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"Deutschland sucht den Superstar" "DSDS" mit Gottschalk statt Bohlen: Dieses Halbfinale hat die Show nicht verdient

Sängerin Maite Kelly, Moderator Thomas Gottschalk (M.) und Sänger Mike Singer auf der "DSDS"-Bühne in Köln
Fachmännische Kritik? Eher nicht: Sängerin Maite Kelly, Moderator Thomas Gottschalk (M.) und Sänger Mike Singer auf der "DSDS"-Bühne in Köln.
© Stefan Gregorowius / TV Now / DPA
Fast vier Stunden "DSDS"-Halbfinale, das hieß vor allem: Zwei alte Männer redeten über die gute alte Zeit, der Rest hatte nur Blabla im Angebot. Aber immerhin, live aus Duisburg.
Von Andrea Zschocher

Eine Sendung mit Thomas Gottschalk bedeutet vor allem was? Richtig, sie wird mindestens 15 Minuten länger als geplant. Und: Der Mann redet gern über die gute alte Zeit und seine Bekannten von damals. Beinahe wartete man auf die Außenwette aus Duisburg, so sehr erinnerte das Palaver Gottschalks an TV-Abende der eigenen Kindheit. Das passt nur bedingt zu "Deutschland sucht den Superstar", wo die KandidatInnen naturgemäß seine Enkelkinder sein könnten. Das wäre bei Dieter Bohlen auch der Fall, aber der hat es in 18 Jahren Juryvorsitz immerhin geschafft, irgendwie mit der Zeit zu gehen und eben nicht immer nur das ewig Gestrige zu beschwören. 

"Auch Titanen können stürzen" 

Nun hat RTL den 67-Jährigen also doch ausgemustert und der Poptitan hatte verständlicherweise auch keine Lust mehr darauf, dem Halbfinale der aktuellen Staffel "DSDS" beizuwohnen. Offiziell fehlte er krankheitsbedingt, Thomas Gottschalk konnte es sich in der irritierenden Anmoderation seiner selbst nicht verkneifen, darauf zu verweisen, dass "auch Titanen" stürzen können.

Dass die Zwei sich nicht grün sein können, wurde im Verlauf der Sendung überdeutlich. Vermutlich kratzt es einfach an Gottschalks Ego, dass Bohlen weiterhin mit Camp-David-Klamotten und Sonnenbrille ins Fernsehen durfte, während seine Phantasieoutfits langsam in der Mottenkiste vergammeln. Immerhin, so Gottschalk, würde er ja noch eine Sendung im Radio moderieren. Das sei quasi Grund genug ihn in die Jury zu berufen,  mit all den neuen Hits sei er bestens vertraut. Am Ende fühlte er sich dann aber doch am meisten abgeholt vom 1989er-Schmachtfetzen "Right Here Waiting" von Richard Marx. Moderator Oliver Geißen hatte es irritierenderweise als "White Hear Waiting" angenuschelt … äh… moderiert. 

40 Wochen "DSDS"? Die gute alte Zeit! 

Obwohl Geißen, Baujahr 69 und Gottschalk, Baujahr 50 immerhin eine Generation trennt, sie waren unüberseh- und hörbar die alten Hasen in der Sendung. Hat "DSDS" nur leider nicht besonders gutgetan. Während Oliver Geißen alte Talkshowerfolge neu aufleben lassen wollte, in denen er den verbliebenen neun KandidatInnen einfältige Fragen stellte, gab Thomas Gottschalk über weite Teile den verständnisvollen Opa. Er sorgte sich um das zweite Standbein der angehenden SängerInnen, kramte seine Küchenpsychologie hervor, um Teilnehmer Kevin Mut zuzusprechen und erzählt von seinem Freund Seal, der schon viele Male bei ihm zu Gast war. Oh, die gute alte Zeit.

Sohn von Alexander Klaws tanzt Corona-Blues weg

An die wollte Oliver Geißen Kandidat Jan-Marten erinnern, denn immerhin "40 Wochen begleitet euch diese Show". Wirklich? Man hofft ja, es war ein Versprecher, auch 14 Wochen "DSDS" können lang sein. Aber 40 Wochen? Leider wurde das nicht aufgeklärt. Es bleibt die Hoffnung, dass in Coronazeiten die Wochen bei Oli Geißen so miteinander verschwimmen, dass er dachte "14 oder 40, Hauptsache 'DSDS'!" Vieles ist in diesen Zeiten vorstellbar. 

Das soll ein Halbfinale sein? 

