Interview Zascha Moktan "Es ist ein gefährliches Business"


Von der Friseurin zum Popstar: Die deutsche Sängerin Zascha Moktan war mit US-Star Alicia Keys auf Tour, für Craig David sang sie auch schon. Jetzt erscheint ihr Debütalbum. Im stern.de-Interview verrät die Newcomerin, was sie Britney Spears außer einem Höschen voraus hat und warum Dieter Bohlen nicht bei ihr landen kann.

Keine Diva. Keine Star-Allüren. Zierlich, höflich und mit schüchternem Blick sitzt Zascha Moktan in einer Hamburger Hotellobby und schlürft an ihrer Latte macchiato. Interviews seien nicht ihr Ding, verrät sie. Und - ganz ehrlich - berühmt werden will sie eigentlich auch nicht. Dabei ist sie das schon - zumindest in den USA. Da stand sie mit Alicia Keys auf der Bühne, gab Autogramme und TV-Interviews, ging mit John Legend Kaffee trinken und hatte ihren eigenen Bodyguard. Trotzdem kehrte die deutsch-nepalesische Newcomerin zurück nach Deutschland. Hier hatte sie noch eine Rechnung offen. stern.de verriet sie, mit wem.

Zascha Moktan, als Sie mit Alicia Keys in den USA auf Tour waren, haben Sie hier noch als Friseurin gearbeitet. Wie fühlte sich das an, plötzlich nicht mehr im Friseursalon zu stehen, sondern in ausverkauften Konzerthallen?

Es lief alles viel zu schnell. Eines Abends rief mein Manager bei mir an und sagte: "Alicia hat angerufen. Du darfst mit auf Tour. Morgen früh um 6 Uhr fliegst du nach Miami!" Vom Flugzeug ging es direkt auf die Bühne. Und von dem Tag an vier Monate lang. Es war gar nicht die Zeit da, sich darüber zu freuen oder Freunden zu erzählen: "Krass, ich gehe mit Alicia Keys auf Tour". Erst nach einem Monat habe ich realisiert, was passiert. Und dann war es schon normal und Alicia und die anderen Bandmitglieder wie eine große Familie. Zurück im Friseursalon habe ich immer auf die Uhr geschaut. Jetzt ist es sieben Uhr. Jetzt würde ich mich vorbereiten. Jetzt ist es halb acht, jetzt würde ich geschminkt werden. Acht, jetzt würde ich auf die Bühne gehen...

Wie war es denn so mit Alicia Keys?

Wir haben uns super verstanden und haben immer noch Kontakt. Alicia hat mir viele hilfreiche Tipps gegeben, die mich in meiner Karriere echt weitergebracht haben.

Zum Beispiel?

In den USA hatte ich viele Angebote von amerikanischen Plattenfirmen auf dem Tisch, mit denen ich aber nicht glücklich war. Sie sahen einfach nicht gut aus. Und es war nicht die Musik, die ich wollte. Mein amerikanischer Manager hatte mir damals gesagt, dass ich nie wieder das Glück haben werde, in den USA als Ausländerin einen Vertrag angeboten zu bekommen. Ich war total fertig. Es fühlte sich so falsch an. Da kam Alicia zu mir und erzählte, dass es bei ihr genauso war. Und dass sie den ganzen Erfolg jetzt nur hat, weil sie immer on focus geblieben ist und dafür gekämpft hat. Sie sagte: Hör nie auf Musik zu machen. Irgendwann werden sie schon aufmerksam auf dich. Ich sollte mich nicht verbiegen, nur um ein Deal in Amerika zu bekommen. Damit hat sie mir die Bestätigung gegeben, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Ist Alicia Keys eher musikalisches Vorbild oder wie eine große Schwester?

Musikalisch ist sie schon ein Vorbild - sie ist eine tolle Pianistin - aber auch persönlich. Sie hat nie die Leidenschaft verloren, dafür zu kämpfen, Musik zu machen. Der Weg zum Berühmtsein kann einem ganz viel an Leidenschaft nehmen. Das ist bitter. Wenn man merkt: Ups, hier geht es ja gar nicht mehr um Musik. Und sie ist so cool geblieben. Und offen. Auch ihren Fans gegenüber. Sie verstellt sich nicht. Ich habe während der Tour viele amerikanische Celebritys kennengelernt und es ist glaube ich wirklich schwierig, auf dem Boden zu bleiben, wenn man die Rolle als Superstar annimmt. Man wird sehr gehypt in Amerika. Alicia ist eine der wenigen, die ganz normal geblieben ist, obwohl sie viele Freiheiten nicht mehr hat.

Wie hat sie es geschafft, auf dem Boden zu bleiben - gab es auch dazu Tipps von ihr?

Sie erzählte mir, dass es bei ihr auch zehn Jahre lang gedauert hat, bis sie einen Plattenvertrag bekommen hat, da sie alle abgelehnt haben. Wie bei mir. Ich denke, dass sie in ihrer Karriere schon so viele Downs hatte, dass sie es jetzt einfach genießt, Musik zu machen und davon, was sie liebt, leben zu können.

Wenn es in den USA so gut lief, warum sind Sie dann nicht einfach da geblieben?

Ich habe während meiner Zeit in den USA die amerikanische Musikbranche kennengelernt. Und die ist ja noch schlimmer als hier. Die Verträge sind ganz schlimm. Es ist ganz schwer Fuß zu fassen. Die haben so viele potenzielle Künstler, die extrem talentiert sind, die toll aussehen, toll singen und dazu noch toll tanzen. Die Konkurrenz ist größer. Und als Künstler hat man keine Rechte. Die amerikanische Mentalität hat mir auch nicht so gefallen. Es wäre auf jeden Fall härter gewesen, ein Album zu veröffentlichen. Und in den Verträgen wird nicht versichert, dass man dann überhaupt veröffentlicht wird. Das Risiko war mir viel zu groß, so hart an etwas zu arbeiten, was am Ende vielleicht gar nicht funktioniert.

Aber in Deutschland sind Sie bis dahin auch immer abgelehnt worden. Man sagte, Sie würden zu amerikanisch klingen.

Das stimmt. Was deutsche Plattenfirmen von mir verlangt haben, war unfassbar. Ich sollte deutscher klingen. Und deutsche Musik ist, ganz platt gesagt, oft sehr einfach, allein schon von der Songstruktur her. Es gibt einen bestimmten Beat, auf den die Deutschen stehen, weil sie dazu klatschen können. Das kommt aus der Volksmusik und steckt den Deutschen wohl evolutionsbedingt im Blut. Den Plattenfirmen wäre es am liebsten gewesen, hätte ich einen Beat gehabt wie DJ Ötzi, irgendwelche deutschen Texte von Yvonne Catterfeld und am Besten so gesungen wie Jeanette Biedermann. Damit wären sie dann kein Risiko eingegangen.

Universal ist dann doch das "Risiko" eingegangen...

Ja, mit Universal habe ich eine Plattenfirma gefunden, bei der ich meine Musik machen kann. "The Bottom Line" ist mein Baby. Dieser Moment ist nur für mich allein. Wenn's anderen gefällt, freue ich mich. Alle Songs auf meinem Debütalbum habe ich selbst geschrieben. Das ist schön. Nach all den schlechten Erfahrungen mit Plattenfirmen...

Was war da denn noch?

Ich hatte mit 16 schon meinen ersten Plattenvertrag. Mir wurde damals gesagt, ich muss meine Haare blond färben und ich soll das und das tragen und das und das singen... Ich habe das damals alles gemacht, weil ich dachte, ok, die wissen wovon sie reden. Ich habe mir alles sagen lassen. Ich wusste ja damals nicht, dass es auch anders laufen kann. Kurz vor der Veröffentlichung bin ich dann aber doch ausgestiegen. Die Plattenfirma hat mich damals extrem unter Druck gesetzt. Es hieß, wenn ich aussteige, würde ich die Karriere aller anderen Bandmitgliedern kaputt machen. Es war mit 16 das erste Mal, dass ich mich mit Anwälten auseinandersetzen musste und dass ich gelernt habe, wie wichtig eine Unterschrift ist. Ich bin froh, jetzt zeigen zu können, dass es auch anders geht und ich mein Ding durchziehen kann.

Lesen Sie auf Seite 2: Zascha Moktan über Castingshows, Britney Spears und warum sie eigentlich gar nicht berühmt sein will...

Können Sie der deutschen Musik denn gar nichts abgewinnen?

Oh doch, ich bin ein großer Fan von Xavier Naidoo und Annette Louisan. Roger Cicero ist ein Freund von mir, der tolle Musik macht, und zwar die, die er immer machen wollte. Auch so ein Paradebeispiel: Roger wurde früher ganz oft gesagt, dass er zu alt ist. Und dass seine Musik nicht funktionieren würde. Genau wie bei Annett. Sie waren zu speziell. Und es funktioniert doch. Ich glaube daran, dass wenn Plattenfirmen Risiken eingehen, es sich auch auszahlen kann. Und dann hat man Künstler, die auch langfristig erfolgreich sind.

Wäre eine Castingshow auch eine Möglichkeit für Sie gewesen, berühmt zu werden? Sie passen ja perfekt in Dieter Bohlens Beuteschema...

Dieter Bohlen ist ein super Produzent und ein ganz toller Songwriter. Als Musiker und Mitglied der Branche finde ich ihn sehr professionell und man kann viel von ihm lernen. Aber bei "Deutschland sucht den Superstar" hätte ich niemals mitgemacht.

Warum?

