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Reportage der Woche

Erste Live-Show in Köln: Stefan Raab vor 15.000 Zuschauern - so fad war sein Live-Comeback in Köln

Es wurde ein großes Geheimnis um Stefan Raabs Live-Show gemacht. Wer würde erscheinen, was bietet Raab seinem Publikum? Am Ende war vor allem auffallend, dass nichts auffiel. 

Von Luisa Schwebel, Köln

Stefan Raab bei seinem Live-Comeback in der Kölner Lanxess-Arena

Die Stimmung vor der Lanxess-Arena ist entspannt. Es ist ein lauer Herbstabend, Menschen jeder Altersgruppe sitzen vor dem uncharmanten Betonbau in Köln-Deutz, in dem heute Abend das Comeback des Jahres stattfinden soll. Stefan Raab tritt auf. Drei Jahre nach seinem TV-Aus. Drei Jahre, in denen sich der 51-Jährige komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Eine seiner größten Shows, "Schlag den Raab", wurde umfunktioniert in "Schlag den Henssler". Das Ergebnis: mangelhaft. Was Raab in den vergangenen zwanzig Jahren im Fernsehen geschaffen hat, ist schwer zu toppen. 

Stefan Raab feiert Comeback in der Lanxess-Arena

Das finden auch die, die sich für das Raab-Comeback ein Ticket gekauft haben. Bis zu knapp 100 Euro haben sie dafür hingeblättert. Erstaunlich, schließlich weiß hier niemand, was ihn eigentlich erwartet. "So ein bisschen TV total. Viel Musik. Elton ist bestimmt da", mutmaßt ein Besucher, bevor er an seinem plörrigen Kölsch nippt. Fast greifbar ist die Sehnsucht nach dem Showmaster, der es wie kein zweiter schafft, sich immer wieder rar zu machen, um den das Interesse aber nie ganz abzureißen scheint. 

"Hauptsache Raab" - so das Motto. Eine Zuschauerin ist extra mit ihrem Freund nach Köln gereist. "Irgendwie komisch, oder? Wir wissen ja überhaupt nicht, was passiert", erzählt sie. Die Berichterstattung verschiedener Medien im Vorfeld war von Brainpool dementiert worden. Vieles sei "erstunken und erlogen", polterte die Produktionsgesellschaft. So ganz stimmt das allerdings nicht. Aber dazu später mehr.

Jetzt geht es erstmal rein in die Arena. "Stefan Raab Live!" ist überall zu lesen, dazu ein Foto, das den TV-Veteranen in seiner Uniform zeigt: hellblaues, leicht verbeultes Hemd, helle, ebenso verbeulte Jeans. So kennt man ihn. 

Der 38-fache "Schlag den Raab"-Sieger

Aber bevor nun endlich die brennende Frage nach dem "Was?" beantwortet wird, wird zuerst klar, wer: nämlich Elton, der Dauer-Praktikant, ist der erste Stargast, beziehungsweise der Einheizer des heutigen Abends. Nach einem durch die Halle dröhnenden Countdown kommt er auf die Bühne und kündigt den Mann an, auf den hier alle gespannt warten. Den "fünffachen Wok-Weltmeister", den "38-fachen 'Schlag den Raab'-Sieger" (als hätte Steffen Henssler nicht schon genug auf die Mütze bekommen). "Es gibt ihn wirklich noch", sagt Elton. Die Menge jubelt. Ja, es gibt ihn wirklich noch, und sie sind die ersten, die ihn nach der ganzen Zeit wieder zu Gesicht bekommen. 

Dann ist er da - aber nicht irgendwie. Statt seiner oben erwähnten Uniform trägt er Anzug kombiniert mit Luigi-Colani-Pornobrille und gibt seinen ESC-Song "Wadde Hadde Dudde Da" zum Besten. Die Menge klatscht, singt, wieder wird die Sehnsucht geweckt. Nach Raab im Fernsehen, so wie früher. Nostalgie vereint, und was ist nostalgischer als gemeinsam das anzusehen, was man jahrelang vom Sofa aus geguckt hat. Nur eben live, ohne Werbung. Das hat was, finden die Zuschauer und klatschen im Takt. 

