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Perry Rhodan: Ein deutscher Held

"Perry Rhodan" wird 45. Mit einer Auflage von einer Milliarde ist er der erfolgreichste, aber auch heikelste Pulp-Astronaut der Welt. Von Hippie bis Hartz IV - an den Heftchen lässt sich Zeitgeist ablesen.

Von Stephan Maus

Acht Jahre vor "Appollo" schickte die junge Bundesrepublik ihren Mann ins All. Otto Normalraumfahrer hätte es nie so hoch hinaus geschafft. Nur Amerika verschaffte damals genug Auftrieb, um die Deutschen aus dem mächtigen Magnetfeld ihrer Nierentische zu befreien. Also musste unser Astronaut auf den Namen Perry Rhodan hören. Das klingt so amerikanisch wie John Sinclair, Jerry Cotton oder Freddy Quinn, war aber schon immer urdeutsch - manchmal etwas zu deutsch. Die intergalaktische Vergnügungsoffensive wurde von erfahrenen Profis eingefädelt: 1961 castete der Fachverlag für Buntes aller Art Moewig die Unterhaltungsschriftsteller Walter Ernsting und Karl-Herbert Scheer für die Entwicklung einer Science-Fiction-Heftserie. Beide hatten schon utopische Romane veröffentlicht.

Der Moewig-Verlag wusste, wie man kollektive Sehnsüchte in D-Mark ummünzt: Seit 1957 veröffentlichte er die "Landser"-Heftchen, in denen die Wehrmacht bis heute als ehrenwerte Truppe dargestellt wird. Der ehemalige U-Boot-Ingenieur und Leihbuchautor Scheer wurde schnell der federführende Exposé-Autor der neuen Perry-Serie. Bald setzte ein mehrköpfiges Autorenteam seine Ideen in 60-seitige Geschichten um. Scheer und Ernsting träumten von 50 Folgen. Heute, 2361 Heftchen und rund 150 000 Druckseiten später, steht fest: Mit einer Gesamtauflage von mehr als einer Milliarde verkauften Exemplaren in zahlreichen Ländern ist "Perry Rhodan" die erfolgreichste Science-Fiction-Serie der Welt. Im All hat Deutschland die Weltherrschaft. Die wöchentliche Auflage beträgt 135 000 Hefte. Wäre "Perry Rhodan" ein Buch, stünde es seit Jahrzehnten in den Bestsellerlisten auf Platz eins. Die Abenteuer um den "Erben des Universums" sind der heimliche Bestseller der Nation.

Ideologischen Fundamente stammen aus der Mottenkiste völkischer Mythen

In den ersten Weltraumfeldzügen wurde alles weggeblastert, totgelasert und positronisch desintegriert, was in die Reichweite von Perrys Bordkanonen kam. U-Boot-Mann Scheer hatte zwar auf Raumgleiter umgesattelt, war aber leidenschaftlicher Kanonier geblieben. Noch heute wird der Gründungsvater in Fankreisen liebevoll "Handgranaten-Herbert" genannt. Den militaristischen Hintergrund der Romane entschuldigt man mit dem Kalten Krieg. Doch das ist eine Verharmlosung. Seit 45 Jahren fiebern pro Woche Tausende von deutschen Lesern mit dem Weltraum-Landser, dessen Abenteuer im Skandalösen wurzeln: Die ideologischen Fundamente der Weltraumoper - sie stammen aus der Mottenkiste völkischer Mythen.

Im Handlungsgerüst des Gründungsvaters Scheer finden sich Anleihen an die krudesten Wahnvorstellungen der Nazis wieder. So war eine Lieblingstheorie der Faschisten die "Welteislehre" des Österreichers Hanns Hörbiger. Diese absurde Kosmologie wurde in den Dreißigern gegen die "zunehmende Verjudung" der Wissenschaft durch Einstein in Stellung gebracht. Laut Hörbiger gibt es im Weltall Himmelskörper aus Eis und Feuer, die ineinanderstürzen, explodieren und so im interstellaren Kampf neue Planeten erschaffen. Bei einem dieser Zusammenstöße sei auch Atlantis untergegangen.

Arier aus Atlantis beliebteste Urmel aus dem Eis

Die Nazis waren fasziniert von dem Atlantis-Mythos. Die rassistisch-okkulte Thule-Gesellschaft, der auch Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß angehörte, sah in dem untergegangenen Kontinent die Heimat der Arier, einer überlegenen Rasse, dazu bestimmt, die Welt zu erlösen. Heinrich Himmler war überzeugt, deren Urkeime hätten sich nach dem kosmischen Zusammenstoß im ewigen Eis des Weltraums konserviert und müssten gefunden werden. Der Arier aus Atlantis war damals das beliebteste Urmel aus dem Eis.

Die faschistisch-esoterischen Kosmologien der Dreißiger waren pure Science-Fiction. Man brauchte nur zuzugreifen, und das tat Scheer. Im ersten "Rhodan"-Zyklus fliegt Perry zum Mond, wo er ein Raumschiff findet, in dem er auf Abgesandte einer höheren Rasse stößt. Ihr Führer nennt sich Atlan. Er ist der "Kristallprinz", "Fürst der Einsamkeit", eine höhere Intelligenz, die einige Jahrtausende in einer Tiefschlafphase überwintert hat, nachdem seine Heimat Atlantis infolge eines interstellaren Kampfes untergegangen war. Da ist es wieder, das Lieblingsurmel der Dreißiger! Dieser Erlöser entwickelt sich neben Perry zur zweiten Hauptfigur. Bald bekommt er einen eigenen Heft-Zyklus. "Atlan" erscheint bis heute parallel zu "Perry Rhodan".

