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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Verpflichtet. Zum Glück

Ein soziales Pflichtjahr für alle? Micky Beisenherz hält das für eine gute Idee: Es gäbe weniger Jens Spahns oder Christian Lindners in dieser Welt - und der dramatischen Empathieerosion würde etwas entgegengesetzt. 

Micky Beisenherz

Micky Beisenherz plädiert für ein soziales Pflichtjahr

Weissenbrunner, Dierecks, Hinder, Walther, Hafenstein, Klima. Wer mit diesen Namen etwas anfangen kann, hat vermutlich wie ich seinen Zivildienst bei der AWO in Castrop-Rauxel abgeleistet. Wobei "abgeleistet" wesentlich zwanghafter und nüchterner klingt, als es damals war.

Um es gleich vorweg zu sagen: Unser Büro, bestehend aus etwa 15 Zivildienstleistenden, war ein eingeschworener Haufen aus jungen Männern und frischen Abiturienten, von denen niemals jemand auf den Gedanken gekommen wäre, sich einen Krankenschein zu holen.

Gut, am Anfang natürlich schon. Keiner von uns hatte sich diesen Job ausgesucht. Er war halt nur das kleinere Übel. Die Alternative Bundeswehr war in unseren Augen damals vornehmlich:
a)    Unter der Woche weg von zuhause sein.
b)    Sich von genau den Typen anbrüllen lassen müssen, denen wir vor Kurzem auf dem Schulhof noch Ohrlaschen verteilt haben.
c)    Am Wochenende betrunken in der Bahn zwischen den Abteilen liegen.

Im mobilen sozialen Hilfsdienst allerdings gab es schnell die Gelegenheit, mit den "Kunden zu bonden", kurz: Uns sind die alten Leute in kürzester Zeit sehr ans Herz gewachsen.

Wobei unsere Klientel nicht nur aus den klassischen Senioren bestand. Man konnte uns auch als Babysitter buchen. Für Kinder. Oder Abgehängte wie Arno, ein Sozialhilfeempfänger, dem das Leben ein nicht zu lösender Zauberwürfel zu sein schien, der sich aber immerhin noch dazu aufraffen konnte, seine immer weniger werdende Erscheinung ordentlich zu scheiteln und sich in einen viel zu großen, abgewetzten Anzug zu hieven.

Er kam mir damals schon recht alt vor. Vermutlich war er keinen Tag älter als ich heute. Naja, dann stimmt es ja irgendwie. Arno war höflich und bescheiden. Und dankbar. Für jeden Einkauf. Für jeden, für ihn anscheinend unmenschliche Kraft kostenden Gang zum Kiosk, den ich mit ihm unternahm, um sich Stopftabak zu kaufen (Fliesentische kannte man damals auch, ohne RTL2 schauen zu müssen). Für jedes nette Wort.
Als ich ihm zu Weihnachten ein paar günstige Lederschuhe geschenkt hatte, weil seine durchgelatschten Turnschlappen bei der Kälte einfach nicht mehr gingen, fing er an zu weinen.

Ich verrate jetzt nicht die Marke, aber bei ihm brach ein Deich, Mann. Es war ein schönes Gefühl, mit so geringen Mitteln so gut sein zu können. Noch ein Dankeswort mehr und ich hätte mich wohl als Sankt-Martins-Bild direkt ins Kirchenfenster malen lassen.

Fast ein Managergehalt

Lob allein aber macht einen Typen Anfang 20 natürlich nicht happy. Musste aber auch nicht, denn wir alle haben gutes Geld verdient. Das müssen so an die 1000 D-Mark gewesen sein. Für jemanden, der gerade aus der Schule kommt und noch bei den Eltern wohnt, fast schon ein Managergehalt.

Den nötigen Restansporn bekamen wir durch die Dienststellenleiterin: Frau Funke, ein Respekt einflößender Kabachel von einer Frau: Circa 1,80 m groß, Mitte 50 und Fan des VfL Bochum. Niemals hättest du es gewagt, dieser Frau Gehorsam zu verweigern. Sie hat auch dem Vernehmen nach nur einmal die Fassung verloren. Als sie Anfang der Neunziger versuchte, im Ruhrstadion das Trikot von VfL-Legende Rob Reekers zu schnappen und dabei fast über die Brüstung fiel. Den Job als Dompteuse dieses testosteronschwangeren Haufens erledigte sie da schon deutlich souveräner.

