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Interview

Nach Radio-Boykott: Vincent gibt es wirklich: Sarah Connor erklärt, wie es zu ihrem Schwulen-Song kam

Ihr Song "Vincent" sorgte für Schlagzeilen, weil einige Radiosender sich weigern, das Lied über einen schwulen Jungen zu spielen. Im Interview mit dem stern erklärt Sarah Connor, wie es zu dem Song kam und dass es Vincent wirklich gibt.

Im März will die vierfache Mutter Sarah Connor wieder auf Tour gehen

Frau Connor, Sie sind als Kind mal ins Eis eingebrochen.

Ich war auf einen zugefrorenen Swimmingpool gelaufen. Ich erinnere mich noch, wie mich die Kälte umfing und ich unter der Eisdecke in diesem diffusen Licht langsam nach unten schwebte. Irgendwer hat mich dann rausgezogen.

Wie alt waren Sie da?

Ungefähr drei. Ich höre noch die Stimme meiner Oma: „Sarah, geh nicht aufs Eis“, aber ich musste natürlich trotzdem mal gucken. Das zieht sich durch mein ganzes Leben. Egal, wie eindringlich man mich warnt: Ich muss immer erst mal selber gucken. Und bin deshalb auch immer mal wieder eingebrochen.

Die Zerbrechlichkeit des Lebens wurde Ihnen später als Erwachsene bewusst, als Ihr zweites Kind, Ihre Tochter Summer, 2006 schwer krank mit einem Herzfehler geboren wurde. Wie hat Sie dieses Erlebnis verändert?

Das war ein absoluter Wendepunkt in meinem Leben. Ich erfuhr von Summers Krankheit, als ich im fünften Monat schwanger war. Es ging mir ohnehin nicht gut zu dieser Zeit. Ich war auf dem Höhepunkt meiner Karriere, aber total ausgebrannt und wegen Depressionen in einer Therapie. Es war alles zu viel damals.

Inwiefern?

Ich hatte mit 19 Jahren meinen ersten Plattenvertrag unterschrieben, und der Ausnahmezustand wurde dann der Normalfall. Ich bin durch die ganze Welt getourt, habe ein öffentliches Leben geführt und sogar im Fernsehen geheiratet. Sechs Jahre lang ging das so. Es war auch toll, aber die Depressionen und Ängste waren der Preis. Und dann sagte man mir, dass das Kind in meinem Bauch krank geboren werden würde.

Hat diese Diagnose Ihre Ängste noch einmal gesteigert?

Nein, denn das hat einiges gerade gerückt. Auf einmal war es egal, wie meine Karriere verläuft. Es war egal, ob ich Angstattacken an der Supermarktkasse hatte. Es ging jetzt um etwas wirklich Elementares: das Leben meines ungeborenen Kindes. Meine Krankheit war auf einmal nebensächlich. Ich musste für mein Baby da sein.

Ihre Tochter wurde nach der Geburt operiert.

Es ging alles gut. Sie wurde ein gesundes Kind. Das war das größte Geschenk, und das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich habe mich sehr zurückgezogen und mein Leben infrage gestellt.

Sängerin Sarah Connor

Das neue Album "Herz Kraft Werke" von Sarah Connor erschien am 31. Mai

DPA

Mit welchem Ergebnis?

Dass ich dieses Leben auf der Überholspur so nicht mehr will. Ich merkte: Ich muss für meine Familie da sein und mich auch mehr um mich kümmern, etwas tun, das mich erfüllt. Ich hatte Sehnsucht nach mehr Inhalt und Tiefe. Ja, ich hatte auch irre viel Spaß damals mit meinem damaligen Mann Marc Terenzi in unseren wilden Jahren, aber seit dem Erlebnis mit meinem zweiten Kind bin ich dankbar für jeden Tag, an dem meine Horde gesund um mich herum ist.

Kein Druck mehr, erfolgreich sein zu müssen?

