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Genesis: Rock 'n' Reihenhaus

So ist das, wenn das Alter einen unruhig macht - Genesis ist wieder da. Phil Collins und seine Freunde spielen bei ihrer Tour noch mal die Songs, die wir nur noch aus Fahrstühlen kennen.

Von Jochen Siemens

Phil Collins spricht das Wort nicht aus. Er kaut darauf herum, bis es ihm wie ein Krümel aus dem Mund fällt. Ja, es sei schon "fun" gewesen, noch ein Mal, ein letztes Mal wieder auf die Bühne zu gehen und diese Band darzustellen, die sie einst waren: Genesis. Collins sagt noch vieles an diesem grauen Nachmittag in Brüssel, und alles ist glaubwürdiger als das Wort "fun". Er redet zum Beispiel von den "persönlichen Problemen meines Lebens", von der Situation, geschieden zu sein und zwei kleine Kinder zu haben - ein "Desaster", wie er sagt. Und sein rechtes Ohr, da habe er seit Jahren einen Schaden. Die Ärzte rieten ihm, nie wieder auf eine Bühne zu gehen, aber er habe das probiert, es werde schon gehen. Nur wenn das Publikum donnernd laut ist, kann es sein, "dass ich den Ton suchen muss".

Phil Collins, Tony Banks und Mike Rutherford, der Rest von Genesis also, sitzen nebeneinander wie in einem Wartezimmer der Popgeschichte. Banks und Rutherford aufrecht und gelöst, Collins ganz links etwas gebeugt und unruhig. Er ist hager geworden, sein einst runder Kopf hat die angespitzte Kontur einer Honigmelone. Und während die Herren Banks und Rutherford immer wieder entspannt lachen, hat Collins das Stöhnen übernommen. Das Ohr, die Kinder, die er jetzt fünf Wochen lang selten sehen wird, 56 ist er auch noch geworden, der Lärm. Und dann hat er auch noch angefangen, Golf zu spielen, das mache ihm, sagt er dürr, "fun". Banks und Rutherford lächeln leise weiter, denn Genesis sind die klaren Sieger eines Phänomens, das im Konzertsommer 2007 den Musikmarkt beherrscht: Die Menschen wollen die alte Mucke wirklich noch mal hören. Rolling Stones, The Who, Police, Genesis - der ganze Vorruhestandsclub des Rock’n’Roll tourt durch das Land, aber bei kaum einer Band gingen die Karten so schnell weg wie bei Genesis. Eine knappe halbe Million Zuschauer werden die neun Stadien füllen, die der Trommler und Sänger Collins mit seinen Freunden bespielen will. 15 Jahre nach ihrem letzten Auftritt wollen mehr Menschen "No Son Of Mine", "Invisible Touch" oder eben "Mama" hören als "Satisfaction" von den Rolling Stones.

Und? Neue Songs? Collins am Schlagzeug und wieder eine Snaredrum-Bass- Kombination erfindend, die es noch nie gegeben hat? Noch einmal einen Keyboard- Teppich komponieren, auf dessen Flausch Collins’ kehlig-sägende Stimme wie Paprika in Milch schwimmt, einen Sound, der zwei Jahre später in jedem Fahrstuhl die Menschen schon im dritten Stock einschlafen lässt? Phil Collins schaut zur Seite, die Herren Banks und Rutherford lächeln. "Der Erfolg der Tour ist sicher ein nostalgisches Phänomen", sagt Banks, "danach werden wir mal sehen." Der Keyboarder hat sich in den vergangenen Jahren in den Nachlass der Band vergraben: "Ich habe alle 15 Alben, und was wir sonst noch gemacht haben, gehört und bearbeitet." Seit dem Frühjahr erscheint das Genesis-Werk nun in neuen CD-Boxen, technisch aufpoliert, damit auch noch jedes Ton-Atom in den Dolby-supersurround-digital-Anlagen mit 3854 Lautsprechern lupenrein zu hören ist.

