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Amy Winehouse: "Der Schmerz macht mich lebendig"

Liebesdramen, Sucht und Abstürze: Amy Winehouse lebt, wovon sie singt. Ihre einzigartige Soulstimme hat die Britin zum Weltstar gemacht - doch ihre Gier nach Exzessen zerrt sie immer wieder an den Abgrund.

Von Hannes Ross

Nach drei Stunden Warten vor dieser Umkleidekabine in einer Hamburger Konzerthalle springt die Tür plötzlich auf, und ein spindeldürres Mädchen steht im Türrahmen, dessen schwarzer Haarballen größer erscheint als alles andere an ihm. Amy Winehouse ist winzig klein. An ihren Ohren baumeln rosa Plastikohrringe. Im Verhältnis zu ihr wirken sie so schwer, dass man fürchten muss, sie kippe gleich zur Seite weg. Sie schaut fordernd aus Augen, die so tiefschwarz geschminkt sind, als würde Kleopatra bei den Sex Pistols anheuern. Aus dem Raum hinter ihr wabert ein herb-süßlicher Rauchgeruch. Ein paar Tage später wird man sie in Bergen, Norwegen, zusammen mit ihrem Ehemann Blake vorübergehend festnehmen. Die Polizei wird sieben Gramm Marihuana in ihrem Hotelzimmer finden und die beiden gegen 500 Euro Strafe wieder freilassen, so wird sie ihre Europa-Tournee fortsetzen können.

"Oft weiß ich nicht, was ich tue"

Hier und jetzt in Hamburg möchte man etwas sagen, um die unangenehme Stille zu vertreiben, aber bevor man dazu kommt, fährt sie ihre knochigen Arme aus, sie sind bedeckt von Tattoos, Narben, Stichen und Schürfwunden, und zieht einen wortlos in den Raum.
"Was schauen Sie mich so komisch an?"
Amy Winehouse schlägt sich auf ihre Hosentaschen auf der Suche nach einer Zigarettenschachtel.
"Ihre Arme. Was ist da passiert?"
"Ach, das. Darüber rede ich nicht gern. Das sind Wunden, alte Wunden. Sie wissen schon. Im August ging es mir nicht gut."
Amy Winehouse zündet sich eine Marlboro-Light-Zigarette an. Sie zerknüllt die leere Schachtel und wirft sie in die Ecke. Auf dem Boden zerstreut liegen britische Pfund-Geldscheine, Kleidungsstücke und eine aufgerissene Tafel Schokolade.
"Sie sprechen von Ihrem Drogenabsturz im August ..."
"... da dachte ich wirklich, ich könnte draufgehen. Mein Ehemann Blake hat mich gerettet. Er brachte mich ins Krankenhaus."
"Sind Sie jetzt clean?"
"Das geht Sie nichts an!"
"Schämen Sie sich für Ihre Sucht?"
"Oft weiß ich nicht, was ich tue. Erst am nächsten Tag kommt die Erinnerung. Blake erzählt mir später, was passiert ist. Und dann schäme ich mich unendlich."

Am 8. August wurde Amy Winehouse, 24, mit einer Überdosis Kokain und Ecstasy in ein Krankenhaus in London eingeliefert. Sie bekam Adrenalin gespritzt, ihr Magen wurde ausgepumpt. Die anschließende Drogenentzugskur brach sie nach ein paar Tagen ab. Seitdem ist sie zusammen mit ihrem Ehemann, dem 25-jährigen Blake Fielder-Civil so etwas wie die Neuauflage des Skandalpaares Kate Moss und Pete Doherty. Amy Winehouse heiratete Blake, der als „Musik-Video-Assistent“ arbeitet, im Mai in Miami. Spontan, ohne Ankündigung, selbst Winehouses Mutter Janis wusste nichts davon. Das Hochzeitsmahl bestand aus Burgern und Pommes, danach schlossen sie sich für 48 Stunden im Hotelzimmer ein.

Selbst Georgette Fielder-Civil, die Mutter von Blake, sorgt sich nun. "Die beiden brauchen medizinische Hilfe", klagte sie im britischen Radio.
"Bedauern Sie es, dass man Sie oft nicht mehr als Sängerin wahrnimmt, sondern als Partygirl?"
"Manchmal. Neulich sah ich ein Bild von mir, als ich aus dem Krankenhaus kam. Ich erkannte mich selbst nicht wieder."
"Woher kommt Ihr Bedürfnis nach Exzess?"
"Ich glaube, dass ich durch Schmerzen lebendig bin. Für etwas zu leiden bedeutet für mich, dass einem Dinge nicht gleichgültig sind."