Nein. Als ich vor vier Jahren mein erstes deutschsprachiges Album „Muttersprache“ aufnahm, hatte, denke ich mal, keiner auf eine neue Sarah-Connor-Platte gewartet. Und dann wurde genau diese der größte Erfolg meiner Karriere. Obwohl ich zum ersten Mal meine Songs selbst geschrieben hatte – oder vielleicht gerade deshalb. Darauf bin ich besonders stolz.

In dem Song „Ruiniert“ auf Ihrem neuen Album „Herz Kraft Werke“ gibt es ein klares Bekenntnis gegen die „AfD-Idioten“, wie Sie es formulieren. Macht Ihnen der Rechtsruck im Land Sorgen?

Der macht mich wütend. Diese Geschichtsvergessenheit, dieser Hass, den ich bei vielen Leuten spüre. Ich kann nachvollziehen, wenn jemand sich zurückgelassen fühlt und frustriert ist. Und das muss man auch ernst nehmen. Aber ich kann nicht verstehen, dass man diese Wut dann an Schwächeren auslässt und andere zu Opfern macht. Es sind ja nicht nur Trump und die AfD. Da draußen marschieren wieder Neonazis mit NS-Symbolen. Das ist doch beschämend.

Ihre gesungene Antwort auf diesen Hass ist: Liebe.

Das mag kindlich naiv klingen, wenn ich das so singe. Aber es ist deshalb nicht weniger richtig. Wir sind alle vor allem mit uns selbst beschäftigt. Ich schließe mich da nicht aus. Es wäre ein Anfang, sich mal wieder anzugucken und liebevoll und achtsam miteinander zu sein, sich mehr umeinander zu kümmern. Der Erfolg des Rechtspopulismus hat auch damit zu tun, dass man zu viele Menschen nicht mehr mitgenommen und in ihrer Wut sich selbst überlassen hat.

Sie engagieren sich ehrenamtlich für Kranke und Flüchtlinge. Ist es Ihnen wichtig, etwas zurückzugeben?

Was heißt zurückzugeben? Vor allem, etwas zu geben. Ich könnte noch viel mehr machen. Mir geht es darum, Empörung in Aktion zu verwandeln. Was zu tun, statt sich nur ständig zu Hause aufzuregen.

Sie haben vor einigen Jahren zusammen mit Ihrem Partner Florian Fischer für eine längere Zeit eine Flüchtlingsfamilie aufgenommen.

Eine intensive Erfahrung. Wunderbar und wichtig, um vieles, was heute passiert, zu verstehen. Aber es war auch sehr anstrengend. Ich will da nichts beschönigen. Es kam eine syrische Mutter mit fünf Kindern zu uns, eines grade wenige Tage alt. Es kamen noch Verwandte nach, insgesamt waren es dann elf Menschen. Nach einem Jahr haben wir gesagt: Jetzt müssen wir mal eine größere Wohnung für euch suchen.

Welche Probleme gab es?

Sie kamen direkt aus Aleppo und waren alle vom Krieg traumatisiert. Vor allem die Kinder. Jedes Türknallen hat sie erschreckt. Als sie sich eingewöhnt hatten, wurde klar, dass wir uns mit den kulturellen Unterschieden beschäftigen mussten. Zum Beispiel, was Kinderrechte angeht. Dass man Kinder nicht schlägt und dass sie, wenn sie morgens um acht in der Kita sein sollen, nicht erst nach Mitternacht im Bett sein müssen. Wir mussten ganz von vorn anfangen und erst mal ein paar gemeinsame Regeln aufstellen. Was nicht so einfach ist, wenn keiner die Sprache des anderen spricht. Zuerst haben die Mutter und ich abends vor allem zusammen draußen gesessen, geraucht und uns angelächelt. Aber es war ein Anfang.

Außenseiter sind immer wieder Ihr Thema. Ihr Song „Vincent“ erzählt die Geschichte eines Jungen, der entdeckt, dass er schwul ist, und sich seiner Mutter offenbart. Gibt es diesen Vincent?

