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Grand-Prix-Halbfinale: "Kalter Krieg" an der Fanfront

Ost- und Südeuropa beherrschen den Eurovision Song Contest: Kein westliches Land konnte sich im Halbfinale von Helsinki durchsetzen. Fans in Westeuropa beginnen zu meutern. Und schon wird überlegt, die Regeln zu ändern.

Von Stefan Mielchen

Es dauerte eine halbe Stunde, bis eingefleischte Fans zu ihrem Recht kamen. Länder wie Bulgarien, Israel und Montenegro hatten bereits in jeweils drei Minuten versucht, Europa im Televoting für sich zu gewinnen. Das Herz der Grand-Prix-Puristen schlug jedoch erst bei Startplatz zehn etwas höher. Die Niederländerin Edsilia war die erste, die einen traditionellen Song im größten Schlagerwettbewerb der Welt vortrug. Eine harmlose Dance-Pop-Nummer sollte die 29-Jährige "On top of the world" führen. Am Ende landete sie im Keller. Noch eine Etage tiefer endete DJ Bobo, der bis zuletzt als Favorit auf den Gesamtsieg gehandelt wurde. Mit "Vampires are alive" versuchte der Schweizer Erfolgsmusiker vergeblich, der Pop-Gruft zu entsteigen. So leblos wie sein Karpaten-Trash wirkte auch Bobos Show. Die Hälfte des Ensembles bestand aus Schaufensterpuppen.

Mit 42 beteiligten Nationen ist der Eurovision Song Contest in diesem Jahr so groß wie nie. Glück für Roger Cicero: Als eines der Geberländer, mit deren Geld der Grand Prix maßgeblich finanziert wird, muss sich Deutschland nicht extra für das Finale qualifizieren. Doch das erweiterte Teilnehmerfeld hat den Wettbewerb gehörig durcheinander gewirbelt. Das alte Schlager-Europa ist aus den Fugen geraten, der neue Ostblock scheint eisern zusammenzuhalten, während West-Fernseher in die Röhre schauen. Taz-Redakteur Jan Feddersen, in Helsinki für den NDR im Einsatz, ereiferte sich: "Was für ein Schock: Von den zehn Plätzen, die noch im Finale zu besetzen waren, haben es aus dem Semifinale doch tatsächlich neun Länder geschafft, die bis 1990 hinter dem oder nur knapp vor dem Eisernen Vorhang lagen." Der kalte Krieg an der Fanfront erfasste sofort die Internetforen. "Wir Westeuropäer sollten uns aus dieser Farce zurückziehen. Dann würden von deutscher Seite aus nicht Unmengen von Gebührengeldern hirnlos verbrannt", notierte ein enttäuschter Zuschauer. Klaus Woryna, Präsident des deutschen Grand-Prix-Fanclubs OGAE, ärgerte sich: "Die Wut in Helsinki ist groß, vielleicht hilft finnischer Wodka über die ersten Schocks hinweg."

Künftig zwei Semifinale?

Nach der Show wurden erste Gerüchte laut, dass künftig zwei Semifinale ausgetragen würden - eines für den Osten, eines für den Westen. Dabei wünschte man dem Song Contest zu allererst eine deutliche Steigerung seines künstlerischen Niveaus. So grausig wie das Halbfinale 2007 war es selten, in ihrer phantasielosen Biederkeit wirkten viele Auftritte wie ein Zusammenschnitt aus "Willkommen bei Carmen Nebel". Der Einsatz von Trickkleidern und Windmaschinen gehört beim Grand Prix zum selbstverständlichen Chi Chi. In diesem Jahr standen überdies wirbelnde Fächer und wehende Tücher hoch im Kurs. Doch auch mit ihrer Hilfe konnten die zahllosen Tänzerinnen und Tänzer die mäßigen stimmlichen Qualitäten vieler Vortragender nicht kaschieren.