Gacker-Lache und Aussetzer

Wäre da nicht die aufwendige Lichtshow und der Einsatz von Pyrotechnik ("72 Euro kostet einmal erschrecken", kündigt Raab den Knall an), könnte man meinen, Raab wäre heute morgen aufgestanden und hätte sich gedacht: "Ich hab mal wieder Bock, Show zu machen." Und so wirkt er während seines Stand-Up-Programmes zwischen den Gesangseinlagen streckenweise planlos. Die Tendenz, Witze unnötigerweise in die Länge zu ziehen, hatte die Rampensau Raab schon immer. Doch was im TV durch kluge Schnitte kaschiert wird, kann er vor einem Live-Publikum in Köln heute Abend schlechter verbergen. Wie früher auch schon schallt Raabs Gacker-Lache, blitzt sein feixendes Grinsen von der Bühne. In den umliegenden Reihen schmeißen sich die Hardcore Fans bei einem Mesut-Özil-Augen-Witz weg. Wirklich? Die Sehnsucht nach Raab, nach der gelungenen Samstagabend-Show, muss wirklich gigantisch sein. 

Auffallend ist jedoch, dass eigentlich nichts auffällt. Raab macht genau da weiter, wo er im Dezember 2015 Schluss gemacht hatte. Dass er es noch kann, muss er eigentlich niemandem beweisen. Und vermutlich geht es auch nicht darum. Viel eher ruft Raab heute Abend zum großen Klassentreffen - und das will sich niemand entgehen lassen. Mit Carolin Kebekus singt er eine Version von Helene Fischers "Atemlos" zur Musik von Bruno Mars' "Treasure". Mit Max Mutzke dessen ESC-Hit "Can't Wait Until Tonight". Stefanie Heinzmann schmettert Aretha Franklins "Respect" und dann holt Raab auf einmal Rapper Sido aus dem Publikum. Johlen, Klatschen, ungläubige Blicke. Wo kommt der denn her? Wie spontan die Spontaneinlage des Berliners wirklich war, verraten die beiden nicht, bevor sie gemeinsam Sidos "Bilder im Kopf" anstimmen.

Stefan Raab live

Mit Max Mutzke singt Raab "Can't Wait Until Tonight" - was auch sonst. 

Wenn Raab zurückkommt, will jeder dabei sein. Luke Mockridge zum Beispiel, bei dessen Auftritt besonders die Frauen im Saal anfangen zu kreischen. "Dieser Abend ist jetzt schon geiler als die letzten drei Jahre ProSieben", feiert Mockridge. Autsch.

Später wird Raab gemeinsam mit Campino und den Toten Hosen "Bonnie und Clyde" performen. Bass, Schlagzeug, Saxophon, Klavier - Raab, das Multitalent, der Tausendsassa, er will heute wirklich alles zeigen. Sein wirres Stand-Up-Programm vom Anfang weicht schließlich fast komplett der Musik. Das ist Raabs Leidenschaft, an den Instrumenten und im Duett mit seinen Gästen wirkt er motivierter als noch in den zähen Comedy-Versuchen zu Anfang der Live-Show.

Eine glänzt durch Abwesenheit

So hochkarätig sie teilweise sind, so wenig überraschend ist die Auswahl der Stargäste. Es sind Raabs Freunde, seine Schützlinge. Der Entertainer umgibt sich gerne mit seinem Inner Circle. So ganz "erstunken und erlogen", beziehungsweise "in Teilen erfunden", wie Brainpool noch gemäkelt hatte, waren die Berichte im Vorfeld also nicht. Raab liefert das Erwartbare. Um die nostalgische Stimmung auf einen Höhepunkt zu treiben fehlt eigentlich nur noch, dass Joey Kelly im Wok über die Bühne rutscht.

Doch obwohl die Bühne streckenweise richtig voll wird, ist die Raab-Clique nicht vollzählig. Eine glänzt durch Abwesenheit: Lena Meyer-Landrut, über deren Erscheinen im Vorfeld gemutmaßt wurde, lässt sich heute Abend nicht blicken. Ihr Eurovision-Song "Satellite" wird nicht einmal angestimmt.

Der Atmosphäre in der Halle tut das keinen Abbruch. Die erste Live-Show des Alleskönners bekommt ein fulminantes Ende. Konfetti, die Band Heavytones, die den ganzen Abend lang bewiesen hat, wie sehr sie dem deutschen Fernsehen fehlt, spielt die Raab'sche Nationalhymne "Ich liebe Deutscheland". Und alle singen mit. Hand aufs Herz. Da ist sie wieder, die Nostalgie. 

Nach rund drei Stunden ist alles vorbei. Die Zuschauermenge schiebt sich aus der Halle in die nun laue Herbstnacht. "Da hätte man sich eigentlich eine Best-Of-"TV-total"-DVD angucken können", urteilt einer. Hätte man. Wäre deutlich billiger gewesen. Und genauso wenig überraschend. Aber dann wäre man nicht live dabei gewesen. Beim ersten von drei Comebacks des Jahres - Hauptsache Raab. 

Lena in Oslo