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Ärzte-Interview: "Wir sind symphatische Millionäre"

Von der meistzensierten zur erfolgreichsten Rockband Deutschlands: die Berliner Ärzte über Grönemeyer, Groupies und Gehörschaden.

Die Ärzte sind die erfolgreichste Rockband Deutschlands. Warum zeigen Sie sich so ungern in der Öffentlichkeit?

Bela: Sie reden hier nicht mit Daniel Küblböck oder Dieter Bohlen, die zu jeder Gelegenheit ihre Fressen in die Kameras halten. Wir sind keine Pausenclowns der Boulevardpresse. Mick Jagger geht auch nicht zu Kerner oder Beckmann. Kann natürlich sein, dass er das mal in 20 Jahren macht - aber dann nur aus purer Verzweifelung. Es interessiert uns einfach nicht, über das neue Auto, das neue Fitnessgerät oder die neue Freundin zu reden.

Ist diese Verweigerung eine Strategie, um sich das Image als konventionsfreie Punkband zu bewahren?

Bela: Okay, ich gestehe: Meine Prostata ist verchromt. Erst vergoldet und dann verchromt. Punk ist nur die Idee, die hinter den Ärzten steht. Alles andere machen wir so, wie wir es für richtig halten.

Auf Ihrem neuem Album "Geräusch", das derzeit ganz oben in den deutschen Charts steht, singen Sie: "Sind die Ärzte schon Kommerz, ich will’s nicht wissen." Sind die Ärzte noch Punk?

Bela: Wir sind sympathische Millionäre. Daraus machen wir kein Geheimnis. Wenn etwas vom Ideal des Punk übrig geblieben ist, dann der Hedonismus, den man in unseren Liedern finden kann.

Die Ärzte wurden in den achtziger Jahren durch gezielte Tabubrüche berühmt. In Ihrem Song "Geschwisterliebe" sangen Sie: "Du bist so eng, das macht mich geil. Und morgen nehme ich dein Hinterteil." Sind Ihnen solche Zeilen heute peinlich?

Farin: Nein, darauf bin ich immer noch stolz. Immerhin habe ich den Song mit 15 geschrieben, als ich noch keinen Sex gehabt hatte. Ich fand Tabus schon als Kind lächerlich.

Sie haben "Geschwisterliebe" später Ihrer Schwester Julia gewidmet.

Farin: Das war jugendlicher Irrsinn. Die Bundesprüfstelle hat die Platte verboten, uns wurde untersagt, den Song live zu singen. War aber kein Problem. Das Publikum kannte den Text ohnehin auswendig.

Auf dem neuen Album heißt es: "Wenn du mich liebst, wirklich liebst, wird dein Ding gepiekst." Wollen Sie heute noch provozieren?

Bela: Das schon, aber nicht nur die so genannten Spießbürger. Die Zeiten der Bürgerprovokation sind wohl vorbei. Damit würden wir uns lächerlich machen. Wenn heute einer im Fernsehen sagt: "Ich gehe mal ein paar Hunde ficken", würde das selbst meine Mutter nicht mehr groß schocken. Wenn er‘s täte, eventuell schon.

Bela, bevor Sie als der tätowierte Schlagzeuger und Sänger der Ärzte berühmt wurden, wollten Sie Polizist werden. Was trieb Sie dazu?

Die einzige Lichtgestalt meiner Familie war mein Onkel. Er war der Chef der Ausländerpolizei in Berlin und hat meinen damals aufkeimenden Rassismus verhindert. Er kannte eine Menge Türken und schleppte mich durch deren Läden in Kreuzberg. Das fand ich groáartig. Er war ein Idol für mich. Ich dachte, wenn ich Polizist werde, könnte ich so cool werden wie er.

Sie kamen für Ihre Ausbildung in eine Kaserne in Berlin. Was haben Sie dort gelernt?

Farin: Ballern, oder?
Bela: Das Schlimmste war Politikkunde. Da lernte man, wie ein typischer Terrorist aussieht: PLO-Tuch, lange Haare und Vollbart. Nach zwei Wochen Wäschedienst habe ich dann gekündigt.

Die Toten Hosen und die Ärzte waren viele Jahre bittere Rivalen. Was stand zwischen Ihnen?