Besonderes Aufsehen versuchte der Däne Peter Andersen als Drag Queen DQ zu erregen, dabei ist ein Mann in Frauenkleidern nun wahrlich nichts Besonderes mehr. "Drama Queen" hieß der Song, doch die Performance bot mehr Drama als Queen: Stocksteif stakste Andersen auf Highheels über die Bühne, während sein Ballett mit pinken Puschelfächern eine Mischung aus Crazy Horse und Tanzschul-Abschlussball bot. Das ist selbst den Betroffenen beim schwulsten Schlagerwettbewerb der Welt peinlich. Das heterosexuelle Pendant kam aus Norwegen. Sängerin Guri Schanke wusste sich zu ihrer Latino-Nummer zumindest wesentlich rhythmischer zu bewegen. Das mehr als gewagte Minikleid der 45-Jährigen drohte indes, neben äußerst viel Bein noch tiefere Einblicke zu gewähren. Ihre Tänzer schritten gleich doppelt ein: Zunächst verwandelten sie das Kleid in einen Hauch in Rot, danach in einen silbernen Pailletten-Body. Der Hausfrauen-Salsa vom Fjord fiel da nicht nicht weiter ins Gewicht - und beim Publikum ebenfalls durch. Schanke kann nun versuchen, in Würde zu altern.

Rocker bleiben diesmal außen vor

Den optischen Kontrast setzten die Rocker der Show. Nach den Monstern von Lordi, die den Grand Prix 2006 erstmals nach Finnland holten, erschreckten sie auch ohne aufwändige Gesichtsmasken. Kroatien schickte eine Rockballade ins Rennen, deren Interpreten aussahen wie Cindy und Bert auf LSD. Eine Art Bon Jovi mit Plauze kam aus Tschechien, während Island mit Eiríkur Hauksson einen Heavy-Metal-Opa mit Headbanger-Qualitäten schickte. Für den Nachwuchs war Andorra zuständig: Die drei 18-jährigen Clerasil-Rocker von Anonymus boten mit "Let's save the world" eine flotte Britpop-Nummer, mit der man auch auf dem Abi-Ball nicht unangenehm auffällt. "Push the button" lautete die Aufforderung aus Israel. Die Formation Teapacks mischte die Show in schrillen Outfits gleich zu Beginn mit ihrem punk-orientierten Anti-Terror-Song auf. Offenbar zu harte Kost für zarte Grand-Prix-Seelen, auch Israel flog aus dem Finale.

Es war der Abend der Frauen. Wohltuend unaufgeregt empfahlen sich zwei Solistinnen für den Showdown am Samstag, den weltweit 100 Millionen Zuschauer einschalten sollen. Marija Šerifović aus Serbien trug ihr Lied "Molitva" (Gebet) in einem schlichten schwarzen Anzug vor, eine dramatische Ballade, bei der nur die Frisuren der Chorsängerinnen irritierten, deren ondulierte Außenwellen zuletzt in den 80ern modern waren. Einer der überzeugendsten Auftritte des Abends gelang der Ungarin Magdi Rúzsa, die barfuß und mit Koffer auf der Bühne der Hartwall-Areena erschien. Ihr souliger "Unsubstantial Blues" war eines der wenigen Lieder, die wirklich unter die Haut gingen.

Die Hexe aus dem tschechischen Märchenfilm

Dies wiederum wird man vom slowenischen Beitrag nicht behaupten können, Opernsängerin Alenka Gotar sah aus, als wäre sie einem tschechischen Märchenfilm entsprungen: als Hexe. In einem ausladenden Kleid aus schwarz-grauen Fetzen trällerte sich die Diva im Kampf gegen die Windmaschine ebenso in die Endrunde wie ihre lettischen Kollegen. Sechs baltische Schlagertenöre, die eine italienische Schmacht-Ballade verbrechen - Europa kann so grausam sein. Wer am Samstag gegen Mitternacht als Sieger feststehen wird, ist nach dem Halbfinale von Helsinki völlig offen. Setzt sich der Osten tatsächlich durch, dürfte Verka Serduchka das Rennen machen. Zu seiner dadaistischen Pop-Polka "Dancing Lasha Tumbai" wird auf den Grand-Prix-Partys in Helsinki bereits Polonaise getanzt. Im Outfit einer außerirdischen Tunte singt der Mann aus der Ukraine: "Sieben, sieben, ailulu - sieben, sieben eins, zwei." Dagegen wirkt Roger Cicero wie ein alter Hut.