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M. Beisenherz – Sorry, ich bin privat hier: Thüringen - ein Schlichtungsversuch

Bei den Landtagswahlen in Thüringen holt die AfD mit 24 Prozent ein Rekordergebnis. Ihr Spitzenkandidat Björn Höcke denkt, redet, schreibt und jubelt wie ein Faschist. Wer einen Nazi wählt, der darf sich nicht beschweren, Nazi genannt zu werden, findet Micky Beisenherz.

AfD-Spitzenkandidat Björn Höcke nach der Landtagswahl in Thüringen

Björn Höcke, Spitzenkandidat der AfD in Thüringen

DPA

Ich weiß gar nicht, was mich mehr schockiert: Das Wahlergebnis. Oder wie wenig es mich schockiert. Es kam dann ja doch so überraschend wie die Zeitumstellung (no pun intended).

Sehen wir es mal so! Die große Bildungsoffensive der FDP hat sofort gegriffen: Ein Geschichtslehrer holt ein Rekordergebnis für die AfD in Thüringen! Satte 24 Prozent entfielen auf deren Spitzenkandidaten Björn Höcke (Davon kann Olaf Scholz nur träumen.)

Zählt man die Stimmen der Linkspartei und der AfD zusammen, so kommt man auf über 50 Prozent. Wäre Thüringen eine Pizza, sie wäre wohl die Cheesy Crust, wo der Rand deutlich dicker ist als die Mitte. Es wird in diesem Text übrigens das letzte Mal sein, dass ich die Linke und die AfD auf eine Stufe hieve - was mich an der Berichterstattung, aber vor allem auch den Aussagen diverser Parteivertreter (Hallo, Paul Ziemiak) gestern übrigens sehr befremdet hat.*

Allein schon deshalb, weil Bodo Ramelow bereits seit 2014 Ministerpräsident von Thüringen ist und man in dieser Zeit weder von Massenknüppelungen von Bessergestellten sowie Enteignungsorgien gehört hat. Ja, die Linke ist die SED-Nachfolgepartei und auf ihre Art gruselig.

Wahl in Thühringen: Ramelow: "Habe unbestritten den Regierungsauftrag"

Dass es sich bei Ramelow aber um einen moderaten, ja, fast schon umgänglichen MP gehandelt hat, das wollten selbst politische Gegner nicht bestreiten. Überdies dürfte er in seiner Amtszeit deutlich weniger Schaden angerichtet haben als Andreas Scheuer. Das gilt allerdings sogar für Hurrikan Kyrill. Ja, Ramelow ist für die Linke das, was zum Beispiel Kretschmann für die Grünen ist - umso lächerlicher, sich nicht auf ihn einlassen zu wollen, um ja kein Zeichen für die Bundesebene zu setzen.

Gut, ich könnte an dieser Stelle jetzt Hans-Georg Maaßen zitieren. Allein, warum sollte ich. Lieber zitiere ich mit Alexander Gauland denjenigen, der glaubt, parteiintern noch lange Höcke vorzustehen und der gestern wortwörtlich sagte: "Herr Höcke rückt die Partei nicht nach rechts, Herr Höcke ist die Mitte der Partei." Womit Gauland es im Winter der Karriere doch tatsächlich nochmal mit der Wahrheit versucht und auch den Dümmsten klar macht, wo sie stehen.

Ach, was waren das für Zeiten, als man sich über eine gestiegene Wahlbeteiligung noch gefreut hat. 66 Prozent Wahlbeteiligung. 66. Fühlt sich an wie 33. Oder 88. So viele Sitze hat übrigens der Landtag in Thüringen. Witzig, oder? Nein? Nein, eigentlich nicht.

Rund ein Viertel aller Wähler hat in Thüringen die AfD gewählt. Für mich persönlich eine dramatische Delle der Demokratie. Auch eine erklärbare?

Ein Erklärungsversuch für das Wahlergebnis

Anbei ein Versuch, dieses Ergebnis und die Motivation eines AfD-Wählers zu ergründen:

