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Das Musikjahr 2005: Rückbesinnung auf Rock'n'Roll-Tugenden

Ein neuer Trend war nicht in Sicht. Dafür haben sich die Musikschaffenden mit erdigem Rock'n'Roll an alte Tugenden angeknüpft: Rebellion und Aufbruch.

Kann Rock'n' Roll die Welt verändern? UN- Generalsekretär Kofi Annan glaubt fest daran, ebenso wie Bob Geldof, Bono und Millionen Musikfans in aller Welt, die im Sommer das größte Rockspektakel aller Zeiten feierten. Die Live-8-Konzertreihe war ohne Beispiel: In zehn Städten auf vier Kontinenten sangen am 2. Juli Superstars wie Madonna, Paul McCartney, Elton John oder Robbie Williams ohne Gage zur Unterstützung der Dritten Welt. Ihr Ziel: Die großen Industrienationen sollten den Ärmsten der Armen die Schulden erlassen und die Entwicklungshilfe aufstocken.

20 Jahre nach den ebenfalls von Geldof organisierten Live-Aid- Konzerten bat die Kampagne "Make Poverty History" (Macht Armut zur Geschichte) nicht um finanzielle, sondern um ideelle Unterstützung der guten Sache. Zwei Millionen Menschen kamen zu den Mammutkonzerten in Berlin, London, Philadelphia und anderswo in der Welt. Hunderte Millionen sahen sie weltweit im Fernsehen oder Internet, sie kauften die weißen Kampagnen-Armbändchen und trugen sich in Unterschriftenlisten ein. Die Führer der wichtigsten Industrienationen und Russlands (G8) sagten auch zu, sich um die Ärmsten zu kümmern - doch vermutlich hätten sie das sowieso getan. Ob Live 8 nun ein "achtes Weltwunder" war oder eine pathetische Geste der musikalischen Weltverbesserer Bono und Geldof - es war eine großartige Open-Air-Party mit nachdenklichen Momenten.

Darauf setzte Bono auch mit seiner Band U2, die im Sommer die erfolgreichste Tour des Jahres hinlegte. Auch wenn sich viele Kritiker am missionarischen Eifer der vier Iren stören: Die weltweiten Konzerte - Berlin, München und "Auf Schalke" in Gelsenkirchen waren binnen zwei Stunden ausverkauft - boten Stadionrock der Spitzenklasse von der wohl größten Rockband der Gegenwart - sofern man die Rolling Stones eher als Veteranen denn als Zeitgenossen begreift.

Rock-Dinosaur mit neuem Werk

Obwohl auch Mick Jagger und seine Mannen mit ihren zusammen bereits mehr als 240 Lebensjahren immer noch Neues präsentieren. Ihr Album "A Bigger Bang" war zwar nicht unbedingt der große Knall im Musikzirkus, aber dennoch eine solide Rockplatte, die es weltweit in die Charts schaffte und - viel wichtiger - die Welttournee der Altrocker anschob. Nach umjubelten Gigs in den USA kommen die Stones 2006 nach Deutschland - und dürften dann mit Robbie Williams um die Tournee-Krone des Jahres wetteifern.

Entertainer gegen Disco-Dauerbrennerin

Der britische Entertainer, Rotzbengel und Sexsymbol in einem, lieferte sich im Herbst bereits einen Charts-Wettkampf mit Pop- Dauerbrennerin Madonna. Seine gefällige Platte "Intensive Care" musste sich gegen Madonnas Tanzalbum "Confessions On A Dance Floor" behaupten. Die Amerikanerin hat sich im Alter von 47 Jahren zum x-ten Male wieder neu erfunden. Diesmal eroberte sie als Disco-Queen die Herzen und Tanzflächen.

Chartmanipulation und Grand-Prix-Flop

Eine Hitparade, deren Qualität im Frühjahr arg in Frage gestellt wurde - Stichwort: Chartmanipulation. Die deutsche Grand-Prix- Hoffnung Gracia Baur, ehemals RTL-Superstar-Kandidatin, hatte sich erst über ihre gute Chartplatzierung für den deutschen Vorentscheid qualifiziert, den sie dann haushoch gewann. Doch ihr Manager hatte angeblich mit Massen-CD-Käufen versucht, sie hoch in die Charts zu hieven. Gracia durfte trotzdem am Finale in Kiew teilnehmen und wurde Letzte. Der veranstaltende NDR fuhr zudem mit dem Vorentscheid die schlechteste TV-Quote seit Jahren ein, weshalb das Ganze im nächsten Jahr kleiner und feiner werden soll: Mit Vicky Leandros, Ex-Modern- Talking-Sänger Thomas Anders und Olli Dittrichs Country-Truppe Texas Lightning soll nach NDR-Meinung wieder Qualität die Oberhand gewinnen.

Eine Legende lebt: Ray Charles

Auf jeden Fall wurde im Jahr des 50. Eurovision Song Contests offiziell, was viele Fans schon seit Jahren wussten: "Waterloo" von Abba wurde zum beliebtesten Grand-Prix-Song gewählt. In den USA war Ray Charles der musikalische Liebling 2005. Ein knappes Jahr nach seinem Tod wurde die Soul-Legende mit acht Grammys geehrt, der Film "Ray" über das Leben des schwarzen Musikers erhielt zwei Oscars.

Verbeugung vor zwei Größen

Zwei weitere Musikerlegenden schieden im zu Ende gehenden Jahr aus dem Leben: Der Kubaner Ibrahim Ferrer, Mitglied des Buena Vista Social Club, war gerade von einer ausgedehnten Tournee heimgekehrt, als er im August 78-jährig nach einem Magen-Darm-Infekt im Krankenhaus starb. US-Soul-Star Luther Vandross hatte schon länger nicht mehr auf der Bühne gestanden. Ein Schlaganfall vor zwei Jahren bedeutete das Ende seiner Karriere. Im Juli starb er mit nur 54 Jahren.

Patrick T. Neumann/DPA / DPA