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70. Geburtstag: Biermann bekommt Bundesverdienstkreuz

Sein Leben lang nahm er kein Blatt vor den Mund. Nach der Ausbürgerung aus der DDR protestierte Liedermacher Wolf Biermann erst recht. An seinem 70. Geburtstag würdigt ihn Bundespräsident Köhler als "preußischen Ikarus" und verleiht ihm das Bundesverdienstkreuz.

Wolf Biermann ist ein Liedermacher gegen die Staatsmacht in der DDR gewesen, aber auch ein "Troubadour der deutschen Zerrissenheit" und ein "poete chanteur", ein Liederdichter, wie er sich noch immer versteht, oder auch als "proletarischer Orpheus". Heute wird der in seiner Vaterstadt Hamburg lebende Biermann 70 Jahre alt, wo er auch geehrt wird als "Legende ohne Totenschein", wie er sich selbst in einem seiner neuen Lieder ("Heimkehr nach Berlin Mitte") beschreibt. Auch bundesweit erhält der Liedermacher zu seinem Geburstag Anerkennung: Bundespräsident Horst Köhler verleiht Biermann das Bundesverdienstkreuz.

"Süßes Leben - saures Leben" ist der Titel einer seiner zahlreichen Schallplatten. Das könnte auch für seine Biografie gelten. Ihre vielleicht einschneidendsten Fixpunkte waren die für den kleinen Wolf traumatische Bomben-Feuernacht in Hamburg 1943 und seine spektakuläre Ausbürgerung aus der DDR vor nunmehr 30 Jahren, am 16. November 1976. Sie sollte ihn später auch zum "Stasi-Großinquisitor" machen, der mit dem Unterdrückungsapparat der DDR und seinen Helfershelfern auch in der Kulturszene wie zum Beispiel dem Lyriker Sascha Anderson abrechnete.

Größte kulturpolitische Protestkampagne in der Geschichte der DDR

Was nach seinem Rausschmiss aus der DDR folgte, war die größte kulturpolitische Protestkampagne in der Geschichte des "Arbeiter- und Bauernstaates", die auf einen bis dahin einmaligen, zuvor nur von den Nationalsozialisten praktizierten Vorgang reagierte: den Rauswurf eines Deutschen aus seinem Land. In diesem Fall eines Deutschen, dessen Vater als kommunistischer Widerstandskämpfer in Auschwitz ermordet wurde. Zum Vorwand für die Ausbürgerung hatte die SED ein Konzert Biermanns am 13. November in Köln - nach zwölfjährigem Berufsverbot in der DDR - mit angeblich "feindseligem Auftreten" gegen die DDR genommen.

Ein Sturm der Entrüstung brach selbst unter den prominentesten Künstlern und Schriftstellern in der DDR los - von Christa Wolf über Armin Mueller-Stahl bis Manfred Krug. Es folgten Einschüchterungen, Gefängnis und ein intellektuelles Ausbluten der DDR in Richtung Westen. Der Liedermacher selbst erlebte seine Ausbürgerung damals zunächst "als das Ende von Wolf Biermann", wie er sich später erinnerte. "Ich dachte, es ist aus mit mir, mit meinem Leben, als Liedermacher und Dichter. Na klar habe ich geflennt." Die Angst des "Preußischen Ikarus", wie eines seiner Lieder nach der Eisenfigur auf der Weidendammer Brücke über der Spree heißt, dass er abstürzen werde, wenn sie ihn rausschmeißen, sei begründet gewesen, meinte Biermann.

Aus Schmerzen Lieder machen

Die ersten Jahre wieder im Westen waren für Biermann, der 1953 in die DDR übergesiedelt war, nicht immer leicht. Er wurde keineswegs überall mit offenen Armen empfangen. "Ich hatte aber Glück, ich konnte aus meinen Schmerzen Lieder machen", meinte er später einmal. Es entstanden wieder zahlreiche Lyrik- und Prosabände Biermanns, der schon zuvor mit Büchern und Schallplatten von sich reden machte, die in DDR-Zeiten zunächst nur im Westen erschienen sind: "Die Drahtharfe", "Der Dra-Dra", "Warte nicht auf bessere Zeiten", "Nur wer sich ändert bleibt sich treu" oder "Chausseestraße 131".

Es ist die Adresse seiner letzten Wohnung in Ost-Berlin gleich neben dem Friedhof von Bertolt Brecht und Helene Weigel, wo inzwischen auch einige der damaligen Unterzeichner der Protestresolution ruhen wie Stephan Hermlin und Heiner Müller. In der Chausseestraße gab Biermann während seines Berufsverbots als ungeliebter Sänger in der DDR seit 1965 seine inzwischen legendären "Hauskonzerte". Biermanns Versuch nach dem Ende der DDR, in seine alte Wohnung zurückzukehren, misslang. Aber Ehrenbürger von Berlin soll er werden, meint jedenfalls jetzt der Vizepräsident des Abgeordnetenhauses, Uwe Lehmann-Brauns (CDU).

Abrechnung mit Unterdrückungsapparat

Mit Trauer, Wut und beißender Ironie brachte Biermann die Vergangenheit zur Sprache, rechnete mit dem Unterdrückungsapparat der DDR ab und hielt doch nimmermüde an seiner sozialistischen Einstellung fest. Auch im "deutsch-deutschen Dichterstreit" nach dem Ende der DDR erhob er laut seine Stimme, angespornt durch die eigenen "Entdeckungen" in seinen Stasi-Akten, die beredtes Zeugnis über den Stasi-Einfluss auf die Künstler in der DDR ablegten.

Biermann gehört zweifelsohne zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart und ist mit Preisen überhäuft worden, vom Georg-Büchner- Preis über den Heinrich-Heine-Preis bis zum Deutschen Nationalpreis. Gerühmt wurde seine einfühlsame Nachdichtung eines jiddischen Poems von dem polnischen Juden Jizchak Katzenelson "Großer Gesang vom ausgerotteten Jüdischen Volk". Auch als Nachdichter von Shakespeare oder Bob Dylan machte sich Biermann einen Namen.

Zu seinem 70. Geburtstag hat er sich einen neuen Gedichtband geschenkt ("Heimat", Hoffmann und Campe), dessen Titelgedicht mit der Zeile beginnt "Ich suche Ruhe und finde Streit". Die Zeilen einiger seiner frühen Lieder sind längst Klassiker und teilweise zu geflügelten Worten geworden wie "Was verboten ist, das macht uns grade scharf" oder - aktuell wie eh und je - "Soldaten sind sich alle gleich, lebendig und als Leich". Biermanns Lebensmotto aber blieb: "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu".

Wilfried Mommert/DPA / DPA