HOME

"Hart aber fair": Castingwahn: Der Bohlen in jedem von uns

Eigentlich wollte man bei "Hart aber fair" den Castingwahn diskutieren. Daniel Küblböck war als Paradebeispiel eines gescheiterten Castingproduktes geladen. Doch am Ende der Sendung wurde Frank Plasberg schwach und machte selbst den Bohlen: Plasberg suchte den Super-Gast.

Von Katharina Miklis

Musicalstar, Super-Talent, Topmodel oder Superstar. In Zeiten, in denen alles und jeder gecastet wird, steckt in jedem von uns ein kleiner Dieter Bohlen. Wer gestern Abend nach Thomas Gottschalks "Musical-Showstar" vom ZDF ins Erste schaltete, landete direkt in der Diskussion um den Castingwahn in Deutschland. Frank Plasberg hatte geladen, um in "Hart aber fair" über die Daumen-rauf-Daumen-runter-Mentalität der Deutschen zu reden und ihr vermeintlich liebstes Hobby: die Wohnzimmer-Häme.

Küblböck: "Eine psychologische Nachbetreuung fand nicht statt"

Musikmanager und Ex-Jurymitglied bei "Deutschland sucht den Superstar", Thomas Stein, kann die ganze Aufregung um Bohlens Sprüche und den Castingwahn überhaupt nicht verstehen. Seine These: "Leistungsvergleiche gehören zum Naturell des Menschen; wer am Casting teilnimmt, muss auch eine ehrliche Meinung verkraften." Und überhaupt: Was passiert den Kindern schon? Psychologen sind die ganze Zeit während der Live-Shows hinter der Bühne für die Kandidaten da, um sich um die jungen Menschen zu kümmern. Daniel Küblböck, Drittplatzierter der ersten Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" fällt seinem ehemaligen Mentor in den Rücken und kritisiert: "Eine psychologische Nachbetreuung fand nicht statt!". Zwar sei ihm während seiner Castingshow-Zeit eine Psychologin "an den Hals gehängt worden", aber die wollte nur mit ihm Tee trinken und Plätzchen essen. Und über sich selbst reden.

Hat RTL versagt? Daniel Küblböck ist das beste Beispiel eines gescheiterten Casting-Produktes. Was kam nach "DSDS"? Frank Plasberg erinnert: inszenierte Schönheits-OP, "Big Brother", Dschungelcamp, Gurkenlaster... Sieht so eine gepushte Musikkarriere aus? Küblböck geht weiter und beschuldigt die Plattenfirmen, ihn damals mit süßen 17 Jahren zu Aktionen gedrängt zu haben, um Kasse zu machen. "Sie kamen zu mir und sagten: 'Mach' diese Schlagzeile und sag das, das ist gut für dich'". Das lässt sein Produzent Thomas Stein nicht auf sich sitzen: "Kein Mensch hat dich dazu gezwungen, dir vor Kameras die Ohren anzunähen" poltert er. Und da ist er wieder: der kleine Junge Küblböck, der beschämt nach unten guckt, als hätte er nachts wieder Pipi ins Bettchen gemacht. Auch heute muss er sich noch von Onkel Stein kritisieren lassen. Sein Leben: ein niemals enden wollendes Casting. Auch wenn er sich jetzt mit seinen 22 Jahren altersweise und geläutert gibt. Oder es zumindest versucht.

Ethisch verwerfliche Castingshows

Hart aber fair: Immerhin stehen die Öffentlich-Rechtlichen auch für ihre eigenen Casting-Shows gerade. So wird nicht nur 75 Minuten lang das böse Privatfernsehen angeprangert, Plasberg kramt auch Ausschnitte aus dem NDR-Archiv hervor. In Paul Kuhns "Gong Show" von 1981 präsentierten sich auch schon Amateure einer prominenten Jury und ließen sich bewerten. So verkommt "Hart aber fair" immerhin nicht zum schulterklopfenden Vorzeige-Fernsehen.

Und während Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann die "ethisch verwerflichen" Castings der privaten Sender verurteilt, handelt sich Journalist Henryk M. Broder ("Das ganze Leben ist ein Talentwettbewerb") bei Plasberg eine rhetorische gelbe Karte ein. Er fetzt sich mit Sängerin Joy Fleming, die mit ihren Früher-war-alles-besser-Sprüchen nervt. Hier und da nimmt sie mal den kleinen Küblböck an die Brust, für den sie "Mitleid empfindet". Ansonsten macht sie nur Werbung für sich, ihre Shows und ihre Stimme.

"Du sprichst, als wenn du eine Klobürste im Arsch hättest"

Und das zeigt einmal mehr, dass Castings überall stattfinden. Auf dem Schulhof, im Berufsleben, ja sogar in einer Talkshow wie dieser, die doch eigentlich mit Thesen wie "Superstar statt Fleißarbeit - verfällt ein Land dem Castingwahn?" provozieren wollte. Am Ende macht auch die ARD mit und Plasberg spielt den Bohlen. "Du sprichst, als wenn du eine Klobürste im Arsch hättest!", sagt er in Bohlen-Manier zu Musikproduzent Thomas Stein und startet selbst ein Casting während der Sendung: "'Hart aber fair' sucht den Superdiskutierer". Die Zuschauer stimmen auf der Website ab. Am Ende siegt die Moral. Erziehungswissenschaftler Bergmann hat das Publikum mit Argumenten wie "auf dem Schulhof kann ich mich wehren, im Fernsehen bin ich ohnmächtig" am meisten überzeugt und gewinnt haushoch. Und Daniel Küblböck? Auf ihm lastet der lebenslange Fluch von "DSDS". Er landet auf dem undankbaren dritten Platz. Mal wieder.