"Sleeper Cell" Der Terrorist in der Seifenoper


Jack Bauer ist langweilig geworden. Die Terror-Unterhaltung braucht dringend einen Richtungswechsel. Passenderweise folgt der folterfrohen Terroristenjagd von "24" mit "Sleeper Cell" eine einfühlsame Terror-Soap. Ein bisschen Bomben bauen, ein bisschen Sex, ein bisschen Küchenpsychologie, und fertig ist die Abendunterhaltung.
Von Sophie Albers

Sieben Jahre ist es her, dass die Bilder des zusammenstürzenden World Trade Center zu Ikonen eines neuen politischen wie kulturellen Machtkampfes wurden, zu Werbeplakaten für zu führende Kriege und zu Argumenten für die Einschränkung der Freiheit des Einzelnen. Die Welt werde nie mehr so sein wie vor dem 11. September 2001, hieß es. Und die Menschen saßen vor ihren Fernsehern und fragten sich, was Al Kaida wohl für ihr Leben bedeuten werde.

Ganz nüchtern betrachtet - zumindest was die unmittelbare Bedrohung angeht - weniger als erwartet. Denn die Wahrscheinlichkeit, bei einem Terroranschlag sein Leben zu verlieren, ist in Europa und den USA trotz der Anschläge in Madrid und London weiterhin äußerst gering. Auch wenn Politiker das Wort Terror gerne zur Durchsetzung neuer Bestimmungen im Munde führen: Wer im Juli 2008 in Berlin oder San Francisco zur Arbeit fährt, im Straßencafé sitzt oder im Einkaufszentrum shoppen geht, kann das ohne jedes Gefühl der Bedrohung tun.

So haben wir uns an den Terror gewöhnt, der da draußen irgendwo lauern soll. Weil er so abstrakt ist, bedienen wir uns der Fiktion, um ihn greifbarer zu machen. Weil es ja auch so schön gruselt. Dazu sitzen wir immer noch vor dem Fernseher. Filme und TV-Serien kitzeln die Nerven, die seit 2001 auf das Reizwort Terror anspringen. Machen sichtbar, was im Verborgenen schwelt. Das versprechen jedenfalls die Werbezeilen, denn der Zuschauer soll ja auch dranbleiben. Doch hat auch der beste Nervenkitzel ein Verfallsdatum.

Ende der Western-Fantasie

Das Konzept des TV-Hits "24", einer Serie, die kurz nach 9/11 anlief und den Antiterror-Agenten Jack Bauer durch die Welt holzen lässt, scheint nach sechs Staffeln ausgereizt. Diese Western-Fantasie der Lynchjustiz, des harten Kerls, der die Osama Bin Ladens dieser Welt zur Not allein erledigt, ist langweilig geworden. Der Präsident ist gefoltert, die Atombombe explodiert, und wir haben lange begriffen, dass Bauer alle zur Verfügung stehenden Arme, Beine und Köpfe abschneiden würde, um sein geliebtes Amerika zu retten.

Also musste eine neue Idee her, und die ist ganz einfach: Wie geht es eigentlich den Terroristen? Davon erzählt ab Freitag auf RTL2 die Serie "Sleeper Cell". Wir sind dabei, wenn Dschihadisten angeworben, Verräter gesteinigt, Anthrax geschmuggelt und Zweifel am Heiligen Krieg oder auch dem freiwilligen Zölibat diskutiert werden. Showtime Network stinkt damit gegen "24"-Sender Fox an. Doch der durchschlagende Erfolg der ersten Realtime-Serie war dem Religionskämpfer-Psychogramm bisher nicht vergönnt. Immerhin, es gab eine Emmy-Nominierung.

"Freunde. Nachbarn. Ehemänner. Terroristen" ist die Werbezeile zum ersten, einstündigen Teil von "Sleeper Cell", und der Zuschauer darf den Undercover-Agenten Darwyn al-Sayeed beim Einschleusen in die Schläferzelle begleiten. Leider ist "Sleeper Cell" weniger subtil als viele andere US-Serien - "24" eingeschlossen, die immer wieder mit beeindruckenden Twists aufwartet. So verkommt die Geschichte über den Oberbösewicht Faris al-Farik zur Klischeeshow mit Volkshochschulanklängen. Der Mann, in dessen Mobiltelefon die tödlichen Pläne zusammenlaufen, scheint zugleich Sinnbild der "Banalität des Bösen" sowie des morallosen Monsters. Am Ende heben sich die Bilder gegenseitig auf.

Volkshochschule im Privatfernsehen

Das große Problem von "Sleeper Cell" ist die Oberlehrer-Attitüde. Was auch passiert, wir kriegen eine politisch korrekte Erklärung für den Lauf der Welt: Die Verwicklung des CIA in Afghanistan wird genauso thematisiert wie das Versagen der UN in Ex-Jugoslawien. Es gibt eine Einführung in die Sitten und Gebräuche des Islam, denn Agent al-Sayeed ist gläubiger Muslim, der seine ignoranten Mitbürger gerne immer wieder aufklärt, dass nicht jeder Muslim ein Islamist ist. Dass der Mann mit Turban, der in der U-Bahn von weißen Halbstarken angegriffen wird, weil er zu "Osama" gehöre, ein Sikh ist, an etwas ganz anderes glaubt. Dass Araber schwarze Muslime nicht für "richtige" Glaubensbrüder halten. Dass die Sexverbote bei den Muslimen ähnlich sind wie die bei den Katholiken. Dass Konvertiten manchmal die besseren Extremisten sind.

Alles für sich genommen wahr, gut und richtig zu erklären, doch in der Ballung haben diese Vorträge die Schwere eines Moralhammers, der immer wieder auf den Kopf des Zuschauers knallt. Und der wird über kurz oder lang zum trotzig-gelangweilten Schüler. Das kann das US-Fernsehen besser. Richtig albern wird es, wenn es dann auch noch heißt, dass Datenpiraterie, also der Erwerb von gebrannten CDs und DVDs, den Terrorismus finanzieren helfe.

Droht der Spannungsbogen einzubrechen, was häufiger der Fall ist, gibt es relativ expliziten Sex zu sehen, denn "Sleeper Cell" erzählt auch eine Liebesgeschichte zwischen dem Agenten und einer alleinerziehenden Mutter. Doch auch die ist gesteltzt, die Dialoge teilweise absurd. Das Gebalze wirkt so abstrakt wie der Terror in unserem Alltag.

Was soll also noch kommen? Vielleicht gar nichts mehr, denn immerhin das Fernsehen hat es nun geschafft, den Terror in den Griff zu bekommen.

"Sleeper Cell", ab Freitag, 25. Juli, 20 Uhr 15 auf RTL2


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