Die Frau war überdies praktisch meine erste Galeristin. Mit ihrer Erlaubnis war das komplette Büro voll mit meinen Zeichnungen, Cartoons und Karikaturen von den Menschen, die wir betreut, und den skurrilen Situationen, die wir mit ihnen erlebt haben.

Davon gab es reichlich. Wenn ich nur an Frau Weissenbrunner denke, die mit einer Geschwindigkeit von minus 3 km/h wie auf Eiern durch ihr Wohnzimmer tapste, um ihren Kater Stephan (!) zu jagen. Mein Kollege Limbo kam gerade vom Supermarkt, um ihr die Familienpackung Magnum zu bringen (wie sie trotz vier Stück davon am Tag nie über gefühlte 23 kg kam, wird ewig ihr Geheimnis bleiben), als er die Badezimmertür öffnet und sofort von einer hektisch flatternden Taube angegriffen wird, die sie zur Sicherheit dort eingesperrt hatte. Sowas musste ich natürlich zeichnen!

"'Ne 'Bild' und zwei Brötchen"

Genau wie zahllose andere Erlebnisse, die man hier unmöglich alle aufzählen kann. Jeder Mensch eine kleine Geschichte. Omma Hetti, die einen eigentlich immer nur um zwei Dinge bat: "Junge, bringste mir noch 'ne 'Bild' und zwei Brötchen?" 

Die knuffige Anneliese, die nach einem Schlaganfall kaum noch sprechen konnte und nur noch über verschiedene Betonungen der Laute "Wat die doch?" oder "Was? Ooooch" kommunizierte. Menschen mit Vorbildung im Kantonesischen hatten es da gewiss leichter. Das, was ich ihr regelmäßig von "Essen auf Rädern" heiß machte, erzeugte nicht selten ein schon fast ekstatisches "Was? Oooooch" und bei flirtiven Flapsigkeiten fing sie an zu kichern wie ein kleines Mädchen. Es war eine schöne Zeit.

Bei Opa Hafenstein habe ich regelmäßig Kohlen aus dem Keller seines Zechenhauses geholt. Ein herrlicher Oppa, Typ kleiner, knorriger Ex-Kumpel, der das Leben leichter nahm, als es ihm je gemacht wurde. In meine Arbeits- oder Anwesenheitszeit bei ihm fiel auch regelmäßig die Ausstrahlung von "Verbotene Liebe". Ein televisionärer Kollateralschaden, ein unbeabsichtigtes Anfixen, sodass ich auch lange Jahre nach Beendigung meiner Zivi-Zeit noch süchtig nach der Soap blieb.

Bei Frau Walther, feurige Ungarin bis zum Schluss, bekam mein Bruder - er war kurz vor mir dran - regelmäßig das Angebot, doch "noch fünf Minuten zu kuscheln". Er behauptet, er sei nie darauf eingegangen, aber ich glaube ihm nicht.

Eine Frau mit Fußnägeln wie Chipsletten

Über Frau Jentsch muss ich mal gesondert schreiben, das würde hier den Rahmen sprengen. Nur soviel: Ich habe schon Gollum die Füße mit Kytta-Salbe eingeschmiert, lange bevor der das erste mal über eine Kinoleinwand krächzte. Eine Frau mit - wie sagt Olli Schulz so schön - Fußnägeln wie Chipsletten, einer kleinen Narbe im Gesicht und verbrannten Augenbrauen, weil sie sich trotz Sauerstoffschlauch in der Nase auf der Couch 'ne Kippe anstecken wollte und einer Gesinnung rechts der AfD: "Gut, dass du kommst - dieser koreanische Menschenfresser wollte mich umbringen." 

Nicht jeder Zivi ist da gerne hingegangen. Kevin hieß bei ihr grundsätzlich "Clemens", ihr Vermieter "soll ma' weniger an die Bumserei denken", und nicht selten durfte man im Nachttopf nachschauen, was für prachtvolle "Ziegenköttel" sie sich da wieder "rausgedrückt" hatte.

