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Eurovision Song Contest: Es muss nicht immer sexy sein

Tiefe Ausschnitte, Windmaschinen und Blicke bis zum Slip: Im zweiten Halbfinale des Eurovision Song Contests wurde kein Trick ausgelassen. Doch nicht nur Sexbomben, sondern auch eine mollige Portugiesin machen den Sieg für die No Angels fast unmöglich.

Von Jens Maier, Belgrad

Spannend wie ein Krimi ging das zweite Halbfinale des Eurovision Song Contests zu Ende. Nur noch ein Umschlag war übrig, nur noch einer der insgesamt 19 Halbfinalteilnehmer sollte ein Ticket ins Finale am Samstag bekommen. Für das Publikum der diesmal gut gefüllten Belgrad-Arena war klar, wer das sein sollte. In Sprechchören skandierten sie den Namen eines Landes, den die serbischen Moderatoren noch nicht aus dem großen Korb der Finalisten gezogen hatten: "Portugal, Portugal!"

Vânia Fernandes hatte mit ihrer Ballade "Senhora Do Mar" die Herzen der Saal-Zuschauer im Sturm erobert. Und das, obwohl sie keinen silbernen Minirock anhatte, keinen Blick auf ihr Höschen preisgab und nicht mit ihren Brüsten wackelte. Das wäre bei der korpulenten Frau aus Madeira wahrscheinlich auch unangebracht gewesen. Stattdessen stand sie wie eine schwarze Walküre auf der Bühne, die Windmaschine auf voller Kraft, bereit, mit ihrer Stimme ein ebensolches Getöse zu entfachen.

Ihr Lied hat gewisse Ähnlichkeiten mit dem Siegertitel von Marija Serifovic aus dem vergangenen Jahr. Dramatisch steigert es sich bis zum fulminanten Höhepunkt. Ganz klar, der Song hat das Zeug zum Grand-Prix-Hit. Doch sahen das die Zuschauer zu Hause auch so? Wegen der neuen Regeln durften nur die Länder abstimmen, die im zweiten Halbfinale vertreten waren, sowie England, Frankreich und Serbien. Schützenhilfe aus Spanien und Andorra war für Portugal weit und breit nicht in Sicht.

Favoritenfeld eng wie selten zuvor

Doch der Grand-Prix-Gott hatte ein Einsehen. Offenbar hatte er seit 1975 noch etwas gutzumachen. Damals wurde eine Dicke abgestraft, obwohl sie ein fantastisches Lied und einen hervorragenden Auftritt abgeliefert hatte: Joy Fleming kam mit "Ein Lied kann eine Brücke sein" nur auf Platz 17 - angeblich auch, weil den Juroren ihr Aussehen missfiel. Die europäischen Zuschauer waren da objektiver: Auf dem letzten Zettel stand tatsächlich "Portugal". Und damit zieht eine weitere Kandidatin für den Sieg ins Finale ein.

Fernandes hatten die Buchmacher bisher nicht auf dem Zettel. Das hat sich nun geändert. Das Favoritenfeld ist eng wie selten zuvor. Zwei weitere traten in diesem Halbfinale zum Duell an: Ani Lorak aus der Ukraine und Charlotte Perrelli aus Schweden. Perrelli war als Charlotte Nilsson mit "Take Me To Your Heaven" 1999 schon einmal beim Grand Prix angetreten - und hat gewonnen. Ein Erfolg, den sie jetzt wiederholen will. Wäre die eine nicht dunkelhaarig und die andere blond, auf der Bühne wären sie kaum zu unterscheiden gewesen: Beide trugen das gleiche silberne, äußerst kurze Kleid mit Fransen (Lorak dazu: "Wir haben verschiedene Kleider, aber eine Leidenschaft für Silber.") und beide lieferten eine perfekte Bühnenshow mit flotten Tanzeinlagen und reichlich Action.