Bela: Zum einen natürlich eine Rivalität, die von dem Manager der Hosen geschürt wurde. Na ja, und ich habe Campinos Freundin mal einen Brief geschrieben, den er gefunden hat. Das war alles. Trotzdem gab es viel böses Blut.

Wie schlossen Sie Frieden?

Farin: Ich traf Campino, als sich die Ärzte Ende der achtziger Jahre aufgelöst hatten. Er sagte: Ihr haltet das nicht durch! Wir wetteten um 1000 Mark. Als sich die Ärzte 1993 wieder zusammentaten, habe ich Campino einen Tausendmarkschein geschickt. Er hat ihn in zwei Hälften zerrissen und zurückgeschickt. Wir haben das Geld dann gemeinsam bei einer Party in Düsseldorf auf den Kopf gehauen.

Das Management der Toten Hosen gab vor ein paar Wochen bekannt: "Verstärkung für die Hosen. Campino wird Vater." Was haben Sie da gedacht?

Rod: Unser Manager kam zu uns und sagte: "Bitte nicht nachmachen!"
Bela: Campino lebt ein öffentliches Leben. Mein Ding ist das nicht. Ich bin vor ein paar Jahren fast tödlich mit dem Auto verunglückt. Da war mein erster Gedanke nicht, die Zeitung anzurufen.

Bela, Sie bezeichneten Herbert Grönemeyer mal als "alten Wichser". Bereuen Sie solche Entgleisungen?

Bela: Ich war damals 19 und hatte endlich die Möglichkeit, meinen Müll via Interviews in die Öffentlichkeit zu kippen. Ein Redakteur spielte mir Grönemeyer vor, da habe ich das gesagt. Wochen später saßen wir mit einem Fotografen zusammen, als zufällig Grönemeyer anrief. Er ließ uns ausrichten: "Der alte Wichser Grönemeyer ist heute schon dreimal gekommen und wird jetzt noch kräftig weiterwichsen."

Wie haben Sie sich mit ihm versöhnt?

Bela: Ich bin ihm bei der "Harald Schmidt Show" begegnet und habe ihm gesagt, dass ich seine Musik heute zumindest respektiere.

Bela, der ehemalige Ärzte-Bassist Sahnie behauptet, dass Sie früher regelmäßig Speed konsumierten.

Bela: Sahnie hat keine Ahnung - er ist ja immer schon um zwei nach Hause gegangen. Klar habe ich eine Menge Speed genommen. Manchmal habe ich mich sabbernd in irgendwelchen Pfützen herumgerollt. Mein Rekord lag bei fünf Tagen wach bleiben.
Farin: Dann könntest du ein Marine werden. Fünf Tage wach sein, das müssen die auch können.
Bela: Aber die dürfen kein Speed nehmen.
Farin: Na ja, aber so etwas Ähnliches. Gegen weitere Ausführungen wehre ich mich, weil das eine Glorifizierung wäre. Der stern-Leser könnte noch zum Schluss kommen, dass man nur cool und künstlerisch sein kann, wenn man Drogen nimmt. Das wollen wir ja nicht.

Farin, mindestens fünf Monate im Jahr fahren Sie in den Urlaub, daher auch Ihr Künstlername Farin Urlaub. Wie viele Länder haben Sie schon bereist?

Farin: 81. Ich habe mit Freunden ein Duell um Länderpunkte laufen. Jedes Land, das eine eigene Flagge hat und von der UN anerkannt ist, gibt einen Länderpunkt. Zurzeit bin ich die Nummer eins, aber einer meiner Freunde hat vor kurzem eine Lufthansa-Mitarbeiterin geheiratet. Der ist mir jetzt hart auf den Fersen.

Sie haben mit Songs wie "Westerland" oder "Männer sind Schweine" deutschsprachige Popklassiker geschaffen. Wie kommen Sie auf Ihre Texte?

Farin: "Westerland" war mein erstes Lied, das ich auf dem Motorrad geschrieben habe. Die ursprüngliche Version hieß "Salvador, ich will zurück nach Salvador". Ich hatte damals den Bürgerkriegsfilm "Salvador" gesehen, der mich total beeindruckte. Ich dachte, ich muss mal dieses heiße Eisen Folter anpacken. Doch als der Song fertig war, wusste ich: Das nimmt dir keiner ab. Du bist ein kleiner Beamtensohn aus Berlin und singst davon, wie in der Dritten Welt gefoltert wird.

