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"Maybrit Illner" Corona-Stigmatisierung: Ist der erkrankte Mensch der schlechtere Mensch?

TV-Kritik zu Maybritt Illner
Zu Gast bei Maybritt Illner (von links): Manuela Schwesig (SPD), Markus Söder (CSU), Jonas Schmidt-Chanasit, Ute Teichert und Jagoda Marinić.
© Svea Pietschmann / ZDF
Eine Welle der Stigmatisierung scheint über Deutschland zu rollen. Ist der kranke Mensch der schlechtere Mensch? Ist bayerisches Leben mehr wert als schwäbisches? Bei "Maybrit Illner" wurden die sozialen Nebenwirkungen von Corona thematisiert.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Es droht: der ausgestreckte Zeigefinger. Um auf die zu deuten, die am Virus erkrankt sind. Und damit wären wir bei einer nächsten Welle, der Welle der Stigmatisierung. Der Philosoph Thomas Hobbes hatte es einst so formuliert: Homo homini lupus est – der Mensch ist des Menschen Wolf. Wer heutzutage Beweise sucht, wird ruckzuck fündig. Man muss beispielsweise nur Michael Esken zuhören. Bei "Maybrit Illner" verteidigt sich der hauptamtliche Bürgermeister der Stadt Verl im Kreis Gütersloh: "Wir sind ganz normale Menschen." Trotzdem würden Leute, die gerade Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern machten, heimgeschickt, weil sie aus "seinem" Kreis und damit aus dem "roten Kreis" stammten. Eine Autofahrerin berichtet in einem Einspieler, sie sei angegriffen und beschimpft worden – wegen ihres Autokennzeichens GT. GT für Gütersloh. 

Maybrit Illner fragt nach der Solidarität

Aufgrund erhöhter Infektionszahlen nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischkonzern Tönnies gilt Gütersloh als momentaner Hotspot. Und liefert manchem Mitbürger anscheinend eine Legitimation, alle dort Ansässigen zu stigmatisieren. Auch Armin Laschet hatte bereits Schuldige ausgemacht und sie vor gut zwei Wochen deutlich benannt: "...weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt." Ist der erkrankte Mensch der schlechtere Mensch? Was geschieht hier? "Corona trifft nicht alle gleich – schwindet die Solidarität?", so fragte Illner und hatte zum Thema außerdem diese Gäste eingeladen:

  • Jagoda Marinić, Schriftstellerin und Journalistin
  • Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Virusdiagnostik am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg
  • Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin in Mecklenburg-Vorpommern
  • Markus Söder (CSU) Ministerpräsident in Bayern
  • Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes

Nochmal Bürgermeister Esken, der auch einen Schuldigen zu benennen weiß: "Wir sind sauer auf das Virus." Was das bringen soll, ist zwar fraglich. Man denkt unweigerlich an Elias Canetti, den Literatur-Nobelpreisträger, der, und das ganz ernsthaft, den Tod verbieten wollte. Über die Firma Tönnies zu urteilen, vermied Esken hingegen: "Es ist nicht nur ein Tönnies-Problem." Sondern es gehe grundsätzlich um Werkvertragsarbeiter. Deren Arbeitskonditionen seien "nicht unbekannt" gewesen. Da hätte man doch gerne wissen wollen, warum man trotzdem nicht tätig geworden sei, um sie zu verändern und erst ein Virus, auf den man sauer ist, kommen musste, um auf den Missstand in aller Deutlichkeit hinzuweisen. Illner erkundigte sich leider nicht danach.

Alles fein, alles genial in Bayern?