  • Die Herablassung, mit der sämtliche Geistesgrößen wieder und wieder ungebeten Wahlempfehlungen abgegeben haben. (Ungeachtet der Wahlen in den USA, England, Sachsen oder Brandenburg)
  • Eine allgemeine Maßregelungsgeilheit, die längst zum Selbstzweck verkommen ist.
  • Eine Phantomkanzlerin, die im Herbst ihrer Kanzlerschaft die Gelegenheit verpasst hat, spätestens nach Halle tatsächlich mal die Rolle der Mutter der Nation auszufüllen und ein Machtwort zu sprechen, dass so eine Scheiße verdammt nochmal nie wieder passieren darf.
  • Eine SPD, die nach 23 Regionalkonferenzen auf keine bessere Idee kommt als: Olaf Scholz
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  • AKK
  • Eine große Koalition, deren Führungsfiguren mehr an ihrem Instagram-Account oder peinlichen Profilierungsversuchen interessiert sind, sodass am Ende sogar der türkische Außenminister im Beisein seines deutschen Kollegen die Lacher auf seiner Seite hat.
  • Das Einladen noch so politisch irrelevanter AfD-Figuren als Einschalt- und Erregungsimpuls in TV-Shows als Bestätigung der Bürgerlichkeit dieser Partei.
  • Das Aus und Nichteinladen diverser AfD-Vertreter als vermeintlicher Beleg für die Diskriminierung dieser demokratisch legitimierten Partei.
  • Das mit denen Reden
  • Das nicht mit denen Reden
  • Interviews wie zum Beispiel das mit Björn Höcke, die zu einem "heute Show"-artigen Satire-Beitrag verkommen, den Interviewpartner einmal kräftig durchhitlern und final nur dazu dienen, den unfairen Umgang der Presse mit dem dialogwilligen AfDler zu dokumentieren.
  • Das peinliche Wegmobben von unliebsamen Rednern wie Bernd Lucke oder Thomas de Maizière (!) an Universitäten.
  • Das noch deutlich peinlichere mediale Aufblähen solch singulärer Auflehnungsexzesse zum Vorboten für eine drohende Gesinnungsjunta.
  • Das treudoofe über-das-Stöckchen-springen von uns allen bei geschäftsmäßigen AfD-Ausfällen, das Twitter längst zu einem digitalen Agility-Parcours gemacht hat
  • Die inflationäre Verwendung des Begriffs Nazi, die einem echten Faschisten wie Höcke fast schon die außerordentliche Lebensleistung abspricht.
  • jämmerliche alte Männer, die im digitalen Exil ihren vierten Frühling als BesorgbürgerImam erleben und ihre fossilen (Radio-) Pointen braun umlackieren.
  • Alte Frauen und CompactCovergirls, die es ihnen gleichtun.
  • Die PolyesterHools der Werte-Union als Scharnier zwischen Dregger-CDU und NPD.
  • Journalismus, der zu häufig Berichterstattung mit Kommentar verwechselt.
  • Eine Borniertheit und Verachtung im beiderseitigen Umgang, die ihren Höhepunkt 2015 hatte und schmerzhaft nachwirkt.
  • Zeitungen, die sachliche Berichterstattung verwechseln mit Aufwiegelungsjournalismus à la "was uns wütend macht".
  • Eine fast schon pathologische Differenzierungsunlust auf allen Seiten.
  • Eine allgemeine Überforderung aufgrund einer gesellschaftlichen Dynamik, die sich immer schneller zu drehen scheint und uns gefühlt binnen weniger Jahre mit Themen wie Feminismus, Klimawandel und Digitalisierung zu überrollen droht, sodass man sehnsüchtig auf jemanden blickt, der verspricht, all das wieder zurück drehen zu können.
  • Eine Bundesregierung, die seltsam gefangen in Bräsigkeit und Aktionismus kaum mehr als politische Handbremsendrifts zu bieten hat und zwischen Prenzlauer Berg und Dortmunder Norden nicht mehr zu vermitteln weiß.

Björn Höcke ist ein Faschist

All das und vieles mehr sind gute Gründe, am politischen Klima zu verzweifeln, sich unsicher oder orientierungslos zu fühlen, ja, womöglich wütend – aber: Keiner davon ist ein Grund, Björn Höcke zu wählen. Einen Faschisten. Einen Faschisten, der so genannt werden darf, weil er unzählige Male den Beweis erbracht hat, dass er ein Faschist ist. Der denkt, redet, schreibt wie ein Faschist. Der sogar wie einer jubelt. Weil er ein Faschist ist.

Und jeder, der gestern sein Kreuz bei der AfD gemacht hat, darf künftig nicht mehr darauf hoffen, dass man irgendeine Form von Verständnis entgegenbringt oder sich die Zeit nimmt, mit ihm oder ihr in den Dialog zu treten. Oder kurz: Habt ihr alle euren Verstand verloren?!

Wenn ich unglücklich bin über eine absolut sinnlose Tempo-30-Zone, dann baller ich nicht mit 180 in den nächstbesten Backshop! Da endet dann auch mein Verständnis. Die Dinge sind kompliziert, die Fragen komplex, aber wer einen Nazi wählt, der darf sich nicht beschweren, Nazi genannt zu werden. Der Schuh, den ihr euch angezogen habt, ist ein Springerstiefel.

(*P.S.: Bei der Linkspartei brennt vielleicht ein SUV - aber keine Synagoge.)