Gründung der Dritten Macht

Vor dem Hintergrund der Nazi-Kosmologien erscheint der Albino Atlan wie ein entnazifizierter Atlantis-Arier, der für die Unterhaltungskultur der jungen Bundesrepublik salonfähig gemacht wurde. Der strahlende Weltraumgermane Atlan steht dem "Großadministrator des Sonnensystems" Perry als treuester Gefährte zur Seite. Dank Atlans Hilfe kann Rhodan die sogenannte Dritte Macht gründen, die alle Menschen zusammenführt, sich aber immer wieder feindlicher Rassen aus dem All erwehren muss - das alles kommt einem ziemlich bekannt vor.

So taucht die Heilsgeschichte von der Erlösung der Welt durch die Überlebenden einer versunkenen Herrenrasse im Science-Fiction wieder auf. Ein vom Lauf der Geschichte frustrierter U-Boot-Ingenieur lässt seinen kruden Fantasien ungeniert freien Lauf. Während George Lucas mit "Star Wars" eine monumentale Hippie-Saga schrieb, entstand der Ur-Perry aus herrenlos umherwabernden Nazi-Mythen, die sich in der Schwerelosigkeit der Science-Fiction unter schweren Raumanzügen tarnten.

Entmilitarisierung kostete viel Kraft

Es kostete sehr viel Anstrengung, Handgranaten-Herberts Phantasmagorien zu entmilitarisieren und einigermaßen stubenrein zu machen. Von 1974 an rüstete der legendäre Exposé-Autor William Voltz das Perryversum für die Hippiegeneration militärisch ab und spirituell auf. In friedensbewegten Zeiten bevorzugte man esoterisches Petting statt Positronen-Pershings. Ab Band 650 hielt der Geist der 68er Einzug. Bis dahin wurde geschossen, von nun an wurde gegrübelt. Eine von Voltz' beliebtesten Erfindungen ist die Figur des Alaska Saedelaere, dessen Gesicht von einem Fragment einer seltsamen Materie bedeckt ist - der Anblick treibt den Betrachter in den Wahnsinn. Kein Clearasil würde gegen Alaskas Entstellung helfen, weshalb er dazu verdammt ist, mit einer Maske am Rande des Weltalls zu sitzen und über den rätselhaften Weltenlauf nachzudenken. So hockt er im Sternenstaub wie der melancholische Gott der Pubertät höchstselbst.

Von Hippie zu Hartz IV

In den vergangenen Jahren hat sich Perry von einer fortlaufenden Hippie-Utopie zur allwöchentlichen Feier des allmächtigen Neoliberalismus gewandelt. Der aktuelle Exposé-Redakteur Robert Feldhoff ist sich dieser Entwicklung bewusst: "Der Autor Leo Lukas wies darauf hin, dass die gesellschaftliche Grundlage, die "Perry Rhodan" schildert, eigentlich eine Utopie der 60er Jahre war. Nämlich nicht arbeiten zu müssen, nicht zwingend Verantwortung zu tragen, der allumfassende Staat als Ruhekissen. Heutzutage ist die Aussicht, nicht zu arbeiten, nicht gebraucht zu werden, keine Utopie mehr, sondern eine Dystopie. Wir haben das daraufhin umgestellt, im Laufe des "Sternenozean"-Zyklus. Der Terraner von heute wird wieder gebraucht, und zwar jeder einzelne. Der Terraner muss seinen Mann stehen und schafft das auch." Dank Perry ist Hartz IV inzwischen auch im Weltraum angekommen: fördern und fordern.

Perry ist inzwischen Pop

Das heutige Autoren-Team besteht unter anderem aus einem ehemaligen Faschingsprinzen, einem Sprachwissenschaftler mit dem Spezialgebiet indoeuropäische Urdialekte und dem österreichischen Kabarettisten Leo Lukas. Die größte Schwierigkeit für diese durcheinandergewürfelte Truppe besteht in der ungeheuren Datenfülle, die eine Heerschar von akribischen Fans auf Korrektheit prüft. Die Perrypedia, eine Internet-Enzyklopädie nach dem Muster der Wikipedia, umfasst mehr als 12 000 Stichworte in 8000 Artikeln. Perry ist inzwischen Pop. In Zeiten des lustvollen Pulp-Genusses ist der Erbe des Universums Kult. Seine problematische Herkunft hat sich in einem Spiralnebel grotesker Details verloren. Die beste Verteidigungsstrategie eines fragwürdigen Universums ist Unübersichtlichkeit.

Renommierte Unterhaltungshandwerker treten heute gern als Gastautoren auf. Andreas Eschenbach oder Frank Böhmert sind Vertreter einer Generation, die es als Herausforderung sieht, mit den starren Mustern der Science-Fiction zu spielen. Nach 394 200 Flugstunden durch oft problematische Meteoritenfelder ist Commander Rhodan endgültig in der Postmoderne angekommen. Er verkörpert verspielte Unterhaltung, die den Terraner von heute zerstreut, damit er am nächsten Tag wieder seinen Mann stehen kann. Es gibt die unwahrscheinlichsten Apparaturen im Perryversum: Dissonanzgeschütze und Psyploder. Der wunderlichste Apparat aber ist immer noch der Endlosroman selbst: "Perry Rhodan" ist seit 45 Jahren ein hochsensibler Bündelreflektor unseres Zeitgeistes.

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