Das ist der 15-jährige Sohn einer Freundin, dessen zweiter Name tatsächlich Vincent ist. Sie erzählte mir, dass er kurz zuvor zu ihr gekommen war und sich ihr offenbart hatte. Ich fand das toll und ein Kompliment an sie als Mutter. Das ist doch ein großer Vertrauensbeweis. Ich wollte am nächsten Tag einen Song machen, der ihn bestärkt und ihn richtig abfeiert. Die Botschaft: So wie du bist, bist du richtig, und so wirst du geliebt!

Sie haben nach Ende der zwölften Klasse die Schule verlassen, um professionell Musik zu machen. Tut es Ihnen heute leid, dass Sie kein Abitur gemacht und nicht studiert haben?

Nö, nicht mehr. Früher war da gefühlt schon eine Lücke in meiner Biografie. Viele meiner Freunde studierten in den Jahren zwischen 20 und 30 und lebten in WGs, das fand ich immer romantisch. Sie haben gefeiert und füllten sich nebenbei mit Wissen. Ich hatte da schon lange gearbeitet.

Und Sie machten Karriere.

Dabei habe ich schon früh einiges über Menschen und das Leben gelernt. Als meine Freundinnen im Beruf durchstarteten und dann überlegten, Kinder zu kriegen oder zu heiraten, war ich damit längst durch. Ich bin mit 16 ausgezogen, und seit ich 20 bin, finanziere ich meine Familie und trage viel Verantwortung. Mittlerweile ist mir klar: Bilden kann ich mich auch ohne Abi und Studium. Ich lese viel und bin neugierig

Würden Sie alles in Ihrem Leben noch einmal so machen, wie Sie es gemacht haben? Die Heirat mit Terenzi vor Fernsehkameras? Das offenherzige Kleid bei „Wetten, dass ..“?

Einige Dinge würde ich mir heute wohl sparen. Aber ich bereue nichts. Ich habe doch sehr viel Glück gehabt. Ich glaube nicht an Fehler, sondern an Lektionen. Sie werden es nicht erleben, dass die heutige Sarah den Stab über die jüngere bricht. Warum auch?

„Keiner pisst in mein Revier“ heißt einer Ihrer neuen Songs. Sie schätzen den deutlichen Ausdruck.

Ach, ich hatte schon immer auch ein bisschen was Vulgäres an mir. Manche Dinge muss man auch einfach mal raushauen, um schnell und direkt zum Punkt zu kommen, finde ich.

In dem Lied beschreiben Sie Ihre Angst, dass Ihr Partner sich in eine Jüngere verlieben könnte.

Die Idee zu dem Song kam mir, als ich mit meinem Mann ausgegangen bin und mal wieder spürte, wie er so auf andere Frauen wirkt. Da wollte ich mit diesem Song eine kleine Ansage machen: Hey, kommt nicht auf die Idee, mit euren Hintern in seine Richtung zu wackeln. Das ist meiner!

Sind Verlustängste ein Thema für Sie?

Ich bin in Gedanken immer darauf vorbereitet, dass etwas Schlimmes passieren könnte. Das liegt wohl an meiner turbulenten Kindheit.

Was heißt turbulent?

Sagen wir es mal so: Meine Eltern führten die ersten 20 Jahre lang eine sehr explosive Ehe, und meine Geschwister und ich haben alle unsere seelischen Narben. Mehr will ich dazu nicht sagen. Ich habe als Kind gelernt, immer auf der Hut zu sein. Diese Vorsicht habe ich in mein erwachsenes Leben mitgenommen. Besonders als ich Mutter wurde. Das hat mich lange Zeit sehr belastet. Deshalb versuche ich mich jetzt mehr über das zu freuen, was gerade ist, und nicht mehr so sehr an mögliche Katastrophen zu denken. Und das gelingt mir auch ganz gut. Ich bin so dankbar, dass ich meine Kinder und meinen Mann habe. Ich lebe jetzt! Und jetzt ist es gerade richtig gut.

Sehen Sie hier im Video: "Sarah Connor stellt in TV-Show neuen Song vor – und kann die Tränen nicht zurückhalten"

Sarah Connor

Interview: Kester Schlenz