Nicht für möglich gehalten haben die meisten wohl die Sendung, die das Halbfinale von "DSDS" dargestellt hat. In einem kleinen Studio in Duisburg traten die neun verbliebenen KandidatInnen zuerst in Dreiergruppen auf und dann jeweils einzeln. Für jeden einzelnen wurden zwei Einspieler vorbereitet, einmal die "schönsten" Szenen aus der Zeit bei "DSDS", einmal semiprivate Bilder die keine Lust auf mehr machten.

Dann folgte der Gesang mit viel in der Gegend rumstehen, den obligatorisch sich räkelnden Tänzerinnen (sexism never dies) und jeder Menge schlechter Ausleuchtung. Vermutlich war die Ansage im Vorfeld "coole Clubatmosphäre", aber die Verantwortlichen scheinen auch vor Corona schon lange nicht mehr dort unterwegs gewesen zu sein. Die wenigsten Clubs lassen ihre SängerInnen so schlecht belichtet auf einer kargen Bühne herumstehen. Aber immerhin live, "alles live", wie Geißen immer und immer wieder enthusiastisch betonte, als müsse er sich selbst davon überzeugen, dass hier wenigstens irgendwas war wie in den Jahren davor. 

Fachmännische Kritik? Eher nicht! 

Aber hey, auf die Stimmen kommt es an. Und die, Oli Geißen wurde nicht müde es zu erwähnen, die waren dieses Jahr ja so besonders extra super duper. "Wahrscheinlich habt ihr jedem Jahrgang erzählt 'ihr seid die Besten'", amüsierte sich Thomas Gottschalk, sprang dann aber doch immer auf den Lobeszug auf. Das waren die Momente, in denen Dieter Bohlen im Besonderen fehlte. Denn natürlich hätte er die schiefen Töne herausgehört und kommentiert, unvergessen wie er in den letzten Jahren nach jedem Song die InEar-Kopfhörer aus dem Ohr popelte, um auch fachmännische Kritik zur Sangeskunst zu geben.

Im diesjährigen Halbfinale gab es nur Gesäusel. Mike Singer fand alle dufte und super und überhaupt hatten alle eine mega Entwicklung hingelegt. Und Maite Kelly wollte vermutlich als sensible Künstlerin brillieren, hat aber in Coronazeiten keinen Termin mehr für den Schauspielunterricht bekommen. Die berührte, betroffene Mimik war in jeder Einstellung gleich, jedes Lob wirkte, als sei die Sängerin kurz vorm Weinkrampf. Bei jeder Darbietung erzählte sie von früher, damals, als alles auf dem Boot begann. Schnarch. 

Einziges echtes Highlight: Maite Kelly wollte Kandidat Jan Mut machen, erzählte, wie sie nach dem Kennenlernen und bis zum heutigen Tag darüber nachdenkt, dass sie gern einen Song für ihn schreiben würde. Die Augen des jungen Mannes blitzten auf, Kelly erstickte sofort jede Hoffnung auf Karriere im Keim, in dem sie sofort hinterherschob: "Das heißt nicht, dass das ein Angebot ist". Natürlich nicht, wenn, dann war es ein Angebot an all die anderen ProducerInnen da draußen, Maite Kelly doch bitte als Songwriterin zu buchen. Wo kommen wir denn da hin, wenn jemand sie auf das Geplapper aus einer Liveshow im Nachhinein ansprechen würde. 

Hat "DSDS" dieses Halbfinale verdient? Nein! 

Ist eine Sendung wie "DSDS" oberflächlich? Natürlich! Ist sie zeitgemäß? Vermutlich nicht. Aber hatte sie diesen Halbfinal-Abend verdient? Auf keinen Fall. Aber mit Leuten wie Mike Singer, Maite Kelly und Oliver Geißen, die eher weniger nachdenken, bevor sie sinnlos Sendezeit vollplappern, ist eben auch kein Blumentopf zu gewinnen. Was sollen KandidatInnen denn mit Ratschlägen wie "Hab Geduld [du wirst deinen Weg schon machen], gib Gas [du musst halt auch mal machen]" von Mike Singer anfangen? Auch "bitte geh ins Studio und nimm was auf" ist allgemeines Blabla, auf dass Singer selbst vermutlich nichts geben wird. Gottschalks Rat an den ausgeschiedenen Daniele, sich gute Berater zu suchen, um im Haifischbecken zu überleben, war da schon fast Gold. Der Opa sorgt sich eben um die Enkelkinder. 

"Es gibt ein Leben nach 'DSDS'", brachte es Maite Kelly auf den Punkt. Und die vier verbliebenen Kandidaten Jan-Marten, Karl, Starian und Kevin sind nur noch eine Live-Sendung davon entfernt herauszufinden, was dann passiert. 


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