Sie haben gesagt: "Ernste Gedanken sind auch in mir drin, aber darüber singe ich nicht."

Farin: Ich vermisse bei mir den lyrischen Tiefgang. Manche Themen sind einfach zu komplex für drei Minuten lange Songs. Es gibt gelungene Beispiele wie das U2-Stück "Pride (In The Name Of Love)", das vom Tod Martin Luther Kings handelt. Solche Texte würde ich gern schreiben, aber ich kann Dinge nur beschreiben, wie sie sind. Wenn ein Baum umfällt, kann ich nicht sagen: "Oh, es schmerzt mich, dass ein Gewächs nicht mehr zum Himmel reicht", sondern: Da ist ein Baum umgefallen.

Farin, Sie trinken keinen Alkohol, rauchen nicht und nehmen keine Drogen. Welche Deformationen fallen Ihnen als Abstinenzler auf, wenn Ihre Kollegen Bela und Rod nach dem Konzert einmal zulangen?

Farin: Betrinken sie sich schlecht gelaunt, wird es destruktiv. Betrinken sie sich gut gelaunt, wird es auch destruktiv. Das kann mitunter unterhaltsam sein. Es ist aber nicht so, dass ich heulend im Hotelzimmer sitze, während die anderen unten die Bar auseinander nehmen.

Die Ärzte gelten trotz ihrer Albernheiten als eine der glaubwürdigsten Bands in Deutschland. Woran liegt das?

Bela: Wir machen nicht jeden Scheiß mit. Ein amerikanischer Süßbrausehersteller hat uns viel, viel Geld geboten, um unsere Gesichter auf eine Dose drucken zu dürfen. Das haben damals in Deutschland alle angesagten Popbands gemacht - außer den Toten Hosen und den Ärzten.
Farin: Wir sind auch von der SPD mehrfach gefragt worden, ob wir nicht mal ein Lied für sie schreiben können. Wir haben abgelehnt?
Rod: ...und ihnen Pur empfohlen. Die haben dann für die SPD gespielt. Pur und SPD, das passt doch auch viel besser zusammen.

Sie sind alle um die 40. Taugen die Ärzte noch als Sexsymbole?

Farin: Das Pflaumenfieber unserer weiblichen Fans hat schon nachgelasssen. Früher sind die Mädchen umgefallen, weil wir anwesend waren. Heute fallen sie um, weil es so voll und eng ist.

Bekommen Sie noch BHs auf die Bühne geschmissen?

Bela: Klar, unsere Roadies haben uns mal einen BH-Vorhang für die Bühne geknüpft. Der war acht Meter hoch und fünf Meter breit. Als wir noch in der "Bravo" waren, kamen immer riesengroße BHs geflogen. Da war klar: Die haben unsere Fans bei Mutti geklaut.

Welche Verschleißerscheinungen bemerken Sie an sich nach mehr als 20 Jahren Punkrock?

Bela: Ich leide schon seit Jahren unter einem Tinnitus. Wenn ich im Auto sitze, höre ich gern Black Metal. Das übertönt jedes Ohrpfeifen und lenkt prima ab. Zu Hause schaffe ich mir eine Geräuschkulisse. Lasse den Fernseher laufen oder höre Musik, weil ich stille Räume nicht ertrage.

Auf dem neuem Album heißt es an einer Stelle: "Kurt Cobain hat es gewusst: Im Alter droht Gesichtsverlust." Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Bela: In Las Vegas. Ein kleines Kasino, ich stehe nur mit einem Keyboard auf der Bühne und singe: "I did it my way".
Farin: Ich werde reisen, entspannen, lesen. Ich warte darauf, dass ich mit 50 plötzlich einen neuen Sinn finde und sage: ab jetzt ein Leben für Unicef!
Rod: Ich gehe vielleicht zurück nach Südamerika, baue eine Armee auf und werde Narco-Diktator.

Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?

Bela: Sein Leben war Rock.
Rod: Hier liegt Rodrigo Gonzalez - warum nicht?
Farin: Pinkel bitte hinten.

Interview: Hannes Ross / print