Eine Cloche des Grauens. Und eine Steilvorlage für Hobbyparodisten wie mich. Ich habe ganze Abende damit bestritten, nur von ihr zu erzählen. Die anderen Abende haben wir uns fürchterlich betrunken. Wir waren schließlich Anfang 20.

Aber pflichtbewusst. Eines Morgens kam ich gegen sechs zurück, das Gehirn entsprechend verharzt, um direkt um sieben wieder aufzustehen. Ich musste am Sonntag immer um 7 Uhr 30 zu Opa Klima, um ihm seinen Apfel zu schälen und die Schnittchen zu schmieren. Dankenswerterweise wurde ich von meiner komplett verstrubbelten Mutter abgefangen, die mich so natürlich kein Fahrzeug führen ließ.

Ebbe in der Wortschatzkasse

Das Ende vom Lied war, dass sie wie eine Fluchtwagenfahrerin im Bademantel in ihrem alten 190er Mercedes vor Fränzchens Haus wartete, während ich komplett derangiert in seiner Küche stand, um mich um sein Frühstück zu kümmern. Niemand hätte in dieser Situation sagen können, wer von uns beiden eigentlich den Schlaganfall hatte.

Opa Klima schon mal gar nicht. Außer "hier, hier, hier" war leider Ebbe in der Wortschatzkasse. Wir haben uns aber auch so gut verstanden. So, wie wir uns alle hervorragend verstanden haben.

Wir haben diesen Job geliebt. Diese Zeit. Dieses Team. Frank, Tömmes, Laubi, Sven, Kai und all die anderen Irren, von denen sich damals vermutlich keiner freiwillig für den Zivildienst entschieden hätte. Wir alle hätten die Playstation gewiss vorgezogen.

So aber muss ich sagen: Wir sind zu unserem Glück gezwungen worden. Dadurch, dass wir Alte, Kranke, Sozialhilfeempfänger betreut haben, durften wir einen Einblick in Lebenswelten gewinnen, mit denen man im Laufe einer durchschnittlichen Karriere nie mehr in Berührung kommt.
Von der Schule direkt ins Studium oder gleich ins Berufsleben - 
das nächste Altenheim betritt man dann direkt als Neuzugang.

Andere Lebenswege, andere Perspektiven

Es gäbe weniger Jens Spahns oder Christian Lindners in dieser Welt, würde man Schulabgängern dieses Auslandsjahr im Inneren verordnen. Junge Menschen werden ohnehin schon wie ein Transrapid bis zum Abitur gejagt - da wäre ein kontemplatives Besinnungsjahr nicht verkehrt. Reden nicht ohnehin alle gerade von Achtsamkeit?

Bevor wir uns missverstehen: Hier geht es nicht darum, unterbezahlte Pflegekräfte durch noch billigere zu ersetzen. Es soll an dieser Stelle um junge Männer und Frauen gehen, die zur Unterstützung der Profis da sein sollen. Lernen, dass es da draußen auch noch eine andere Gesellschaft gibt, andere Lebenswege, andere Perspektiven. 

Die eigene Blase verlassen. Sich kümmern. Zuhören. Verantwortung übernehmen.  Sich neu orientieren. Auf der persönlichen Landkarte ein paar ganz neue Orte entdecken. Und vielleicht mal ein wenig mehr investieren, als Likes oder RIPs zu verteilen.

Ein Jahr. Nur ein Jahr. Je länger ich darüber nachdenke, desto wichtiger erscheinen mir diese zwölf Monate, um der fortschreitenden emotionalen Verkrüppelung, Verkapselung und der dramatischen Empathieerosion etwas entgegen zu setzen. Hier wird niemand ausgenutzt. Alle profitieren davon. Selten war ich so von etwas überzeugt wie hier.

Ich wäre damals zu dumm gewesen, mich freiwillig dafür zu entscheiden. Aber ich war verpflichtet. 
Zum Glück.

Screenshot eines Bildes von Jana Langer, daneben ihr Brief an Jens Spahn