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"The Voice"-Gewinnerin Natia Todua: "Ich bete, dass ich nicht plötzlich aufwache und all das nicht real war"

Vom Au-pair zur Soulröhre: Die 21 Jahre junge Georgierin Natia Todua begeisterte bei der Castingshow "The Voice of Germany" alle und holte sich mit über 50 Prozent der Stimmen am Sonntag den Titel. Unser Autor besuchte sie noch vor dem Finale in ihrer zweiten Heimat Bruchsal.

Von Robin Droemer

Natia Todua auf sitzt mit einer Gitarre auf dem Bett.

Janis Joplin und die Stones elektrisierten sie: Natia Todua, die in Deutschland vor einer Gesangskarriere steht. Am Sonntag gewann sie "The Voice of Germany 2017".

Vielleicht war es die kehlige Stimme von Janis Joplin, die Natia Toduas Feinmotorik störte. So genau weiß sie das heute nicht mehr. Woran sie sich gut erinnert, ist das Geräusch von splitterndem Porzellan; die Lache aus schwarzem Tee, die sich um ihre Füße ausbreitete. Und an das Gefühl, dass es nicht wichtig war, solange nur diese weiterlief.

Vier Jahre ist das jetzt her, und für Natia Todua hat die Musik nicht mehr aufgehört. Damals, als sie sie entdeckte, war ihr vor Erstaunen die Teetasse aus der Hand gerutscht. "Ich war wie elektrisiert. Ich wusste nicht, dass so etwas Tolles überhaupt existiert." Heute fallen solche Sätze, wenn von ihrer eigenen Stimme die Rede ist.

Natia Todua wuchs in Abchasien auf, einer kriegsgeplagten Kaukasusregion, die sich als selbstständig betrachtet, völkerrechtlich aber zu Georgien gehört. Gleich zweimal zerstörten Bomben das Haus ihrer Familie. Am Abend herrschte Ausgangssperre, russische Soldaten patrouillierten auf den Straßen. Vier Jahre später steht sie auf der Bühne der Castingshow "The Voice of Germany". Und singt mit so viel Soul in der Stimme, als sei sie im Mississippi-Delta aufgewachsen und nicht mit Volksmusik und Schlagern am Schwarzen Meer.

Natia Todua mit Coach Samu Haber und ihrer Mutter

Ein starkes Team: Natia hat nicht nur Coach Samu Haber an ihrer Seite, ihre Mutter (l.) kam extra aus Georgien angereist, um ihre Tochter zu unterstützen. 

Von Abchasien über Tiflis nach Bruchsal

Will man mehr über Natia Todua wissen, muss man nach fahren. Ein Städtchen zwischen Rastatt und Karlsruhe, eingebettet in badische Weinberge, wo selbst das Gefängnis so niedlich aussieht wie eine Burg von Playmobil. Natia Todua lebt erst seit ein paar Monaten hier. Handgeschrieben auf einem grünen Zettel, klebt ihr Name am Briefkasten der Familie Schmitt. Die Wohnung liegt im ersten Stock, aber schon auf halber Treppe trabt einem die junge Frau, blonder Zottelkopf, entgegen. Zur Begrüßung wird umarmt, fest und herzlich. Im Türrahmen wartet Rainer Schmitt, ihr Gastvater, ein rundlicher Mann mit roten Wangen.

Die beiden haben sich in Tiflis kennengelernt. Schmitt reiste das erste Mal 1993 nach Georgien, mitten im Bürgerkrieg. Er ist Arzt und hatte schon in vielen Ländern mit angepackt. Georgien aber ließ ihn nicht mehr los. Auch nach dem Krieg kam er immer wieder, kaufte sich hier sogar eine Wohnung. Während eines Urlaubs erlebten Schmitt und seine Frau Natia Todua, die damals in Bars auftrat, um sich ihr Studium zu finanzieren. "Ihre Stimme klang so einzigartig, dass wir sie nach dem Konzert ansprachen."

Natia Todua mit ihrer Gastfamilie, den Schmitts

Bei den Schmitts hat Natia ein zweites Zuhause gefunden.

Ich bete jeden Tag, dass ich nicht plötzlich aufwache und all das hier nicht real war

In Bruchsal führt Natia Todua ihren Besuch ins Wohnzimmer der Familie Schmitt. Die blonden Dreadlocks hat sie zu einem Turban hochgesteckt, auf dem Tisch stehen Linzer Torte und Badischer Käsekuchen. Natia Todua selbst nimmt nichts. Sie will jetzt ihre Geschichte erzählen. Die Geschichte einer Emanzipation durch Musik, ihres Wegs nach Deutschland und auch die Geschichte alter Wunden. "Ich bete jeden Tag, dass ich nicht plötzlich aufwache und all das hier nicht real war", sagt sie.

Bis nach Bruchsal ist es ein weiter Weg. Sie ist 17, als sie mit ihrer Mutter und ihren zwei Geschwistern nach zieht. Der Vater bleibt zurück in Abchasien. Die Familie trennt sich zum Wohl der Kinder, die Tochter soll in der georgischen Hauptstadt Gesundheitswesen studieren. Die Lage in Abchasien bleibt angespannt, das wieder und wieder aufgebaute Haus will der Vater aber nicht verlassen.

