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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Sorge dich nicht, kicke

Oder guck zumindest zu. Denn eine Fußball-WM ist das Schmieröl der Gesellschaft, verschafft dem Alltag Struktur und Ehen eine solide Grundlage.

Von Micky Beisenherz

Wie ich Sie kenne, werden Sie gerade sehr konkret überlegen, ob es sich lohnt, heute schon Leute zum WM-Gucken einzuladen oder doch erst am morgigen Freitag die Bierzeltgarnitur abzuwischen, richtig?

Die Weltmeisterschaft in Russland startet. Erstes Spiel: Russland gegen Saudi-Arabien. Praktisch das Sommerfest der Menschenrechte. Aber keine Sorge, das soll es jetzt auch gewesen sein mit bitteren Beschwerden über den turnieraustragenden Unrechtsstaat. Spätestens wenn der Ball Erstkontakt mit dem Schuh hat, interessieren die Probleme oder Verfehlungen des Gastgeberlandes den Fußballfan in etwa so sehr wie Putin die Demokratie. Sorge dich nicht, spiele. Oder guck zumindest zu.

Na ja, und um 20 Uhr fängt dann halt Tunesien gegen England an.

Ich liebe die großen Turniere. Sie verleihen dem Tag Struktur. Plötzlich denkst du in Zeitfenstern, die sich auftun zwischen Abpfiff von Spiel 1 und Anpfiff von Spiel 2. Spiel 3 nicht zu vergessen. "Natürlich können wir Eltern gemeinsam den Kindergarten streichen! Aber nur, nachdem Belgien gegen Panama abgepfiffen wurde. Ganz wichtige Begegnung. Geheimfavoriten! Na ja, und um 20 Uhr fängt dann halt Tunesien gegen England an. Wir hätten also etwa anderthalb Stunden. Natürlich muss da noch die Fahrtzeit von runter ..."Besser für die Elterngemeinschaft (jeder, aber auch wirklich jeder hasst die Elterngemeinschaft in Schule oder Kindergarten) wäre es ohnehin, man würde gemeinsam die Spiele gucken.

Glauben Sie mir, die Weltmeisterschaft ist das Schmieröl im Getriebe einer Gesellschaft. Ich habe schon wildfremde Menschen sich umarmen und küssen sehen, als sei ein zweites Mal die Mauer gefallen, es wurden Freundschaften geschlossen, ach was, Kinder gezeugt, nur weil Jens Lehmann beim Elfmeterschießen zufällig seinen Einkaufszettel im Stutzen fand oder eine komplette brasilianische Mannschaft so hilflos durchs Stadion irrte wie Gauland übern Badesteg.

Deshalb, liebe Frauen: Verbieten Sie nie, dass auf Ihrer Hochzeit Fußball geschaut wird.

Gern erinnere ich mich an die Hochzeit meines besten Freundes, dessen Fest auf den Tag des Achtelfinals Deutschland– Schweden fiel. Das Spiel fand am Nachmittag statt, mitten in der Kaffee-Kuchen-Senke zwischen Kirche und Party, in der der Blutdruck bei allen Gästen für gewöhnlich in kritische Sphären abgleitet. Stattdessen: Schon um 16.30 Uhr eine Woge der Begeisterung, welche die Hochzeitsgesellschaft bis tief in die Nacht so weit trug, dass eben noch gänzlich Unverwandte in innigster Umarmung sogar über Mambo No. 5 und Dr. Alban hinweg macarenerten. Manchen konnte man nur mit Mühe davon abhalten, mit dem Kuchenmesser eine Blutsbruderschaft einzuleiten. Bei der WM 2010 stand ich in einem Zelt auf Sylt und umarmte beim vierten Treffer gegen England Menschen mit roten Chinos. Rote Chinos! Ja, ich habe geweint.

Es ist kein Geheimnis, dass die WM 2006 eine Werbung für den Menschlichkeitsstandort Deutschland war, die man mit Geld niemals hätte bezahlen können. Danke, Franz. Was die Ära Löw für babyblaue Kaschmirpullover bedeutet, werden erst nachfolgende Generationen bemessen können.

Die großen Menschenrechtsverletzungen, die der Fußball oft und gern übersieht, macht er durch die vielen zarten Bande, die er knüpft, zwar nicht wieder gut – aber man kann ihm einen gewissen Schwung dabei nicht absprechen.

Deshalb, liebe Frauen: Verbieten Sie nie, dass auf Ihrer Hochzeit Fußball geschaut wird. Deutschland–Schweden kann noch in 20 Jahren entscheidend dafür sein, wie gut sich Ihr Mann mit Ihrer Mutter versteht.