Genesis war mal die Gourmet-Musik der Sitz-Hippies der 70er Jahre, bordürenbehangener Konzeptrock für Klugscheißer mit langen Haaren. Technisch brillant, kompositorisch abenteuerlich und nicht interpretierbar. Erst Ende der Siebziger, nachdem Sänger Peter Gabriel und Gitarrist Steve Hackett die Band verlassen hatten und Trommler Phil Collins die Stimme von Genesis wurde, bewohnte die Band mit Hits wie "Land Of Confusion", "Hold On My Heart" oder später mit "I Can’t Dance" die weltweiten Charts und wurde zum geliebtesten Hassobjekt der Musikkritik. "Collins, der Schlagersänger" ("Berliner Zeitung").

Von Kritikern ungebliebt

Ach nee, das störe sie heute nicht mehr, sagen sie. Collins macht wieder "pffft", es gibt Schlimmeres im Leben, als von Kritikern nicht geliebt zu werden. Früher, ja, da waren sie schon beleidigt; die Stadien voller Fans und die Zeitungen voller Spott, das war schon so eine Sache. Aber heute - "Genesis hat eben polarisiert", sagt Banks, was so klingt, als habe er eine lange Therapie für diesen Satz gebraucht. Und außerdem, so schlecht sei ein Song wie "I Can’t Dance" nun auch nicht gewesen, "es hat nur niemand die Ironie darin erkannt". Collins schaut links von der Tischkante hoch. "Da haben viele gesagt, wir seien einen Schritt zu weit gegangen", sagt er mit Zahnschmerzlächeln. Der Schritt zu weit in die blasse Musik. Zu "I Can’t Dance" kam 1992 auch noch der VW Golf, Sondermodell Genesis, das Pop- Spießer-Auto schlechthin. "Pffft", sagt Collins wieder, "wir brauchten damals einen Sponsor für die Tour, da macht man dann so was."

Irgendwie, denkt man, weiß Collins, wie viel der Kommerz den Genesis-Takt vorgab. Und er weiß auch, dass es nicht sehr aufregend ist, auf der Bühne den ganzen Krempel noch einmal zu singen. Banks und Rutherford leben beschaulich in England, Collins nicht so beschaulich in der Schweiz. Er hat Solo-Alben gemacht, er hat zum dritten Mal geheiratet und sich wieder getrennt, er hat zwei kleine Kinder. Bei ihm tobt es im Kopf, wenn er "Mama" singt. Die anderen lächeln und spielen die Noten. "Die beiden haben erwachsene Kinder, meine sind klein, und ich vermisse sie", sagt er.

Genesis klingt wie die Große Koalition

< Die Musik von Genesis, und das ist ihre eigenartige Qualität, war ihren Machern immer voraus, sie war immer älter als die, die sie musizierten. Genesis machte schon musikalische Stehempfänge, als andere noch rockten, sie lieferten schon Latte-macchiato- Sound, als man noch Bier und Wodka trank, schon sexlos, als Madonna erst so richtig loslegte. Sie spielten damals schon den Soundtrack für das Reihenhaus, in dem ihre Fans heute leben. Heute klingen Genesis-Songs so wie die Politik in Berlin: nach großer Koalition. Vorwerfen kann man das den drei Herren nicht, Rutherford und Banks denken über Musik wie über Seminararbeiten, und das ist auch nicht so weit entfernt von der Verve heutiger düdelnder Wohngemeinschaften wie Wir sind Helden.

Im Herbst wird eine Genesis-Biografie auf den Markt kommen, ein Buch, "das authentisch ist", wie Tony Banks sagt, der 1963 Peter Gabriel auf der elitären englischen Charterhouse School traf und den Keim von Genesis pflanzte. Er findet es wichtig, diese Geschichte zu archivieren. Phil Collins kommt aus dem Stadtteil Hounslow, der Einflugschneise des Londoner Flughafens, und trommelte als Kind im Wohnzimmer seiner Eltern gegen den Düsenlärm an. Fragt man ihn, was er über die Genesis- Geschichte denkt, schaut er auf die Uhr: "So viel Zeit haben wir nicht." Neun Genesis-Konzerte in Deutschland also, dazu eine CD mit "The Hits", im Radio mal wieder "I Can’t Dance". Und wer noch einen Golf Genesis hat, wird hupen. Da muss man durch. Phil Collins auch.

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