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"Anne Will" zum Gesundheitssystem: Dr. Lauterbach holt zum Rundumschlag aus

Tote Frühchen, Implantate voller Mängel, Patienten ohne Rechte - und dann der ganze Medizinkommerz: Bei "Anne Will" wurde die gesamte Medizinbranche an den Pranger gestellt.

Von Jan Zier

Grönemeyer fehlt. Also: Nicht der Herbert, der vielleicht auch. Aber der würde ja eh nie zu "Anne Will" kommen, hat er mal behauptet. Nein, Dietrich Grönemeyer, der TV-Mediziner. Weil: Der andere, also der Karl Lauterbach, der SPD-Epidemologe vom Deutschen Bundestag und der Universität Köln, der ist nämlich wieder gekommen. Wahrscheinlich konnte Grönemeyer, der Radiologe, diesmal nicht. Dabei soll es doch um Ärztepfusch und Patientenrechte und Brustimplantate und so gehen an diesem Abend: "Eingeliefert, Ausgeliefert – wenn das Krankenhaus zum Risiko wird".

Aus aktuellem Anlass mussten die toten Babys aus Bremen schnell ins Programm gehoben werden. Wieder sind dort zwei Frühchen gestorben. Seit 2009 grassiert am kommunalen Klinikum Bremen-Mitte ein antibiotikaressistenter Keim. Im vergangenen Jahr bereits hatte der zu drei Todesfällen bei Frühgeborenen geführt. Der Chef der kommunalen Kliniken in Bremen wurde am Montag entlassen, die betroffene Frühchen-Station – vermutlich dauerhaft – geschlossen. Trotzdem saßen bei "Anne Will" an diesem Abend wieder die üblichen Verdächtigen, jedenfalls niemand, der Bremen wirklich näher kennt. Immerhin wurde noch schnell ein Kinderarzt interviewt, der sagt: "Die Keime kommen von den Müttern". Die sie wiederum, kurz gesagt, aus der Massentierhaltung haben.

Ein Mann aus der Gilde der journalistischen Welterklärer

Dann aber ist wirklich der Lauterbach wieder mal dran, dazu sein Kontrahent Jens Spahn, Gesundheitspolitiker von der CDU, der mittlerweile auch ein Talkshow-Abo hat. Und Dagobert Lindlau, 81, aus der Gilde der journalistischen Welterklärer, der hier besonders qualifiziert schien, weil ihm 2007, nach einem Herzinfarkt ein fehlerhaftes Aggregat implantiert wurde. Fast fühlt man sich wie in einer Soap-Opera, bei all den vertrauten Gesichtern, die man nahezu vermisst hätte, wären sie mal nicht geladen worden.

Ob der Mensch sich überhaupt noch in ein Krankenhaus wagen kann, will Will immer wieder wissen. Ob das nicht ein "Risiko-Ort" sei. Ob man dem deutschen Krankenhaus noch vertrauen könne. "Wir sind froh, wenn wir nicht in die Klinik müssen“, sagt Caroline Beil dann, die Frau, die bei SAT 1 mal ein Boulevard-Magazin moderieren durfte. Was Beil sicher ebenso qualifiziert wie der Umstand, dass ihr Vater gestorben ist. An Lungenkrebs. Ach so, ja, sie hat das auch in einem Buch aufgeschrieben.

Ärzte verordnen teure Therapie kurz vor dem Tod

Und dann werden sie rasch abgehandelt, fast all die Themen, die die moderne Gesundheitswirtschaft bereithält. Die Hygiene-Probleme der Krankenhäuser. "Ganz groß", sagt Lauterbach. All die medizinischen Gerätschaften und menschlichen Einbauten, die nur so lala geprüft werden, weil es, da sind sich die beiden Politiker einig, irgendwie viel zu viele sind. Jedes Jahr gebe es zu viele neue Geräte. "Besser prüfen", sagt Lauterbach dann doch. Die Kommerzialisierung der Medizin überhaupt. "Wenn der Patient sowieso stirbt, wird ihm vorher schnell noch eine Therapie verordnet, die Geld bringt", erzählt Lauterbach. Sei natürlich auch irgendwie nicht okay. Also die Krebs-Behandlung zentralisieren, in Uni-Kliniken etwa, empfiehlt Lauterbach, der selbst an einer arbeitet.

Und natürlich, die Sache mit dem Ärzte-Chinesisch, den Halbgöttern in Weiß und den für dumm verkauften Kunden. "Andere Länder haben mündigere Patienten", sagt, nein, nicht der Lauterbach, sondern Roland Hetzer, Ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums Berlin. Hetzer ist ein Mann, dem man abnimmt, in dieser Hinsicht ein gutes Beispiel zu sein. "Bei der Aufklärung", sagt er, also: der Patienten, "müssen wir noch einiges zulegen". Irgendwie mutiert Hetzer an diesem Abend ein wenig zum Verteidiger des Systems, aber er füllt diese undankbare Rolle tapfer aus. Und sagt, dass nicht alle Ärzte "geldgierige Verbrecher" sind. Und dass die Medizin in diesem Lande nicht nur "sehr teuer", sondern auch "sehr gut" sei.

Womit wir dann am Ende schnell auch noch zum neuen Patientenrechte-Gesetz kommen, das gerade in der Diskussion ist, und vielleicht eine Beweislastumkehr zuungunsten des Arztes bringt, aber wohl nur bei "groben" Behandlungsfehlern. Ja, ja, sagen Regierung und Opposition an diesem Abend eifrig, da muss noch was verbessert werden. Und damit zurück nach Berlin.