In einem schienen sich alle Talkgäste einig zu sein: das Virus als "Brennglas". Das Wort fällt so oft, dass man es schon direkt nach der Sendung wegen inflationären Gebrauchs hätte aussortieren wollen. Das Sonderbare daran: Niemand findet es sonderbar, dass erst ein Virus kommen muss, um uns das Elend vieler Arbeits- und Wohnverhältnisse in Deutschland aufzuzeigen. Irgendwer da, der sich für das bisherige Wegschauen schämt? Am allerwenigsten braucht man da auf Markus Söder zu hoffen. Das Wort Scham wurde nun wirklich nicht für ihn erfunden. Stattdessen führt er auch in der Sendung wieder vor, dass alles genial ist, was Bayern macht und es deshalb genial ist, weil er Bayerns "Oberbestimmer" ist. Als sei's eine katholische Litanei, wiederholt er wieder und wieder, man habe alles, aber auch alles richtig gemacht – Illner ist anzusehen, dass sie von so viel selbstbezogener Lobhudelei sichtlich genervt ist."Das klingt wie eine Werbekampagne", findet Marinić und fragt außerdem: "Ist ein bayerisches Leben mehr wert als ein schwäbisches?" 

Dabei bezieht sie sich insbesondere auf Söders Plan von der Durchtestung Bayerns – kostenlos für alle. "Wir werden bis zu 30.000 Tests pro Tag als Kapazität anbieten", hatte der CSU-Politiker bereits am Dienstag angekündigt. Die Schriftstellerin verweist auf eine Aussage der WHO und damit auch auf eine, die Jens Spahn diesbezüglich äußerte: Die Tests würden eine "falsche Sicherheit" bieten. Das bestätigt auch Teichert: "Es bringt nichts, einmal zu testen." Das Ergebnis sei nur eine Aussage über den gegenwärtigen Zustand. Wenn, dann müsse man regelmäßig testen. Schwesig weist zudem darauf hin, dass Bayern nun wirklich nichts Neues anbietet. Auch in "ihrem" Bundesland gelte: Wer Symptome hat, wird getestet. Ebenso, wer zu Infizierten Kontakt hatte und wer mit Risikogruppen zusammenarbeitet. Teichert fügt an, dass man sich auch symptomlos testen lassen könne, und zwar bundesweit.

Man dreht sich im Kreise

Bundesweit ausdehnen würde Teichert auch gerne die Einreisebeschränkungen, die etwa Mecklenburg-Vorpommern und Bayern verhängt hätten: Menschen, die aus einem Hotspot kommen, dürfen nur mit einem negativen Corona-Test einreisen oder müssen sich gleich an Ort und Stelle testen lassen. Schwesig bemüht sich trotzdem, zu betonen: "Alle Urlaubsgäste sind willkommen." Schwesig hat überhaupt Sätze, die sich gut anhören. Sie kritisiert etwa Sigmar Gabriel wegen seiner Beratertätigkeit für Tönnies – "das geht nicht und das weiß Sigmar auch" – und man ahnt, man müsse eine Debatte führen, wie Fleisch zukünftig produziert werden solle. Mit dieser Debatte hätte man übrigens gleich beginnen können, doch weder den Gästen noch der Moderatorin scheint daran groß gelegen. Auch andere "zentrale Schmerzpunkte der Coronakrise", wie Marinić es formuliert, werden nicht weiter vertieft. Schon gar nicht lässt Söder Marinićs Vorwurf gelten, in Bayern sei die Sterblichkeitsrate in den Alten- und Pflegeheime die höchste in Deutschland. Es werde dort, so Söder, hervorragende Arbeit geleistet. Und Punkt.

So wurde, mitunter auch wegen mangelnder Bereitschaft zur Selbstreflexion, kaum Neues gesagt. Und leider viel zu wenig zu dem auf die Agenda gesetzten Thema. Neuigkeiten gibt es allerdings an der Viren-Front. Dass Forscher in China eine neue Art der Schweinegrippe entdeckt hätten – ein nächster Anlass zur Sorge? "Das bedeutet nicht, dass eine nächste Pandemie auf uns zurollt", beschwichtigt Schmidt-Chanasit. Entwarnung gab es auch in Bezug auf die Übertragung des Corona-Virus auf Lebensmittel: "Eine solche Übertragung gibt es nicht." Der Virologe warnte vor "Alarmismus". Und vor einem "Dauerzustand der Erregung". 


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