"Musik ist mein Exil"

Man vergisst fast, wofür sie berühmt wurde: Es ist ihre einzigartige Stimme. Sie ist tief, beseelt und verlebt, und wer sie hört, denkt an eine füllige schwarze Soul- Mami, nicht an ein mageres, 1,59 Meter großes weißes Mädchen. Ihre aktuelle CD "Back To Black" verkaufte sich bereits ein paar Millionen Mal. Swingender, engelhafter Soul wie aus den 60er Jahren, mit herzzerreißenden Texten, die vor Selbstoffenbarungswut bersten. Amy Winehouse schreibt kein Tagebuch. Sie singt es.
"In Ihrem Song ‚Back To Black‘ heißt es: ‚Er ließ mir keine Zeit zu bedauern, sein Schwanz war noch feucht.‘ Sie singen über ihre turbulente Beziehung mit ihrem Ehemann Blake. Haben Sie manchmal das Gefühl, Sie geben zu viel von sich preis?"
"Nein, wenn ich ein Lied schreibe, muss ich ehrlich sein. Es kommen dann Dinge zum Vorschein, die ich sonst nie ausgesprochen hätte. Musik ist mein Exil.“
"Wann haben Sie das entdeckt?"
"Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich neun Jahre alt war. Da ist etwas in mir geplatzt. Ich habe oft tagelang in meinem verdunkelten Zimmer gehockt. Das Einzige, was mir über meinen Kummer half, war das Schreiben von Liedern. Das ist die einzige Therapie, die hilft."
"Sind Sie depressiv?"
"Seit ich ein Teenager bin, habe ich das Gefühl, dass eine schwarze Wolke über mir hängt. Als ich 16 war, nahm ich Pillen gegen Depressionen. Aber die machten mich träge. Ich habe sie wieder abgesetzt. Ich glaube, es gibt viele Menschen, die solche Stimmungsschwankungen haben. Ich habe nur das große Glück, dass ich ein Ventil dafür gefunden habe - meine Musik."

"Ich habe nie an die Tür von jemandem geklopft"

Amy Winehouse ist jüdischer Herkunft und wächst in Southgate auf, einem Vorort von London. Ihr Vater Mitch ist Taxifahrer, ihre Mutter Janis Apothekerin. Mit 14 Jahren beginnt sie, im Schultheater zu singen. Ein wenig später fliegt sie von „The Mount“, einer Privatschule für Mädchen in London, weil sie ihren Freund in die Umkleidekabine schmuggelte und immer wieder den Unterricht schwänzt.
"Träumten Sie schon als Teenager davon, einmal berühmt zu werden?"
"Ich habe nie an die Tür von jemanden geklopft und gesagt: ‚Bitte, mach mich berühmt!‘ Ich wurde gefunden. Eine Plattenfirma hat eine Aufnahme von mir gehört und mir einen Vertrag angeboten."
"Das klingt wenig begeistert. Mögen Sie das, was Sie tun?"
"Ich bin dankbar und stolz. So eine CD wie meine, so eine CD wollte ich immer machen. Ich weiß, dass ich Talent habe, aber ich bin nicht geboren worden, um das für immer und ewig zu machen. Ich möchte mal eine Mutter sein, die sich um ihre Kinder kümmert. Das ist meine Bestimmung."

Blake, der Ehemann von Amy Winehouse, kommt herein. Er scheint wie sie nur aus Haut und Knochen zu bestehen, seine Beine haben den Durchmesser einer Cola-Flasche. Seine Hände sind so dreckig, als hätte er in schwarzer Erde gewühlt. Vor zwei Jahren lernten sie sich auf einer Party in London kennen. Im November muss sich Blake Fielder-Civil vor Gericht in London verantworten. Er soll den Barkeeper James King krankenhausreif geschlagen haben, es droht ihm eine Gefängnisstrafe wegen Körperverletzung.
"Amy, du hast noch zehn Minuten, dann musst du auf die Bühne."
Amy Winehouse schaut durch Blake hindurch und geht zu einem Tisch. Darauf stehen vier Flaschen: Wodka, Baileys, Southern Comfort, Bananensaft. Sie gießt alles zusammen in ein großes Glas und nimmt einen tiefen Schluck. Dann verschwindet sie aus dem Zimmer, ohne sich zu verabschieden. Das Konzert ist ein Siegeszug. Wie hypnotisiert starren die Zuschauer auf die Bühne. Niemand kann sich zurzeit so in die Herzen seines Publikums singen wie Amy Winehouse. Ihre Verlorenheit entfaltet auf der Bühne eine ungeheure Magie. Im Leben, hinter der Bühne, geht sie daran zugrunde.

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