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"Unser Star für Baku": Im Casting nichts Neues

Waren das noch Zeiten, als Lena Meyer-Landrut über die Bühne stakste, mit den Augen klimperte und mal eben den Grand Prix gewann. Die neue Lena heißt womöglich Roman Lob. Dessen schlichter Höhepunkt in der fünften Ausgabe von "Unser Star für Baku": ein Tonausfall.

Von Ingo Scheel

Einst war Stefan Raab angetreten, den Grand Prix zu retten. Guildo Horn ließ er singen, "Wadde hadde dudde da" sang er selbst. Später schickte er Max Mutzke ins Rennen. Am Ende sagte der ProSieben-Mann sogar "Ja" zur ollen Tante ARD. Alles nur, um den Eurovision Song Contest zu retten. Aus der Vernunftehe mit dem Ersten ging schließlich das Nesthäkchen Lena hervor, der Rest ist Geschichte. Fräulein Meyer-Landrut bezirzte auch den hartgesottensten ESC-Gegner. Lena war unser aller Star in und für und von Oslo.

Und sie war ja auch wirklich niedlich. Und highly entertaining: Dieses eigenwillige Englisch. Der Augenaufschlag. Ihre Art, im Nachhall gern "unverstellt" genannt. Sie kam, sie sang, sie freute sich hart. Oh my Goood. Und vor allem: Sie siegte. Lenas Parforceritt durch die "USFO"-Shows und schließlich das Finale endete mit einem Platz in der ewigen Ruhmeshalle, direkt neben Nicole und ihrer weißen Gitarre. Und als sie ein Jahr später trotz aller Kritik und Unkenrufe noch einmal antrat, beim Heimspiel in Düsseldorf schließlich den zehnten Platz belegte, wurde auch das beinahe wie ein Sieg gefeiert.

Balladen und Midtempo-Schunkler

Wiederum ein Jahr später, im unbarmherzigen Winter des Jahres 2012, scheint man bereits jetzt von einem Sieg beim ESC so weit entfernt wie von einer Dschinghis-Khan-Reunion. Fünf Sendungen ist "Unser Star für Baku" mitterweile alt und zu behaupten, das Format tritt auf der Stelle, ist untertrieben. Fünf Kandidaten sind seit dem Vorabend noch im Rennen - ja, Roman Lob hat erneut den ersten Platz belegt - doch von einer Lena-Nachfolge ist, selbst durch die dickste Grand-Prix-Brille geblickt, keine Spur zu sehen.

Balladen, Midtempo-Schunkler, R`n`B-Zähigkeiten, mittendrin ein leidlich eingängiger Song von Incubus, bei dem die Tonprobleme, mit denen Roman Lob am Anfang zu kämpfen hat, noch das Spannendste sind - die magere Bilanz von "Unser Star für Baku", die fünfte. Sechs Songs in 140 Minuten, das ist ungefähr der Musikanteil einer durchschnittlichen "Wetten, dass..?"-Sendung.

Es bröckelt der Putz

Katja Petri sang einen eigenen Song ("Certain Someone") und erinnerte ein wenig an selige Rainbirds-Zeiten, Ornella de Santis machte aus Stevie Wonders "You are the Sunshine of my Life", nichtzuletzt dank der behäbig tutenden Heavytones, ein Ständchen für die Kaffeefahrt auf dem Butterdampfer. Shelly Phillips manirierte sich durch Macy Greys "I Try". Zunächst zerhuberte Celine "Russian Roulette" von Rihanna und flog folgerichtig raus, später sang auch Yana Gercke mit "We found Love" einen Song der US-Künstlerin. Roman Lob hatte sich "Drive" von Incubus ausgesucht und - Tonprobleme hin, misslungene Songauswahl her - auch hier bröckelt der Putz.

Der knuffige Cap-Träger mag ein, zwei, vielleicht drei Vorentscheidungen mit seinem Lausbubencharme tragen, von der eigenwilligen Leuchtkraft einer Meyer-Landrut ist er dann doch ein ganzes Stück entfernt. Schaltete man einst "Unser Star für Oslo" ein, kribbelte es schon beim Vorspann. Was sie wohl heute singt? Ob sie wieder so albern kichert? Oder x-beinig Ausdruck tanzt? Und was wohl Peter Maffay zu all dem zu sagt? Denn das ist ein weiterer Punkt, der den Call-In-Zirkus noch ein Stück zäher macht: Die ewig gleichen Jury-Gesichter. Konnte der geneigte Zuschauer sich vor zwei Jahren noch an Sarah Connors Gebrabbel ("megahotter Tussi-Alarm"), an Westernhagens Seher-Qualitäten ("Die Menschen werden Lena lieben") oder Maffays gerrrolltem -r- ergötzen, sind es heuer am Bühnenrand acht Shows lang die selben Gesichter. Der nette Herr D, die gefühlige Frau Sügeler und der Gralshüter der letzten kritischen Worte, Stefan Raab persönlich. Vielleicht täte auch hier mal ein Showdown-Voting gut, um den einen oder anderen auf die heimische Couch zu schicken.

Den richtigen Riecher

Wie lautete doch gleich ein gängiges Bonmot aus Springer-Kreisen? Wer mit "Bild" im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten. Für den Grand Prix, den Eurovision Song Contest, scheint das selbe zu gelten. Ralph Siegel wird wissen, wovon die Rede ist. Stefan Raab, einst als Alf Igel angetreten, dürfte das geahnt haben. Kaum ein Zufall, dass der Mann mit der guten Nase den Jury-Vorsitz und die künstlerische Verantwortung auf dem Weg nach Baku an Thomas D abgegeben hat.

Die Rettung des Eurovision Song Contests, von Raab einst ausgerufen und fulminant vollzogen, könnte mit Blick auf das verbliebene Sangespersonal möglicherweise wieder einmal zur Disposition stehen. Und wie es so ist in diesen Tagen, mit den Nachfolgern, den zu großen Schuhen und den Fußstapfen: Während die einen sich Thomas Gottschalk aufs "Wetten, dass..?"-Sofa zurückwünschen, sollten die anderen vielleicht schon einmal auf die Suche gehen. Nach der Telefonnummer von Lena Meyer-Landrut.