch ellenlanges Herauslabern erst recht zu unterstreichen, dass wir ganz schön betrunken waren. 

Das alles ist lange her. Die Freundschaft ist geblieben. Und der ganze jugendliche Irrsinn, der unter einer ganz dünnen Schicht Zivilisation stets wieder durchzubrechen droht.

Ich wünsche meiner Tochter so etwas auch mit ihrer Cousine.

Wenn sie sich später gegenseitig die Haare halten beim In-die-Kloschüssel-Göbeln, kann ich ja so tun, als hätte ich es nicht mitbekommen.

Bis dahin hoffe ich, dass sie noch ganz oft den Weihnachtsmann von gegenüber besingen. Während Thomas und ich sie ­dabei auf der Gitarre begleiten.

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