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Little Boots: Kleine Füße, große Pläne

Flirrende Synthesizer, genial simple Melodien und jede Menge Zitate aus den Achtzigern: Little Boots gibt dem Pop die Sinnlichkeit des Augenblicks zurück.

Von Tobias Schmitz

So sieht das also aus, wenn eine junge Engländerin zur neuen Kylie Minogue aufgebaut wird: Die Bühne in einer Art Jugendzentrum hat die Dimensionen einer Parkbucht, der ganze Raum ist nicht viel größer als ein großzügig geschnittenes Wohnzimmer, und hinten, am Tresen, stehen eine Stunde vor Konzertbeginn noch Schüsseln mit Nudelsalat herum. Die Künstlerin selbst haust vor dem Auftritt in einem zugemüllten Kämmerlein, das gleichzeitig als Garderobe, Büro, Aufenthaltsraum und Getränkelager dient. So war das, als Little Boots nach Münster, Westfalen kam.

Sie kam aus Tokio, legte in Münster einen Zwischenstopp für ein Radiokonzert ein, flog am nächsten Tag nach London, danach weiter nach New York, und später dann, ach ja, nach Australien. Little Boots, bürgerlich Victoria Hesketh, gilt als neue globale Pop-Hoffnung, spätestens seit englische Musikfachleute sie zum "Sound of 2009" kürten. Dieselben Experten hatten zuvor schon den Aufstieg von 50 Cent oder Mika prophezeit und nicht falsch gelegen.

Victoria Hesketh aus Blackpool, 25 Jahre alt, Schuhgröße 36, die Frau mit den "little boots" also, soll Großes vollbringen und der Popmusik den Zauber zurückgeben. Kylie Minogue ist weg, Madonna kämpft mit Altersbeschwerden - der Platz am Pop-Firmament, wo allein ein göttlich-simpler Refrain den Himmel bedeutet, ist leer. Little Boots tritt an, um diesen Raum zu füllen - mit Synthesizer- Sounds, süß wie Zuckerwatte, und simplen Melodien, die direkt aus den Achtzigern zu stammen scheinen und die man einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Das gewisse Etwas

Die Engländerin findet sich in bester Gesellschaft wieder: Auch Sängerinnen wie Lady Gaga oder La Roux zelebrieren Synthie-Pop mit eindeutigen Referenzpunkten an das goldene Zeitalter von Kylie, Madonna, Yazoo oder den Eurythmics. Die Cleverness aber, mit der Little Boots dabei agiert, ist besonders, auch wenn ihre Stimme eher dünn daherkommt. Anders als viele Tausend semibegabte Musiker, die auf Internetseiten wie Youtube oder Myspace ihre Songs präsentieren, hat Victoria Hesketh ihr Handwerk gelernt. Mit fünf begann sie Klavier zu spielen und liebte es, wenn der Babysitter mit ihr Songs von Debbie Harry anhörte. Mit 13 komponierte sie ihre ersten eigenen Lieder. Drei Jahre später träumte sie vom großen Ruhm, bewarb sich beim Casting-Wettbewerb "Pop Idol", schied aber früh aus.

Musik blieb vorerst nur ein Hobby: Hesketh spielte ein bisschen Beethoven und trat mit einem Jazzorchester und als Barpianistin auf, ehe sie die Mädchenband "Dead Disco" mitgründete. Es reichte für ein paar Singles, ehe sich die Band zerstritt und auflöste. "Ich wollte Pop machen, die anderen nicht", bilanziert Hesketh nüchtern.

Ihre Fähigkeit, einfache Ideen in eingängige Songs umzuwandeln, verlor sie nie. Ebenso wenig wie ihr Interesse an elektronischer Musik und der kompletten Ausrüstung, mit der sie gemacht wird: Hesketh studierte an der Universität Leeds kaum Kulturwissenschaften, wie eigentlich geplant, sondern vertiefte sich in die Technik von Synthesizern und Sequenzern. Und sie entdeckte mit Tenorion und Stylophon zwei kleine elektronische Helfer, deren Sound sie mit dem Klang des Klaviers kombinierte. Das war der Schlüssel zu ihrem eigenen Stil.

Gespür für Killermelodien

Anfang 2008 stellte Hesketh auf Youtube charmante, kleine Videos ein, die zeigten, wie sie im Schlafzimmer Songs von Human League und Madonna coverte. Sie spielte auch eigene Lieder. Eines hieß "Meddle" und war wie eine Blaupause für guten Pop: Zugleich sehr simpel und sehr raffiniert - und von einer eingängigen Melodie getragen.

Ganze acht Monate später trat Hesketh, nun unter dem Pseudonym Little Boots, mit ebenjenem Song in einer Institution auf: der englischen Musiksendung "Later … with Jools Holland". Und dann passierte das, was Little Boots bis heute nicht richtig begreift: "Die Videos bei Youtube waren ein Witz. Dann war ich im Fernsehen, und dann wurde alles absolut irrsinnig." Seit jenem Auftritt trägt Little Boots das Prädikat "Retterin des Pop", reist um die Welt und durfte gar ein Duett mit Human-League-Sänger Phil Oakey, einem ihrer Helden aus Kindertagen, aufnehmen. Zu hören auf ihrem Debütalbum "Hands", das jetzt erscheint.

Längst nicht jeder Song ist so brillant wie "Meddle" oder "Stuck On Repeat", aber man ahnt, was aus diesem Persönchen noch werden kann, wenn ihr das Gespür für Killermelodien nicht abhandenkommt. Derzeit hat sie allerdings genug damit zu tun, nicht vollkommen durchzudrehen. "Mein Körper weiß nie, wo er gerade ist", sagt Victoria Hesketh, "es ist das verrückteste Jahr meines Lebens." Ja, sie sei müde, nein, sie wisse nicht, wann sie mal wieder freihabe, und, ja, sie spüre den Druck, der auf ihr laste. "I'm a worrier", sagt sie über sich, was ungefähr bedeutet, dass sich Little Boots umso schwerere Gedanken macht, je leichter ihre Musik klingt.

Neulich war sie in Los Angeles (oder war es New York?) und träumte wieder einmal von diesem Wahnsinn aus Konzerten, Interviews und all den Erwartungen. "Da bin ich schreiend aufgewacht", sagt Victoria Hesketh. "Ich sollte es vielleicht mit Yoga versuchen. Nur: wann?"

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