Es ist ein Format, das einem die Möglichkeit bietet, einen Einstieg in die Branche zu bekommen. Aber es ist nie die Garantie gegeben, dass es funktioniert. Das Format ist so aufgebaut, dass man langfristig gesehen eigentlich gar kein Erfolg haben sollte. Wenn es jemandem reicht, ein fertiges Album vorgelegt zu bekommen, wo man nur noch drauf singen muss, und das ganze soll möglichst drei Monate lang funktionieren, dann ist es der schnellste Weg, berühmt zu werden. Was den meisten ja auch schon ausreicht. Ich halte nichts davon. Dass der "Bär" da jetzt in der Jury sitzt, finde ich auch so traurig. Den fand ich immer so cool. Aber jetzt... Ich finde es super, dass sie jetzt gerade vom Jugendmedienschutz angeklagt wurden.

Weil Sie die Ängste der Kandidaten von "DSDS" nachempfinden können?

Ich finde, man versaut damit das komplette Selbstbewusstsein eines 16-Jährigen, wenn man ihm sagt: "Du wirst immer ein scheiß Friseur bleiben", wie Dieter Bohlen es getan hat. Ich würde mir das niemals rausnehmen, das zu jemandem zu sagen. Deswegen finde ich das mit der angedrohten Klage ganz richtig. Keiner darf das Recht haben, jemanden so fertig zu machen. Die suchen ja auch besonders junge Menschen. Die nehmen so etwas dann auch an. Und das ist gefährlich. So kann man eine Menge kaputt machen. Gerade in der Pubertät. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich für immer eine "scheiß Friseurin" bleibe und dass nichts aus mir wird, dann hätte ich es auch nie wieder versucht.

Wären Sie dann Friseurin geblieben?

Bestimmt, ich liebe diesen Job. Es ist etwas ganz kreatives und tolles, genauso wie Musik machen. Ich vermisse das Haare schneiden. Heute gehe ich oft mal auf einen Kaffee im Salon vorbei und wenn ich Zeit habe, dann arbeite ich da auch noch mal einen halben Tag. Ich habe da immer noch meine alten Kunden, die warten, bis ich komme.

Eigentlich wollten Sie ja auch gar nicht berühmt werden...

Das stimmt. Es ist mir immer noch unangenehm, im Mittelpunkt zu stehen. Ich glaube, in jedem Künstler muss eine kleine Rampensau stecken. Ich bin es nicht. Ich bin immer noch schüchtern auf der Bühne. Ich wäre lieber Songwriterin für andere und würde hinter der Kamera stehen und andere produzieren. Vielleicht gewöhne ich mich ja noch dran.

Der britische Violinist Nigel Kennedy soll auch ein großer Fan von Ihnen sein...

Wir sind gut befreundet. Uns verbindet die Liebe zur Klassik und Punkmusik. Ich würde mir fürs nächste Album ein Projekt mit den Toten Hosen und Nigel wünschen. Campino von den Toten Hosen hat schon gesagt, es war immer sein Traum, mit Nigel zu arbeiten. Und Nigel würde gerne was mit mir machen. Ich hoffe, dass ich alle auf meinem nächsten Album zusammenbringen kann.

Haben Sie ihre Musikalität von Ihren Eltern geerbt?

Mein Vater ist Jazzmusiker und in Nepal sogar recht bekannt. Meine Mutter singt auch.

Sie sind mit sechs Jahren nach Deutschland gezogen. Fühlen Sie sich nicht hin und her gerissen zwischen den Kulturen?

Ich fühle mich deutsch. Ich bin zwar in Indien geboren und aufgewachsen, die prägende Zeit war für mich aber meine Jugend. Und die habe ich in Deutschland verbracht. Meine Eltern sind relativ strenge, praktizierende Buddhisten. Ich habe den Glauben mitbekommen, aber sie haben nie von mir verlangt, dass ich ihn praktiziere.

Was hat ihr Vater denn zu ihrem sexy "Outch!"-Video gesagt?

Erst hatte ich Angst, dass er es verbietet. Aber er war einfach nur stolz. Wenn meine nepalesische Familie sich eher dafür geschämt hätte, als dass sie stolz wäre, dann hätte ich darauf verzichtet.

Wie brav. Klingt, als müssten Sie niemals einen Absturz à la Britney Spears oder Amy Winehouse fürchten.

Britney hatte nie die Möglichkeit, sich auszuleben. Ich vermute, dass es aber auch ein bisschen an Charakterschwäche liegt, ob man sich da hineinfallen lässt oder nicht. Ich denke, ich muss mir da keine Sorgen machen (lacht). Es geht ja auch anders. Das habe ich an Alicia gesehen. Es ist aber natürlich auch ein gefährliches Business. Das habe ich auch in den USA gemerkt. Ich wurde sehr gehypt, ich hatte meinen eigenen Bodyguard, ich hatte eine Limousine... Und das, obwohl anfangs niemand wusste, wer ich war. Das ist in Amerika einfach so. Und ich glaube, man nimmt die Rolle dann auch irgendwann an. Ich hab das auch verinnerlicht und mich mal dabei erwischt, dass ich irgendwann genervt war, als ich Autogramme geben oder noch einmal für die Kamera lächeln musste. Da musste ich mir schon selbst eine Backpfeife geben, um wieder runter zu kommen.

kmi

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