Die Ukrainerin war allerdings einen Tick besser. Nicht nur, weil Perrellis Lied "Hero" am Anfang wie "Cruel Summer" von Bananarama klingt, sondern auch weil sie stimmlich besser war. Loraks "Shady Lady" ("Dubiose Frau") kam so überzeugend über die Bühne geschmettert, dass es bestimmt in den Katakomben der Arena noch hallte. Falls es dort die tschechische Teilnehmerin Tereza Kerndlová gehört haben sollte, ging es an die richtige Adresse. Die hatte nämlich nur eine Handbreit Rock an und ließ sich von der Windmaschine ihr Unterhöschen aufplustern. Honoriert wurde das allerdings nicht. Die Tschechin wird sich wohl wieder einen Job am Hauptbahnhof suchen müssen.

Das Duell Lorak und Pirelli wurde vom Zuschauer vertagt - beide sind im Finale. Dort wird die Schwedin auf breite Unterstützung treffen - oder Konkurrenz, wie man's nimmt. Denn die skandinavische Familie ist komplett. Norwegen und Finnland hatten sich ja bereits in der ersten Vorrunde qualifiziert, jetzt folgte Dänemark mit dem sympathischen Simon Mathew. Der sieht aus wie Roger Cicero, sein Lied hat aber Ohrwurmqualitäten: "All Night Long" singt er, zumindest eine singt man mit.

Geballte Skandinavien-Power

Ob wir angesichts der geballten Skandinavien-Power nach der Wertung am Samstag von der Nordsee-Mafia lesen werden? Was im vorigen Jahr den Ost-Ländern vorgeworfen worden war, hatten die Skandinavier in den 70er und 80er Jahren nämlich schon perfektioniert. Pünktchen wurden zwischen Kopenhagen und Oslo hin- und hergetauscht. Nur dass es damals keinen interessierte. Das Gerede von der "Ostblock"-Mafia kann jedenfalls ab sofort ad acta gelegt werden. Im zweiten Halbfinale haben sich fünf klassische Grand-Prix-Länder und fünf aus dem ehemaligen Ostblock durchgesetzt. Ein Ergebnis, das absolut in Ordnung geht.

Zu den fünf Klassischen gehören auch Island und die Türkei. Euroband aus Island war der Überraschungssieger des Abends. "This Is My Life" ist ein klassischer Popsong mit reichlich Beats. In den Kreis der Favoriten rückt er damit zwar nicht auf, aber es ist schön, Island mal wieder im Finale dabeizuhaben. Dorthin hat es die Türkei sogar ohne deutsche Schützenhilfe geschafft, denn Deutschland durfte sich am Abend nicht am Televoting beteiligen. Die rockige Nummer "Mor ve Ötesi" erinnert an den Song der türkischen Gruppe "Athena", die 2006 immerhin Vierte wurde.

Wenig Raum für die deutschen Engel

Wer hat noch den Sprung ins Finale geschafft? Georgien mit der blinden Sängerin Diana Gurtskaya machte auf "Ein bisschen Frieden" und sang "The Peace Will Come" und Albanien schickt die erst 16-jährige Olta Boka ins Rennen. Und dann waren da noch ein 75-jähriger Rentner und ein Rednex-Verschnitt. Kroatien kam mit seinem Rentner-Rap durch, obwohl der Opa auf der Bühne eher wirkte, als würde er gerade dem verpassten Bus hinterher schimpfen. Vielleicht tat er das sogar, die Gruppe hat auf Kroatisch gesungen. Noch schlimmer waren nur die Horden aus Lettland: "Pirates Of The Sea" sahen eher so aus, als würden sie zum Kölner Karneval fahren. Und so sangen sie auch.

Die Chancen für einen vorderen Platz der No Angels sind nach dem Ende dieses Halbfinals deutlich gesunken. Nicht, weil Jessica Wahls noch immer kränkelt - sie wird ganz sicher im Finale dabei sein -, sondern wegen des stärker gewordenen Teilnehmerfelds. Bei den englischen Buchmachern gehören Russland, die Ukraine, Schweden, Griechenland und Serbien zu den Favoriten. Portugal darf sich seit dem gestrigen Auftritt ebenfalls große Chancen ausrechnen. Falls die rockigen Finnen es schaffen - wie Lordi 2006 - Rock-Fans in aller Welt zu mobilisieren, ist auch ihnen ein Platz weit vorn sicher. Da bleibt wenig Raum für die deutschen Engel.