Freiheit in Tiflis

Für Natia Todua ist Tiflis die Stadt gewordene Freiheit. Sie hört Joplin, Pink Floyd, die Stones und macht sich Dreadlocks, auf der Straße drehen sich die Leute um nach diesem grazilen Wesen mit ihren – so empfinden es die Menschen hier – Wursthaaren. Ihre Mutter beobachtet die Verwandlung skeptisch. Die Tochter solle etwas Ordentliches lernen. Aber Natia hat sich schon entschieden. Sie will Sängerin werden. Und glaubt, dass man alles erreichen kann, wenn man sich nur genug anstrengt. Sie bewirbt sich bei einer georgischen , doch ihre besondere Stimme ist ein wenig zu besonders für das georgische Fernsehpublikum. Also reist sie in die Ukraine und probiert es erneut bei einem TV-Gesangswettbewerb. Auch hier scheitert sie.

Natia Todua recherchiert, dass man in Deutschland umsonst Musik studieren kann, wenn man gut genug ist. Weil man als Au-pair leichter ein Visum erhält, zieht sie erst einmal zu einer Familie nach Kirchheim unter Teck. Und bewirbt sich bei "The Voice of Germany" . Es reicht für einen Platz in den "Blind Auditions", so heißt die erste Runde der Fernsehshow.

Natia Todua im Finale von "The Voice of Germany 2017"

Konnte ihr Glück kaum fassen: Natia Todua nach der Verkündung ihres Sieges 

Das Dunkle im Innern

Bei ihrem ersten Auftritt im deutschen Fernsehen steht dieselbe Natia Todua auf der Bühne, die mit ihren Gasteltern im Wohnzimmer herumalbert. Die liebenswürdige Natia mit dem sonnigen Gemüt und der leicht naiven Art. Im Fernsehen leuchtet ihr Lippenstift ein bisschen zu rot für ihr pastellfarbenes Blümchenkleid. Eine Irritation, die gewollt ist. "Auf der Bühne fühle ich mich wie ein Kind, das alle Farben durcheinandermischt." Die Farben sollten Glück und Unbeschwertheit symbolisieren. "Ich brauche das, als Ausgleich zu dem, was in mir aufwacht, wenn ich singe."

An jenem Abend singt sie "I Put a Spell on You" von Screamin’ Jay Hawkins, einen Song, der Gefühl und Power verlangt. Die vier Juroren sind begeistert, jeder von ihnen will die georgische Souldiva für sein Team gewinnen – die größtmögliche Ehre für eine Kandidatin dieser Show. Woher nimmt dieses heitere Mädchen nur eine solche Stimme?

Eine Stimme mit vielen Facetten, die stark, sexy, aber auch brüchig sein kann. Ein verspieltes Kind singt so nicht. "Nur wenn ich singe, bin ich die echte Natia. Deshalb kann ich auch keine fröhlichen Lieder singen." Sie sitzt jetzt allein in ihrem pfirsichfarbenen Zimmer auf dem Boden, die Gitarre überm Knie. Draußen geht gerade die Sonne unter. "Ich habe schon ein paarmal versucht, fröhliche Lieder zu singen. Von ABBA zum Beispiel. Aber das ist nicht meine Realität."

An ihrer Garderobe hängt eine schwarze Lederjacke. Auf dem Rücken steht in weißer Fraktur "The Darkness within" . Was das Dunkle ist in ihrem Innern, will oder kann sie nicht klar benennen. Da sind die Kindheitserinnerungen einer zusammenbrechenden georgischen Welt, da ist das für lange Zeit anhaltende Unverständnis der Mutter, schließlich die ungewisse Zukunft in einem fremden Land. Trotz der rührend bemühten Familie Schmitt in Bruchsal.

Das eine, das Dunkle, gehört zum anderen, dem Hellen, dem Lichten – dem Erfolg. Macht sie das nicht glücklich? "Doch, ja, ich bin glücklich, weil ich mit meinem Gesang die Leute glücklich machen darf", sagt sie. Das mache sie leicht, "wie ein glücklicher Fisch, der nicht mehr im Aquarium schwimmt, sondern im Meer. Einfach frei" . Natia Todua sagt, es sei ihr inzwischen nicht mehr so wichtig, ob sie die Show gewinnen wird. Die überwältigenden Reaktionen des Publikums haben ihr Selbstvertrauen gestärkt. Über Facebook erhält sie viel Fanpost, man bietet ihr Konzerte und Gesangsunterricht an. Für ihren Auftritt im Halbfinale hatte ihr ein georgischer Designer ein Kleid geschneidert – ungefragt. Er hatte sie im Fernsehen gesehen.

Auch ihre Mutter ist inzwischen stolz, dass die Tochter in Deutschland so viel Erfolg hat. Selbst wenn es nicht der Weg ist, den sie sich für ihre Natia vorgestellt hatte. Natia kann das verstehen: "Sängerin zu sein gilt in Georgien nur als eine Möglichkeit, nebenbei etwas Geld zu verdienen. Hier aber, im Westen, kann es eine Karriere bedeuten." Es sieht ganz danach aus.

Castingshow auf ProSieben: Das sind die Finalisten von "The Voice of Germany"