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"Menschen bei Maischberger": Knietief im Dispo

Eben noch millionenschwer, plötzlich kurz vor der privaten Insolvenz. Selbst verschuldete Pleite oder eine Laune des Schicksals? Werner Böhm, Hera Lind und Peter Zwegat hatten da so ihre eigene Sichtweise. Ein leidlich unterhaltsamer Abend zwischen Promis, Prekariat und Plastikhühnern.

Von Ingo Scheel

Wolf Biermann feierte seinen 75. Geburtstag, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft schlug den alten Erzrivalen, die Niederlande, humorlos glatt mit 3:0 und Kanzlerin Merkel verteilte auf dem Leipziger CDU-Parteitag mit gütiger Hand Merci-Schokolade an ihre Parteifreunde. Es war einiges los an diesem 15. November 2011. Bei Sandra Maischberger ging man die Stunde vor der Nachtruhe jedoch im Geiste Monty Pythons an: And now for something completely different. Schulden sollten das Thema sein. "Gestern reich, heute pleite - Schuld oder Schicksal?"

Ließ schon das Plaudermotto an selige Vormittagstalkshows denken, ging der Blick beim Betrachten der Gästeliste endgültig zur Fernbedienung. Ja. Doch. Man war in der ARD, und nicht etwa bei RTL gelandet, und hier machten es sich Hera "Das Superweib" Lind, Werner Böhm alias Gottlieb Wendehals, Inkasso-Vertreterin Marion Kremer und der Mann, dem die Schuldner vertrauen, Peter Zwegat, in den Studiosesseln bequem.

Kreditkarte implodiert beim Friseur

Und so schwer das Thema auch wiegt, so leicht und locker geriet der Einstieg. Die Lind parlierte davon, wie sie nach 13 Millionen verkauften Büchern, neben all der Arbeit, dem Schreiben, den vier Kindern, hier eine nachlässige Unterschrift leistete, dort das Kleingedruckte überlas und ihre Finanzen schließlich, so gar nicht superweiblich, in männliche Hände gab, wo sie beinah unbemerkt verpufften. Beim Friseurbesuch - wo sonst? - schließlich implodierte die Kreditkarte. Der Ruin? Mitnichten. In die Hände gespuckt, angepackt, einen neuen Bestseller geschrieben. Alles halb so wild.

Deutlich wilder ging es da schon bei Gottlieb Wendehals alias Werner Böhm, zu. Die Studio-Requisite hatte ihm zu Ehren Plastikhühner auf den Tischen verteilt und der angejahrte Dampfplauderer und Ex-Dschungelcamper ließ sich nicht lumpen, soviel Gastfreundlichkeit mit erhöhtem Silbenausstoß fürstlich zu belohnen. Wie der gute Werner in die private Insolvenz geriet? Mit Feierei und Partyalarm natürlich. Erst Heidi von hinten an die Schulter, dann zu tief ins Portemonnaie gefasst. Die schönen Abende, die tolle Stimmung, die wunderbare Band. "Bier, Cola, Sinalco" für alle. Und das nicht nur einmal, sondern regelmäßig. Frei nach George Best: "Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst." Heute bekommt Böhm von seiner Frau 20 Euro zugeteilt, um zur Talkshow zu fahren. Da reicht es grad mal für einen Espresso im Bistro. Sparsamkeit und Vernunft, die auch Peter Zwegat und Marion Kremer gefiel.

Schlechte Aussichten für eine 20-Jährige

Die Vizepräsidentin des Bundesverbands Deutscher Inkasso-Unternehmen konterte die farbenfrohen Geschichten der Promi-Gäste mit nüchterner Amtspsychologie: Die Menschen vertrauen den falschen Leuten. Und sie konsumieren einfach zuviel. Zack, das haben wir doch schon immer geahnt. Auch die später dazugekommenen Gäste konnten beides nur zähneknirschend bestätigen. Claudia Verlande hatte auf die Immobilien-Kenntnisse ihres Mannes gesetzt und war auf über 600.000 Euro Schulden sitzen geblieben. Sabrina Tewes verhob sich mit Bankdarlehen und Ratenkäufen und ist momentan mit 6000 Euro im Minus. Nicht nur Böhm, mittlerweile kurz vorm Wegnicken, und Lind, unablässig milde lächelnd, fragten sich an dieser Stelle, was die 20-Jährige in der Sendung verloren hatte, war sie doch weder gestern reich noch ist sie heute vollends pleite.

Diese Prise Prekariats-Reality war es dennoch, die die unwirklichen Finanzfabeln aus einer Welt, in der unablässig Polonäse Blankenese getanzt wird, wieder auf den Boden holten. Das ließ auch Zwegat sich nicht zweimal sagen und haute kurz vor dem Abspann, mit Blick auf den Finanzplan der arbeitslosen Alleinerziehenden, noch eine seiner gefürchteten Prognosen raus: "Ich denke mir, dass sie in 15 Jahren möglicherweise wieder hier sitzen. Mit 40.000 Euro Schulden." Was für eine Spannungskurve von Hera Linds lauschiger Anekdote zum Verdikt des pragmatischen Peters.

"Lieber tot als wie ohne Geld" hatte der Gladbecker Geiselnehmer Degowski einst den Journalisten als Beweggrund für seine Tat ins Notizbuch diktiert. Bei Geburtstagskind Biermann klingt das lyrischer, wenngleich ebenso unversöhnlich: "Die Menschlein taumeln über jeden Rand. Zu arm, zu reich, zu klein im Größenwahn. Weil Wünsche wuchern wie ein Krebsgeschwür, bin ich ein nimmerfroher Nimmersatt". Gut, dass es wenigstens Hera Lind die Stimmung nicht verhagelt hat. Ihre Devise in der Krise: "Wenn nur Dein Lächeln bleibt". Übrigens auch der Titel ihres neuen Buches. Veronica Ferres, übernehmen Sie!