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TV-Kritik

"Anne Will" zur Coronakrise: "Wir können es uns nicht leisten, nur auf Sicht zu fahren"

Bei "Anne Will" hofften die Gäste, dass ab sofort Schutzausrüstungen auch in Deutschland hergestellt werden können und sprachen darüber, wie es nach dem 19. April wohl weitergehen könnte.

Von Andrea Zschocher

Anne Will diskutiert in ihrer Talkshow mit ihren Gästen über die Coronakrise in Deutschland

Anne Will diskutiert in ihrer Talkshow mit ihren Gästen über die Coronakrise in Deutschland

"Zwei Wochen Ausnahmezustand – wo steht Deutschland im Kampf gegen Corona?" wollte Anne Will von ihren Gästen wissen. Kurz zusammengefasst, lautet die Antwort wohl: Auf der Suche nach Schutzkleidung, in Gesprächen mit Unternehmen, unsicher, wie es nach dem 19. April weitergehen wird. 

Zu Gast bei "Anne Will" waren:

  • Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen
  • Olaf Scholz (SPD) Vizekanzler und Bundesminister der Finanzen
  • Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
  • Jens Südekum, Universitätsprofessor für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität (Düsseldorf)
  • Per Video zugeschalten: Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) e.V.
  • Christian Gerlitz (SPD), Bürgermeister und Dezernent für Stadtentwicklung und Umwelt in Jena

Verdoppelungszeit verlängert, Schutzausrüstung fehlt

Die gute Nachricht kam bei "Anne Will" direkt am Anfang: Die Verdoppelungszeit hat sich auf knapp 9,5 Tage verlängert, am letzten Wochenende lag sie noch bei 5 Tagen. Die getroffenen Maßnahmen zeigen also Wirkung. Alles, was danach besprochen wurde, machte dann weniger Hoffnung.

"Wir leben", so Olaf Scholz, "mit einer der Folgen der Globalisierung." Deswegen gäbe es so wenige Schutzausrüstungen, müsste die Bundesrepublik hohe Preise für Atemschutzmasken zahlen. Sie sei aber bereit, dies zu tun, um medizinisches und Pflegepersonal gut auszustatten. Es würden auch international tätige Firmen ins Boot geholt, die bei der Beschaffung der Masken helfen sollen. Ab Montag sollen auch Gespräche mit Unternehmen geführt werden, die in Deutschland alles produzieren, was dieser Tage besonders gebraucht wird.

Also alles gut? Da hatten die anderen Gäste so ihre Zweifel. Denn all die Maßnahmen sind für die Zukunft eine gute Idee, nur: "Wir können es uns nicht leisten, nur auf Sicht zu fahren", mahnte Martina Wenker und meinte damit die Zustände, unter denen viele systemrelevante Menschen für ihren und den Schutz anderer sorgen müssten. Kliniken erklärten, dass sie nur noch für wenige Tage Schutzausrüstung hätten und schnelle Lösungen bräuchten, Wenker berichtete von Ärzten, die ihre FFP-2 Masken, ein Einwegartikel, abends desinfizierten, im Backofen trockneten und am nächsten Tag wieder in der Praxis anzögen.

Pandemie-Pläne gab es schon lange

Jens Südekum und Alexander Kekulé wunderten sich, dass die Schutzkleidung überhaupt so ein großes Problem ist, denn, so Südekum, "die Mängel hätten bekannt sein müssen. Es gab Pandemiepläne, das ist nicht in dem Maße verfolgt worden, in dem es notwendig gewesen wäre." Kekulé erklärte, dass die Pläne schon lange in der Schublade lägen, und, dass laut diesen, spätestens im Januar/ Februar Schutzmasken geordert hätten werden müssen. Das sei aber, betonte der Virologe, Diskussionsstoff für eine andere Sendung.

Hilfe wird einiges kosten

Olaf Scholz nahm all die Hinweise auf und antwortete gewohnt ruhig und ausweichend. Es gäbe Pläne und es sei wichtig, dass alle Deutschen wissen, dass diese Pläne Geld kosten. Am Ende müssten wir alle dafür zahlen. Die Unternehmen, die nun in Deutschland eingreifen sollen, sollen mit guter Bezahlung und langfristigen Auftragszusagen geködert werden. Von einem staatlichen Zwang will Scholz dagegen nichts wissen. Natürlich suche Deutschland auch auf dem Weltmarkt nach Schutzausrüstung, aber was innerhalb des Landes produziert werde und von uns nicht benötigt wird, erklärte der Vizekanzler, das könnten wir ja anderen Ländern zur Verfügung stellen. Klingt nach guten Plänen, die aber leider viel zu lange Anlaufzeiten haben.

Wir brauchen improvisierte Pläne

Virologe Kekulé erklärte, er fühle sich "als wären wir Feuerwehrleute auf dem Weg zum Einsatz, aber wir sprechen darüber, was wir morgen machen." Er fordert "improvisierte Lösungen", weil die immer noch besser seien, als gar nichts zu tun. Kekulé sprach sich erneut für Nase-Mund-Masken für die Gesamtbevölkerung aus und versteht die Zurückhaltung der Regierung nicht, das nicht deutschlandweit zu empfehlen.

Das Videointerview mit dem Bürgermeister von Jena, Christian Gerlitz, hätte sicher Informationen zu diesem Punkt liefern können. In Jena ist das Tragen eines (selbstgebastelten) Mundschutzes in der Öffentlichkeit verpflichtend. Leider war das Gespräch wegen Verbindungsproblemen kaum verständlich. So wurde aber ganz nebenbei ein weiteres Problem aufgezeigt: Eine brauchbare Netzinfrastruktur in Deutschland ist dieser Tage auch nicht überall gegeben.

Weitere Themenpunkte:

  • Sollten die Senioren aus den Alten- und Pflegeheimen geholt werden, um sie vor einer möglichen Ansteckung zu schützen? Christel Bienstein sprach sich dagegen aus, weil es für viele BewohnerInnen zu Verwirrung führen könnte. Stattdessen sollte das Personal besser ausgestattet werden.
  • Es sollte mehr getestet werden, forderte Martina Wenker. Südekum plädierte, vor allem in Hinblick auf mögliche Urlaubsreisen für mehr Tests im Sommer.
  • "Man kann ganz viele Dinge mit der Brieftasche lösen", erklärte Alexander Kekulé. Für ihn wäre es aber wichtig, wenn nicht vergessen wird, dass viele systemrelevanten Menschen Familien haben, die sie schützen wollen. Dafür brauchen sie Tests, Schulungen und Schutzkleidung

Wie geht es weiter?

Die Frage, wie es nach dem 19. April in Deutschland weitergeht, wurde auch bei "Anne Will" nicht beantwortet. Virologe Kekulé zeichnete mehrere Szenarien: Es könne den Ausstieg aus dem Lockdown geben oder, die Verantwortlichen stellten fest, dass die Maßnahmen nicht ausgereicht hätten. In dem Fall würde es nichts bringen, den Lockdown zu verlängern, es müssten stattdessen weitere, noch einschränkendere Maßnahmen getroffen werden. Kekulé sprach von Smart Distancing, von Risikogruppen, die "radikal" in Sicherheit gebracht werden müssten.

Es gibt, so Olaf Scholz, die medizinische Diskussion und dann die politische. Noch ist für niemanden klar, wie es weitergehen wird.

mad

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