Kiss-Comeback Rent'n'Roll der Ur-Glamrocker


Ihr Bassist hat eine längere Zunge als Mick Jagger und eine größere Klappe als Muhammad Ali: Die US-Rockband Kiss feiert ihr 35-jähriges Jubiläum mit einer ausgedehnten Europatournee. Neue Songs braucht allerdings niemand zu befürchten.
Von Mark Stöhr

Wer auch immer es gemessen hat und vor allem wie, doch die Maße scheinen verbrieft: Rekordverdächtige 17,78 Zentimeter soll die Zunge des Kiss-Bassisten Gene Simmons betragen, die er so gerne bei jedem Auftritt und bei jedem Fototermin in ihrer ganzen Pracht präsentiert. Gerüchte, er habe sich irgendwann eine Kalbszunge implantieren lassen, wurden offiziell dementiert. Superlative sind das Lieblingsgeschäft der amerikanischen Bombast-Rocker. Bis heute eröffnen sie jedes Konzert mit der immergleichen Frage, die sie gleich selbst beantworten: "You want the best?" - "You got the best!". Über 75 Millionen Tonträger haben Kiss in ihrer über drei Jahrzehnte langen Karriere verkauft, in der Bestenliste der Bands mit den meisten Goldenen Schallplatten rangieren sie hinter den Beatles und den Rolling Stones auf Platz drei. Da füllt das Ego schon einmal ein ganzes Stadion.

Nun machen sich zusammen 210 Jahre Lebenserfahrung wieder auf, Europa zu zeigen, wer die Chefs im Rock-Ring sind. Es ist das Comeback vom Comeback vom Comeback, dem sicherlich noch ein weiteres folgen wird. Die "Alive/35"-Tour führt die Band unter anderem nach Deutschland, Frankreich, Spanien, Serbien und erstmals auch nach Russland. Der Zuspruch ist riesig. Das Konzert in Oberhausen, wo heute Abend der Startschuss fällt, war innerhalb eines Tages ausverkauft. Auch für die weiteren Stationen in Deutschland - München, Hamburg, Berlin, Mannheim, Stuttgart und Nürnberg - sind teilweise nur noch Restkarten erhältlich. Die Kiss-Fangemeinde erstreckt sich inzwischen über mehrere Generationen, die fanatischsten Anhänger haben sich in der so genannten "Kiss Army" organisiert - und stehen treu ihren Mann. "Unsere Armee in Europa", sagte Sänger Paul Stanley in der gestrigen Pressekonferenz, "ist größer als alle Armeen in den EU-Ländern zusammen." Bescheidenheit ist wirklich nicht die vornehmlichste Erfindung der schwarz-weißen Schminkgesichter.

Schimmelschicht auf alten Glamrock-Outfits

Dafür können sie sich den "Stadium Rock" auf die Fahnen schreiben, als dessen Pioniere sie gelten. Ihre Bühnenshows sind Legende. Die "Wall of Sound", eine Batterie von Verstärkern in den Ausmaßen einer Reihenhaussiedlung, machten Kiss nach eigenem Bekunden lange Zeit zur lautesten Band der Welt. Das akustische Bollwerk wird bis heute von einem pyrotechnischen Spektakel begleitet, das seinesgleichen sucht. Und Gene "The Demon" Simmons hat sich bei seinen bis zu vier Meter hohen Feuerspucker-Einlagen bislang nicht nur einmal Teile seiner schulterlangen Löwenmähne abgefackelt. Das Fantasy-Lederoutfit mit den waghalsigen Plateauschuhen ist das gleiche wie eh und je - vielleicht etwas erweitert um die Hüften, wo die Glamrocker inzwischen das eine oder andere Fettpölsterchen angesetzt haben. Auch für die Hygiene-Problematik der Schuhe wurde eine Lösung gefunden: Darin hatte sich durch die vielen Liter von Schweiß während der Tourpausen gerne eine feine Schimmelschicht gebildet. Die Band reagierte mit dem massiven Einsatz von Desinfektionsmitteln.

Dass sich auch über den musikalischen Output von Kiss leichter Schimmel gelegt hat, werden die eingefleischten Fans natürlich anders sehen. Die letzte Platte "Psycho Circus" liegt zehn Jahre zurück und enthielt Altbewährtes zwischen pompösen Rockposen und pathetischen Balladen. Innovationen wären auch geradezu geschäftsschädigend und würden die Gefahr bergen, einen Großteil der Anhängerschaft zu vergrätzen. Denn gewünscht sind sowieso nur die alten Hits: "Rock'n'Roll All Night", "Shout It Out Loud" oder "Detroit Rock City". Die werden sie auf der aktuellen Tour zu hören bekommen. Wie es verlautete und der Tourneetitel schon sagt, wird die Band das komplette Set ihres Albums "Alive" spielen, mit dem ihr 1975 der Durchbruch gelang. Eine Liveplatte übrigens und damit ein untrügliches Indiz dafür, wo die eigentlichen Qualitäten von Kiss liegen. Ein weiteres Studioalbum wird denn auch offiziell ausgeschlossen. Stanley gestern: "Eine neue Platte kann noch so gut sein - sie hat keine Geschichte." Zumal würden sie einen Teufel tun, neue Stücke zu produzieren, solange die Internetpiraterie nicht beseitigt sei.

Kiss-Sarg für die rockige Bestattung

Auf Plattenverkäufe sind die beiden Kiss-Masterminds Simmons und Stanley, die ihr sie begleitendes Line-up alle paar Jahre austauschen, sowieso nicht mehr angewiesen. Die gewaltige Merchandising-Maschinerie, welche die Band wie kaum eine andere zu bedienen weiß, ist eine wohl nie versiegende Einnahmequelle. Hier liegt das eigentliche Kreativitätspotenzial von Kiss. Comics, Actionfiguren, Masken oder auch Flipperautomaten gehören ebenso zum Fanartikelprogramm wie die obligatorischen T-Shirts und Poster. Geplant war scheinbar sogar schon einmal ein eigener Vergnügungspark, der jedoch nie gebaut wurde. Das skurrilste Merchandising-Produkt ist aber ohne Zweifel der Kiss-Sarg. Zuzutrauen wäre den Altrockern, dass sie auch darin noch einmal auf Tour gehen, bevor sie endgültig im Pantheon der Musikgeschichte ihre letzte Ruhe finden.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker