HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Das demontierte Westdeutschland - zum Aus der "Lindenstraße"

Mit der "Lindenstraße" ist es ein wenig wie mit Karstadt: Man ist entsetzt und erbost, wenn der Laden dicht gemacht wird, war aber schon seit Jahren nicht mehr dort. Micky Beisenherz macht sich Gedanken über die alte Bundesrepublik, die langsam verschwindet.

Micky Beisenherz über das Ende der "Lindenstraße"

Micky Beisenherz macht sich Gedanken über das Ende der "Lindenstraße"

DPA

Stellen Sie sich vor, die alte Bundesrepublik wird langsam abgebaut - und keiner merkt es! Allein die elterliche Leichtigkeit, mit der man früher wie selbstverständlich ein Eigenheim und ein Auto hatte - fort!

Viele wissen gar nicht mehr, wann sie ihr Auto waschen sollen, weil die Bundesligaspiele dazu im Radio nicht mehr am Samstagnachmittag, sondern zu völlig unterschiedlichen Zeiten laufen. "Soll ich jetzt etwa Montagabend den Opel polieren?!“

Und so etwas wie das Gladbecker Geiseldrama wäre so heute auch nicht mehr denkbar, weil die Gangster mit ihrem Diesel gar nicht mehr in die Innenstadt dürften.

Sogar die Tiefkühlpizza will Julia Klöckner verkleinern! Ob die prozentual analog zur CDU geschrumpft werden soll oder man es erst einmal bei einer sanften Reduzierung überlässt, ist nicht überliefert. CeBit - auch weg! Wo kriegen wir denn jetzt frische Bilder von Angela Merkel oder Spahn mit diesen lächerlichen Virtual Reality-Brillen her?

All dies wären Themen, über die man sich leidenschaftlich beim Wischen im Hausflur in der "Lindenstraße" unterhalten hätte - stets wurden aktuelle Themen einigermaßen ungelenk in die Rahmenhandlung eingebaut, um dem Bildungsanspruch gerecht zu werden -, aber selbst diese Institution wird demnächst wegrationalisiert.

Mich hat das sehr traurig gemacht, aber um ehrlich zu sein: Mit der "Lindenstraße" erging es mir ein wenig wie mit Karstadt. Man ist entsetzt und erbost, wenn der Laden dicht gemacht wird, war aber schon seit Jahren nicht mehr dort.

Da erklärt der Vorsitzende der ARD doch tatsächlich, dass 2020 Schluss ist. Das Aus. Nach über 35 gemeinsamen Jahren. Gut, viele Frauen, die gerade auf der Couch nach rechts gucken, wünschen sich, sie hätten diesen Mut.

"Mutter Beimer" geht auf die Barrikaden

In der Schauspielerriege pendelt man zwischen Trauer und Kampfgeist. Nachvollziehbar. Wenn man allerdings hört, wie sich "Mutter Beimer" zu der ganzen Angelegenheit äußert, ist man geneigt zu glauben, die ARD hätte hier gerade das Rote Kreuz oder die Bundeszentrale für politische Bildung dicht gemacht.

Sogar von Widerstand ist die Rede. Einem Aufstand der Zuschauer. Ich fürchte, da hat Deutschlands populärste Spiegeleierbräterin die Rechnung ohne das Publikum gemacht. Die Revolution wird abgeblasen.

Natürlich regen sich alle auf, klar. Sogar die obligatorische Online-Petition bleibt nicht aus. Sobald allerdings ein politisch motivierter Aufkleber im "Polizeiruf" auftaucht oder ein "Tatort"-Kommissar einen hässlichen Pulli trägt, zieht die Empörungskarawane weiter und der Leerstand in Pappmaché-City droht unbesehen zu bleiben.

Der lange Abschied von der "Lindenstraße"

Der "Lindenstraße" verdanken wir goldene Momente. Okay, Til Schweiger ebenfalls. Aber halt eben auch Fernsehgeschichte(n) wie den ersten schwulen Kuss, einen AIDS-Tod und einen lüsternen Tennistrainer, dem ein Sechsjähriger mit Opas Flinte das Augenlicht ausknipst, woraufhin dieser vor ein Auto rennt und verstirbt. Und eine Bratpfanne als Tötungswerkzeug, um einen missliebigen Pfarrer loszuwerden- darauf muss man erstmal kommen!

Fatalerweise kommen solch spektakuläre Szenen heutzutage in einer einzigen Folge "GZSZ" vor. Die Empfindungsbegabung der Zuschauer hat sich verändert. Fiktionales Fernsehen ist heute getuntes Erzählen mit heftiger Taktung, ja, hoher Drehzahl. Dagegen ist das behäbige Tempo der "Lindenstraße" so etwas wie ein alter Diesel. Und der hat in den Innenstädten nun auch nichts mehr verloren.

Ach, "Lindi". Das wird ein langer Abschied. Jeder weiß, dass bald Schluss ist, die Darsteller wirken müde und trotzdem guckt man sich das traurige Schauspiel an, solange es geht.

Hat da jemand "SPD" gesagt?

Ein Bild von 1985, aus frühen "Lindenstraßen"-Tagen: Helga Beimer (Marie-Luise Marjan) mit ihrem ersten Mann Hans (Joachim Hermann Luger).