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Es gehörte ihrer Mutter Sinead O’Connor: Darum zerriss sie vor laufender Kamera ein Bild vom Papst

Sinead O'Connor bei einem Konzert im italienischen Pordenone
Die irische Sängerin Sinead O'Connor hat ein Buch geschrieben, in dem sie sich unter anderem an den legendären TV-Auftritt 1992 erinnert, bei dem sie ein Bild von Papst Johannes Paul II. zerriss
© Imago Images
Es war ein Aufsehen erregender Moment: Bei einem Auftritt 1992 in der TV-Sendung "Saturday Night Live" zerriss Sängerin Sinead O'Connor ein Bild von Papst Johannes Paul II. In ihrem neuen Buch beschreibt sie die Hintergründe.

Es war einer dieser schockierenden TV-Momente, die sich ins Gedächtnis einbrennen: Am 3. Oktober 1992 war Sinead O’Connor zu Gast in der Sendung "Saturday Night Live". Die 26-Jährige sollte ihr Album "Am I Not Your Girl?" promoten. Am Ende ihres Auftritts hielt sie ein Bild des damaligen Papstes, Johannes Paul II., in die Kamera, zerriss es und rief "Bekämpft den wahren Feind", um so gegen den Kindesmissbrauch der katholischen Kirche zu demonstrieren.

In ihrem Buch "Rememberings", das am heutigen Dienstag erscheint und aus dem das Magazin "Rolling Stone" jetzt exklusive Auszüge veröffentlichte, beschreibt sie, was sie dazu bewogen hatte. Demnach hing das Bild jahrelang im Schlafzimmer ihrer Mutter. Als sie das Haus kurz nach deren Tod gemeinsam mit ihren Geschwistern erstmals wieder betrat, nahm sie es dort ab. Das Bild zeigte den Papst bei seinem Besuch in Irland im Jahr 1979. 

Sinead O'Connor schreibt über das Papst-Bild

"'Junges Volk von Irland', hatte er damals gesagt, nachdem er auf dem Dubliner Flughafen eine Show daraus gemacht hatte, den Boden zu küssen, als wäre der Flug übermäßig beängstigend gewesen, 'ich liebe euch'", schreibt O’Connor über diesen Moment. "Was für ein Blödsinn. Niemand hat uns geliebt. Nicht einmal Gott. Klar, sogar unsere Mütter und Väter konnten uns nicht ausstehen".

Es sei schon immer ihre Absicht gewesen, das Foto zu zerstören, da es "Lügen und Lügner und Missbrauch" repräsentierte. "Die Art von Menschen, die diese Dinge aufbewahrten, waren Teufel wie meine Mutter. Ich wusste nie, wann oder wo oder wie ich es zerstören würde, aber ich würde es zerstören, wenn der richtige Moment kam. Und mit diesem Gedanken im Hinterkopf trug ich es von diesem Tag an sorgfältig überall mit hin. Denn niemand scherte sich einen Dreck um die Kinder von Irland".

Das Papst-Foto versteckte sie in ihrer Garderobe

Zudem gestand ihr ein sehr enger Freund kurz vor den Proben zu dem TV-Auftritt, dass sein eigentlicher Job der Handel mit Drogen und Waffen war – wobei er Schulkinder als "Mulis" benutzte, die die illegale Ware in ihren Schultaschen transportierten. Diese und noch einige andere Probleme, hätten sie wütend gemacht. 

Für den denkwürdigen Auftritt wählte sie ein weißes Spitzenkleid, das einst der Sängerin Sade gehörte. "Ich kaufte es bei einer Rock'n'Roll-Auktion in London als ich 19 war. Ich habe 800 Pfund dafür bezahlt", so O’Connor.

"Als ich hinter die Bühne gehe, ist buchstäblich kein einziger Mensch in Sicht"

Zwei Songs sollte sie in der Sendung performen. Einer von ihnen war eine A-Cappella-Version von Bob Marleys "War", in dem es darum geht, dass Rassismus die Ursache aller Kriege ist. O’Connor änderte jedoch einige Zeilen, ersetzte das Wort "racism" durch "child abuse" um "eine Kriegserklärung gegen Kindesmissbrauch zu sein", wie sie schreibt. Das Foto versteckte sie in ihrer Garderobe. Für die Proben nahm sie ein Bild eines brasilianischen Straßenkindes, das von Polizisten getötet wurde und bat den Kameramann während der eigentlichen Show an das Foto heranzuzoomen.

Für den Auftritt tauschte sie das Foto gegen das Papst-Bild aus. Nachdem sie es zerrissen hatte, warf sie die Schnipsel auf den Boden und pustete die Kerzen aus, die andächtig vor ihr aufgestellt waren. Nach dem Auftritt habe im Publikum "totale fassungslose Stille" geherrscht. "Als ich hinter die Bühne gehe, ist buchstäblich kein einziger Mensch in Sicht. Alle Türen haben sich geschlossen. Jeder ist verschwunden", schreibt sie. Auch ihr Manager habe sich für drei Tage in seinem Zimmer eingeschlossen und sein Telefon ausgestöpselt.

NBC erteilt Sinead O'Connor lebenslanges TV-Verbot

Der Auftritt hatte für die junge Irin enorme Konsequenzen: Der Sender NBC verpasste ihr ein lebenslanges Fernseh-Verbot. Bei einem Bob-Dylan-Tribute-Konzert einige Wochen später wurde sie sogar von der Bühne gebuht. Ihr sei das jedoch egal gewesen. "Jeder will einen Popstar, verstehst du? Aber ich bin eine Protestsängerin. Ich musste mir einfach Sachen von der Seele reden". Sie hätte einfach "kein Verlangen nach Ruhm" gehabt. Zudem hätten viele sie ohnehin schon für verrückt gehalten, weil sie sich nicht wie ein Popstar verhielt. 

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"Viele Leute sagen oder denken, dass das Zerreißen des Papstfotos meine Karriere zum Entgleisen gebracht hat. So sehe ich das nicht. Ich habe das Gefühl, dass eine Nummer-eins-Platte meine Karriere entgleisen ließ und dass das Zerreißen des Fotos mich wieder auf den richtigen Weg brachte. Ich musste meinen Lebensunterhalt wieder mit Live-Auftritten verdienen. Und dafür wurde ich geboren".

Quelle:  "Rolling Stone"

jek

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